Und was war, blicken wir zurück, mit diesem kritischen und dichterischen Wirken erreicht? Gebrochen war der Aberglaube an fremde Weisheit, den Deutschen der Mut zurückgegeben, in der Kunst sich eigene Pfade zu suchen. Selbständige Werke der Dichtung waren unserem Volke geschenkt, welche aller Glorie der französischen Dramatik vollauf die Wage hielten. Das Kunstverständnis endlich unseres Volkes ward geläutert, die Reinheit der Gattungen in der Kunst wiederhergestellt, der Vermischung von Dichtung und bildender Kunst in der beschreibenden Poesie, der Vermischung von Poesie und Prosa in dem Lehrgedichte ein Ziel gesetzt. Und noch der Lebende sollte die Früchte seines Schaffens schauen; denn nie wieder wagte unter uns ein Mann von Geist ein Lehrgedicht zu schreiben, und sah Lessing auf die jungen Stürmer und Dränger, so hörte er die Deutschen mit Stolz, ja mit Übermut wegwerfend reden von den einst vergötterten Franzosen.

Auch durch die beherrschende Vielseitigkeit seiner Bildung ist Lessing ein Bahnbrecher der gegenwärtigen Gesittung geworden. Der den theologischen Beruf entschieden von sich gewiesen, sollte der Theologie seit Luther die erste nachhaltige Umbildung bringen. Die Freiheit, die wir Luther dankten, die Begründung des Glaubens auf die Heilige Schrift, war selber eine neue Knechtschaft geworden. Lessing aber erkannte in den Schriften des neuen Bundes den Beleg, nicht die Quelle des christlichen Glaubens, und leitete also auf den Weg, den die wissenschaftliche Evangelienkritik der neuen Zeit weiter verfolgt hat. Nicht völlig neu war diese Richtung; freute sich doch selbst jener harmlose Hamburger Naturdichter Brockes, derselbe, der neun Bände lang das irdische Vergnügen in Gott besungen, im stillen an den geheimgehaltenen Streitschriften des Reimarus wider den Offenbarungsglauben. Neu aber war der Mut, herauszusprechen, was Tausende meinten, Schmach und Unglimpf zu ertragen von den „kleinen Päpsten”, denen Lessing zuerst das tausendmal nachgesprochene Wort entgegenwarf: lieber einen großen Papst als diese vielen kleinen — jener Mut, der am schneidigsten aus der „ritterlichen Absage” an Goeze spricht: „Schreiben Sie, Herr Pastor, und lassen Sie schreiben, soviel das Zeug halten will; ich schreibe auch. Wenn ich Ihnen in dem geringsten Dinge, was mich und meinen Ungenannten angeht, Recht gebe, wo Sie nicht recht haben, dann kann ich die Feder nicht mehr rühren!” Aber vergleichen wir selbst die heftigsten dieser Streitschriften mit den gleichzeitigen Angriffen der Franzosen auf die Kirche, so nehmen wir mit Erstaunen wahr, daß der deutsche Denker in der Sache die Romanen an Verwegenheit überbietet, in der Form hingegen jenes edle Maß einhält, welches, eine schöne Frucht deutscher Duldung, unsere freien Geister davor bewahrt, Freigeister zu werden in dem von Lessing gebrandmarkten Sinne.

Und läßt sich nicht aus diesem maßvollen Wesen des Denkers das Rätsel erklären: warum doch er, der hinwegschaute über alle geoffenbarten Religionen, für den alten Gedanken einer Union der christlichen Kirchen sich erwärmen konnte? Es ist ein großes Ding, die Weissagung des Genius; nicht heute, nicht morgen, nicht so erfüllt sie sich, wie der am Buchstaben haftende Deuter sie auslegt. Jene Union, belächelt als ein Unding von denen, die an der Oberfläche der Dinge verweilen — alltäglich, stündlich schreitet sie vorwärts, seit die Bildung des Protestantismus, die Ideen Lessings beginnen das Eigentum unseres ganzen Volkes zu werden. Auf eine solche Union, die alle kirchlichen Schranken überwunden hat, auf ein solches „neues Evangelium” deutet das reifste Werk dieser theologischen Kämpfe Lessings, die Erziehung des Menschengeschlechts. Seine ersten Schriften liegen noch jenseits der Grenze dessen, was modernen Menschen lesbar scheint; mit dieser tritt er bereits mitten hinein in die neue Wissenschaft. Denn lösen wir ab, was uns befremdet, die parabolische Hülle, und wir schauen als Kern: eine Philosophie der Geschichte; wir hören die Lehre von dem Fortschreiten der Menschheit und von dem Gott, der die ganze Welt beseelt, wir finden jenen historischen Sinn der Gegenwart, der in den positiven Religionen „den Gang des menschlichen Verstandes” erkennt und seinen stolz-demütigen Ausdruck erhält in Lessings Worten: „Gott hätte seine Hand bei allem im Spiele, nur bei unsern Irrtümern nicht?” Wohl mochte er empfinden, daß diesem kühnsten Fluge seines Geistes die Zeitgenossen nicht folgen konnten; darum bat er: lasset mich stehen und staunen, wo ich stehe und staune.

Auch die Dichtung, welche diesen Kämpfen entsproß, ragt hinaus über das Verständnis seiner, und soll ich nicht auch sagen: — unserer Zeit. Denn wohl in tausend Herzen lebt jenes Evangelium der Duldung Nathans des Weisen. Aber vor diesem Werke am schmerzlichsten empfinden wir, daß die besten Männer unseres Volkes Helden des Geistes waren; hier gerade tut sich vor uns auf eine unselige Kluft zwischen den Gedanken unseres Volkes und seinem politischen Zustand. Erst wenn die Ideen des Nathan in unserer Gesetzgebung sich vollständig verkörpert haben, dann erst dürfen wir uns rühmen, in einer gesitteten Zeit zu leben. Wie man auch denken möge über den Inhalt von Lessings theologischem Systeme — in einem mindestens ist er schon jetzt der anerkannte Lehrer unseres ganzen Volkes: er hat die sittliche Gesinnung vorgezeichnet, daraus alle wissenschaftliche Forschung entspringen soll. Er sagte: „Ich weiß nicht, ob es Pflicht ist, Glück und Leben der Wahrheit zu opfern. Aber das weiß ich, ist Pflicht, wenn man Wahrheit lehren will, sie ganz oder gar nicht zu lehren.” Zum Gemeinplatze geworden sind seine Aussprüche über das Recht der freien Forschung und noch hat keiner die Kühnheit jenes Wortes überboten: „Es ist nicht wahr, daß Spekulationen über Gott und göttliche Dinge der bürgerlichen Gesellschaft je nachteilig geworden; nicht die Spekulationen — der Unsinn, die Tyrannei ihnen zu steuern.”

Und alle diese Werke in einer durchsichtigen Form, daraus überall das leuchtende Auge des Denkers hervorblickt. Komisch beinahe, wie in seinen ersten Werken das leidenschaftlich bewegte Herz ankämpft gegen die Steifheit des überlieferten Verses. Wie anders der der ungebundenen Rede aufs nächste verwandte Jambus des Nathan und jene Prosa, die gar nicht anders kann als die augenblickliche Stimmung des Schreibers getreulich widerspiegeln! Die augenblickliche Stimmung, sage ich, denn wenn so häufig geklagt wird über die Widersprüche in Lessings Schriften, über die Schwierigkeit, aus seinen Briefen seine Herzensmeinung herauszulesen, so kann ich in dieser Klage nur den sichersten Beweis für die Wahrhaftigkeit, die Unmittelbarkeit seiner Schreibart finden. Wie ihm zumute war, hat er geschrieben, jede Regung der Neckerei, des Widerspruchsgeistes, jeden Einfall eines halbfertigen Gedankenganges rücksichtslos herausgesprochen, jeder Übertreibung übermütig eine andere entgegengestellt. Und eben weil ihn beim Schreiben nie der Gedanke störte, als könne je die Nachwelt über seinen Schriften grübeln, eben darum ist es so leicht, den einen ganzen Menschen aus allen seinen Widersprüchen herauszufinden.

Fragen wir endlich, wie Lessing sich stellte zu dem größten Gegenstande männlicher Arbeit, zum Staate, so ließe sich wohl dawider fragen: ist es nicht genug an den politischen Taten, die ich soeben geschildert? Waren es nicht politische Taten, als er die Schranken der bestehenden Stände durchbrach, als er ein Erzieher wurde des modernen Bürgertums, als er unserem Volke ein starkes Selbstgefühl zurückgab gegenüber der Kunst der Fremden und einer Nation gedrückter Kleinbürger den unendlichen Gesichtskreis der Humanität erschloß? Gewiß, nur jene sich liberal dünkenden Pedanten, welche alles staatliche Leben allein in bestimmten Verfassungsformen enthalten glauben, werden hierauf mit einem kurzen Nein antworten. Aber auch zu einem herzhaften Ja werden sich nur wenige zwingen. Denn gelernt haben wir endlich, jeden Mann zu fragen, ob er ein Vaterland habe, ob er das Wohl und Weh des Gemeinwesens als seine Lust und sein Leid empfinde? Hier aber erscheint modernen Augen eine Lücke in Lessings Bildung. Wer stimmt ihm nicht zu, wenn er die Freunde Ramler und Gleim tadelt, daß in ihren preußischen Kriegsliedern der Patriot den Dichter überschreie? Wer entschuldigt es nicht, daß dem Mitlebenden der welthistorische Sinn des Siebenjährigen Krieges verschlossen blieb, und er darin allein den großen Genius des Königs zu bewundern fand? Und doch, stellet eine Ode Ramlers oder das Lied des preußischen Grenadiers: „Auf einer Trommel saß der Held” neben jenen geistsprühenden Brief Lessings, der in solchem Patriotismus nur „eine heroische Schwachheit” sah — und ihr werdet gestehen, daß auf diesem Gebiete Lessing jene ärmeren Geister um ihren Reichtum beneiden konnte: sie waren reicher um die große Empfindung der Vaterlandsliebe.

Selbst in Tagen, die des freien politischen Lebens entbehren, entzieht sich keiner gänzlich der Einwirkung des Staates. So läßt sich auch von Lessing manches Wort und manche Tat aufweisen zum Belege, daß er die Unfreiheit, die Kleinheit des deutschen Staatslebens empfand: wie er gleich seinem Geistesverwandten Thomasius hinausstürmte aus der Zahmheit und Enge des kursächsischen Wesens, wie er mit überlegenem Lächeln auf den Gegensatz des Sachsentums und Preußentums hinabsah, wie er das engherzige Mäcenatentum des Pfälzer Kurfürsten hochsinnig zurückwies, wie auch ihm die Klage sich entrang: wann werde Deutschland je einem Beherrscher gehorchen? Aber blicken wir von solchen vereinzelten Zügen auf jene Freiheitstragödie Henzi, die von blinden Verehrern als ein ganz modernes Werk gepriesen wird, so erkennen wir sofort, wie ganz anders als die Gegenwart Lessings Tage sich zu den Kämpfen des Staatslebens stellten. Welche Armut der Motive hier bei ihm, der uns überall sonst durch den Reichtum poetischen Details entzückt! Wie künstlich wird doch die lebendige Fülle des Parteiwesens zugespitzt zu dem kahlen abstrakten Gegensatze von Tyrannei und Freiheit! Nicht bloß die Jugend des Dichters ist schuld an solcher Armut, die Gesinnung eines Bürgertums vielmehr spiegelt sich darin wider, das die werktätige Teilnahme am Staate noch nicht kannte und darum von dem Inhalt politischer Kämpfe noch keine Anschauung besaß. Offenbar hat Lessings Denken die politischen Fragen nur berührt, an wenigen Stellen berührt. Den Publizisten von Gewerbe rief er sogar, seinem praktischen Wesen getreu, die Mahnung zu, solche Dinge zu überlassen „dem Staatsmanne und vornehmlich demjenigen, den die Natur zum Weltweisen machen wollte, weil sie ihn zum Vorbilde der Könige machte”.

Trotzdem sind jene hingeworfenen politischen Gedanken Lessings keineswegs überlebt, nicht einmal erledigt. Denn wie man von der Humanität der Deutschen des achtzehnten Jahrhunderts gesagt hat, sie sei herabgestiegen vom Himmel auf die Erde, so hat auch Lessing, der die alltäglichen Pflichten des Staates übersah, einige der höchsten Probleme der Staatskunst beleuchtet, die erst eine ferne Zukunft lösen wird. Die Gesittung der Gegenwart steht zugleich über und unter den Ideen der Humanität unserer Väter. Sie blickt hernieder auf ein Volk von Privatmenschen, das den Patriotismus nicht kannte, aber demütig schaut sie empor zu jenen Weisen, die, menschlichen Sinnes voll, nach der Grenze fragten, „wo Patriotismus Tugend zu sein aufhört”. Mit der traurigen Wirklichkeit, die Lessing umgab, mit dem Elend der Notstaaten, darin er lebte, entschuldigen wir es, daß auch ihm, wie allen deutschen Denkern seiner Zeit, sehr schwer ward, die Notwendigkeit des Staates zu verstehen, daß auch ihn jene Frage beschäftigt hat, die ein Volk mächtiger und glücklicher Bürger nie lange betrachten mag, die Frage: ist die Abschaffung des Staates möglich oder zu wünschen? Desgleichen in die überwundene Epoche vorherrschenden Privatlebens verweisen wir seine Lehre, daß der Staat, obwohl er erst „den Anbau der Vernunft möglich mache”, doch nur ein Mittel sei für die Bildung des einzelnen Menschen. Aber weit hinaus über den Gesichtskreis der Nachwelt selber schweift er wieder, wenn er in den Freimaurergesprächen das tiefsinnige Problem durchdenkt: wie lassen sich die Übel der Beschränktheit und der Härte heben, die das Bestehen mehrerer Staaten notwendig hervorruft? Wie ist eine Verbindung möglich aller guten Menschen ohne Ansehen des Standes, des Landes und des Glaubens zum Zwecke rein menschlicher Gesittung? In diesen Worten, fürwahr, eröffnet sich die Aussicht auf einen menschlichen Verkehr der Völkergesellschaft, den erst ferne Tage schauen werden. Wie aber? Steht nicht dies Weltbürgertum ein Todfeind gegenüber dem ersten und berechtigtsten Streben der Gegenwart, dem Drange nach nationaler Staatenbildung? Ich denke, nein. So tiefsinnig, so überschwenglich reich ist das Leben der Staaten, daß niemals eine Geistesrichtung allein darin herrschen kann. Noch heute leben sie, jene Gedanken von dem Weltbürgertume, und eben jene dürfen sich heute Lessings getreueste Diener nennen, die — seinem Geist, nicht dem Klange seiner Rede folgend — am rührigsten für den nationalen Gedanken wirken. Wenn erst von den großen Kulturvölkern jedes zerrissene sich geeint, jedes geknechtete aus seinem Volksgeiste heraus seinen Staat sich gestaltet hat, wenn damit verschwunden sind die größten, die gefährlichsten Anlässe des Haders, die bisher Staat mit Staat verfeindet: dann erst wird jener gesicherte Verkehr der Menschen, jenes Weltbürgertum sich vollenden in einem tieferen, reicheren Sinne, als Lessing meinte, und allüberall wird man reden von seinem Sehergeiste. Dann auch wird die Welt den Kern der Wahrheit herausfinden aus einem Worte, das in dem schwer ringenden Menschengeschlechte niemals ganz sich verwirklichen darf — aus dem himmlisch milden: Was Blut kostet, ist gewiß kein Blut wert.

Und Lessing ahnte, daß Zeiten harten, aufreibenden staatlichen Kampfes unserem Volke kommen würden. Das bezeugt sein gehaltvolles Urteil über die Geschichte. Wie sicher begreift er das der Kunst verwandte Wesen der Geschichtschreibung, wenn er die Bildung des „Gelehrten und des schönen Geistes zugleich” von dem Historiker fordert. Und sollte wirklich nur eine skeptische Laune, und nicht vielmehr eine Ahnung der politischen Bedeutung historischer Wissenschaft sich aussprechen in seinem vielgescholtenen Paradoxon: im Grunde könne ein jeder nur der Geschichtschreiber seiner eigenen Zeit sein —? So scheinen ihm alle Vorteile umfassender archivalischer Forschung nichtig gegen die Vorzüge des zeitgenössischen Geschichtschreibers, daß er seinen Menschen bis in Herz und Nieren blicken, daß er seine Leser durch die Erzählung von ihrer eigenen Schuld und Strafe im Innersten ergreifen und — vor allem — daß er eine Macht werden kann unter den Lebenden.