Soll ich noch schildern, wie wenig die Mitlebenden ihm dankten, wie schwer das Geschick bis zum Ende ihn heimsuchte? Das widrige Sprichwort, das in jenen weichlichen Tagen von Mund zu Mund ging, das Wort: „Geteilter Schmerz ist halber Schmerz” hatte der Jüngling schon mit der stolzen Gegenrede abgewiesen:
Was nutzt mir’s, daß ein Freund mit mir gefällig weine?
Nichts, als daß ich in ihm mir zwiefach elend scheine.
Einsam ist er durch das Leben geschritten, und sein alle Weichheit des Gefühls mißachtender Sinn neigte sich zu dem Grundsatze antiker Sittlichkeit, der Weiber und Sklaven von den höchsten Forderungen des Sittengesetzes ausschloß. Dann hat ihm der klare und heitere Geist seiner Eva König jene treue und tiefe Neigung erweckt, die mit ihrem verständigen, derb bürgerlichen Wesen in den Herzensgeschichten der Dichter ihresgleichen nicht findet. Ein Jahr einer glücklichen Ehe lehrte ihn größer von den Frauen zu denken; dann am Abend seines Lebens entrang sich ihm jene schreckliche Klage: „Meine Frau ist tot, und diese Erfahrung habe ich nun auch gemacht. Es ist mir lieb, daß mir viele solche Erfahrungen nicht mehr übrig sein können, und ich bin ganz leicht.” Wenn er aber aus dem tiefen Schmerze hinausblickte in sein Haus und in die Welt der Kunst, so hat er sicher empfunden, daß seine Saat aufging. Die Kinder seines Weibes hörte er verkehren in dem Tone schlichter offener Herzlichkeit, er sah eine segensreiche Verwandlung des häuslichen Lebens und durfte sich sagen, daß er selber ein Großes daran gewirkt. Und in der Kunst, deren Fesseln er gebrochen? Da stürmte Götz von Berlichingen über die Bretter, und die Jünglinge klagten in überströmender Empfindung um die Leiden des jungen Werther. Mochte der Maßvolle der regellosen Weise des jungen Geschlechts zürnen und spotten über die weichen Gefühle, die seinen hellenischen Sinn nie berührt, und die Rechte der Kultur verteidigen wider Rousseaus Naturschwärmerei: — mit freudigem Verständnis hat er doch den Genius begrüßt, als Goethe jene grandiose Fabel besang, die zu ewig neuen Liedern den Sinn der Sterblichen begeistern wird, die Fabel von dem Lichtbringer Prometheus.
Um das Todesjahr Lessings ging von der Einsiedelei in Sanssouci die denkwürdige Schrift aus „Über den Zustand der deutschen Literatur”. Zu ihr möchte ich alle jene führen, die noch immer das Tendenzmärchen wiederholen, dem großen König habe das Herz gefehlt für unser Volk. Ist es nicht genug an dem einen Fluche der Deutschen, der noch heute gewaltig fortwirkt in allen Zweigen unseres Volkslebens bis hinab in die Sprache und die traulichen Umgangsformen des Hauses — daß Luther der einen Hälfte der Nation der gepriesene Erretter, der anderen ein Greuel ist? Noch fern ist die Zeit — doch auch sie wird erscheinen —, wo alles, was deutsche Zunge redet, den deutschen Helden in Luther begrüßen wird. Schon jetzt aber ist die Stunde gekommen, den anderen Mann, der nächst Luther am gewaltigsten für die neueren Deutschen gewirkt, von den Schmähungen zu entlasten, womit blinde Parteiwut ihn bedeckt hat. Nicht die preußische Neigung des heutigen Liberalismus hat unserem großen König den Ruhm eines nationalen Helden angedichtet; kein anderer als Goethe sprach das gute Wort: Friedrich der Große erst habe durch seine Taten unserem Volksleben jenen großen heroischen und nationalen Inhalt gegeben, den Lessing in schöne Formen bildete. Ihn, der also den Stoff geboten für die neuerstandene Dichtung — hören wir ihn reden über die Kunst der Deutschen! Klagen, bittere Klagen über die form- und zuchtlose Sprache, Klagen, daß unsere Sprache noch nicht in die Schnürbrust eines Wörterbuchs der Akademie eingezwängt sei, daß die Dramen Shakespeares, „würdig der Wilden von Kanada”, und die „abscheulichen Plattheiten” des Götz von Berlichingen das rohe Volk erfreuen! Wir erstaunen über diesen unerhörten Beweis der französischen Bildung des Königs und seiner gänzlichen Unkenntnis der deutschen Dichtung; doch lesen wir weiter in derselben Schrift, so redet uns mächtig zum Herzen die deutsche Empfindung desselben Mannes, der bewegte Ausdruck des Zornes und der Scham über solche Armut der Kunst seines Volks, das frohe Aussprechen endlich einer großen nationalen Hoffnung. Nicht an Geist gebreche es den Deutschen; schon sei der Ehrgeiz der Nation erwacht, „und vielleicht werden, die zuletzt kommen, alle Vorhergehenden übertreffen. Ich bin wie Moses”, ruft der König am Ende, „ich sehe das gelobte Land aus der Ferne, doch ich bin zu alt, um es je zu betreten”.
Nun halte man neben diese Worte des Königs Lessings berufene Klage: der Charakter der Deutschen sei, keinen eigenen Charakter haben zu wollen — in wie seltsamem Irrtum verfingen sich doch die beiden! Der König erwartet den Glanz unserer Dichtung von den französischen Regeln, und siehe, er kam durch die Freiheit. Der König meint in der Ferne das gelobte Land zu sehen, und siehe, er selbst stand mitten darin. Desgleichen der Dichter, der so schmerzlich fragte nach dem Nationalcharakter der Deutschen — hätte er lesen können in der Seele jener preußischen Soldaten, die bei Roßbach die Franzosen warfen und bei Leuthen in der Winternacht das „Herr Gott Dich loben wir” sangen, gewiß, er hätte begriffen: die lebendige Staatsgesinnung, die er suchte, sehr unreif war sie, doch sie war im Werden. So standen die beiden im Nebel der Nacht: der König, der einen Lessing suchte für unsere Kunst, und der Dichter, einen Friedrich suchend für unseren Staat. Inzwischen ist es Tag geworden, die Nebel sind gefallen, und wir sehen die beiden dicht nebeneinander auf demselben Wege: den Künstler, der unserer Dichtung die Bahn gebrochen, und den Fürsten, mit dem das moderne Staatsleben der Deutschen beginnt.
Und wäre es denn ein Zufall, daß achtzig Jahre nach Lessings Tode gerade sein Bildnis den Anstoß gab zu einem heilsamen Umschwunge unserer Bildnerkunst? Versuchen wir uns zu versenken in die Seele des Künstlers, dem jene Aufgabe ward. Sollte er Lessing bilden in der Toga — ihn, der das gespreizte Römertum der Franzosen erbarmungslos verspottete? Oder in dem beliebten Theatermantel — ihn, der im Leben jeden falschen Schein verschmähte? Da blieb kein Ausweg: kraftvoll, schlicht und wahrhaft wie er selber — oder gar nicht mußte Lessings Bild erscheinen. Und der glückliche Entschluß einmal gefaßt, hat unserm Rietschel jedes Glück des Genius gelächelt, aus jeder Not ward ihm eine Tugend. Der steife Haarbeutel ward ihm ein Anlaß, die vollendeten Linien des wallenden Haares zu zeichnen, und die Enge des kurzen Beinkleides erlaubte ihm, die gedrungene Kraft der Glieder zu zeigen. So sehen wir Lessings Bildnis vor uns — die erste Bildsäule der Deutschen, darin der entschlossene wahrhaftige Realismus der Gegenwart sich in höchster Ehrlichkeit offenbart — schmucklos und stark, gehobenen Hauptes, und diese trotzigen Lippen scheinen zu reden:
Was braucht die Nachwelt, wen sie tritt, zu wissen,
Weiß ich nur, wer ich bin.