An ähnlichen Zügen hoher lyrischer Schönheit sind die beiden Dramen reich. Sogar die Landschaft spielt mit, nach der Weise der lyrischen Dichtung; sie spiegelt wider oder hebt durch den Kontrast die Leidenschaften der dramatischen Helden. Nicht minder kommt des Dichters episches Talent zur Entfaltung in den zahlreich eingestreuten Erzählungen — kleinen Romanzen, die überall eine große Anmut und Sicherheit der Zeichnung verraten; ja die gesamte Weltanschauung des Dichters ist episch; seinen Kaiser schildert er nach homerischer Weise und mit den Worten des mittelalterlichen Erzählers:
Und seine Schulter ragt’ ob allem Volk.
Das eigentlich dramatische Talent dagegen hat sich Uhland in edler Bescheidenheit selbst abgesprochen. Nimmermehr wird es blinden Bewunderern gelingen, diesem Bekenntnisse des Dichters sein Gewicht zu nehmen. Uhland deshalb zu den ersten Dramatikern der Deutschen zählen, weil seine Dramen „nationale” Stoffe behandeln, das heißt prosaisch am Stoffe kleben und das Wesen aller Kunst verkennen. Wie im Wettstreit der Rede der ärmere Geist, der die Hörer durch rednerischen Schwung bezaubert, unfehlbar und mit vollem Rechte den helleren Kopf besiegt, welchem die hinreißende Gewalt der Rede fehlt: ebenso und mit gleichem Rechte triumphiert auf den Brettern der bühnenkundige dramatische Handwerker über den echten Dichter, der die Kunst der dramatischen Aufregung nicht versteht. So recht das Gegenteil jenes durchgreifenden, revolutionären Eifers, der den dramatischen Helden macht, ist die zähe Kraft des treuen Beharrens, welche das Pathos der Helden Uhlands bildet. Und wieder so recht das Gegenteil jener ganz bestimmten endlichen Zwecke, welche der dramatische Held verfolgen soll, ist jene gegenstandslose sittliche Begeisterung, die einen guten Plan verwirft, weil nichts darin zu finden sei, „nichts, was begeistern könnt’ ein edles Herz”. Nur selten zeigt Uhlands Dialog das dramatische Platzen der Geister aufeinander; mit vorgefaßten Entschlüssen treten zumeist seine Menschen auf die Bühne, erzählen, sprechen ihre Empfindungen aus und die Szene schließt oft ohne jedes dramatische Ergebnis. Auch widerstrebt es dem warmen Herzen des Dichters, das Böse mit dem unbefangenen Behagen des Dramatikers zu schildern. Die politischen Pläne, die er seinen Helden in die Seele legt, erscheinen als Beiwerk, nicht als ein Pathos, das den ganzen Menschen erfüllt. Auf der Bühne tritt den modernen Hörern das fremdartige Wesen der Kulturformen und der Empfindungen des Mittelalters sehr auffällig entgegen, um so auffälliger, da der Dichter manche Szenen — den Kirchenbann, den Ritterschlag — sichtlich nur deshalb mit Vorliebe behandelt hat, weil der romantische Reiz des fremden Kostüms ihn lockte, nicht weil sie dramatisch notwendig waren.
Dergestalt sind diese Dramen rasch von der Bühne verschwunden. Dem Leser wird ihre lyrische Schönheit immer teuer bleiben, und eben darum wird er mit reinerer Freude vor dem älteren der beiden Werke verweilen. Willig vergißt er den verfehlten Bau des „Ernst von Schwaben”, dessen Handlung mit dem Höhepunkte beginnt, denn gar zu liebenswürdig tritt uns aus dem Bilde der beiden treuen Freunde das warme reine Herz des Dichters entgegen. Das Schauspiel „Ludwig der Bayer” ist, obwohl es Schritt für Schritt den Berichten der alten Chronisten folgt, doch weit kunstgerechter gebaut als das Erstlingsdrama, und ohne Zweifel hat keiner der späteren Bearbeiter dieser undramatischen Fabel den schwäbischen Dichter erreicht. Aber der spröde Stoff gewährte hier Uhlands lyrischem Talente weniger Spielraum. Am reichsten entfaltet sich diese Begabung in dem Fragmente „Konradin”. Keine andere Fabel unserer Geschichte kam allen Idealen dieses Dichters und dieser Zeit so willig entgegen. Noch ein anderes schönes Bruchstück hat er uns hinterlassen, das kleine Epos „Fortunat”. Es ist lehrreich, zu beobachten, wie auch ein so schlichter, aller Paradoxie abgeneigter Dichtergeist durch den Reiz des Kontrastes zum Gesange begeistert werden kann. Diese übermütigen, mutwilligen Verse entstanden dem ernsten, strengen Manne in Tagen schwerer Sorge um Haus und Staat. Aber seltsam, wie er, der in seinen kleinen Gedichten uns durch die gedrungene Kürze der Darstellung in Erstaunen setzt, bei größeren Entwürfen ins Weite zu gehen liebte. Schon der zweite Gesang des Fortunat ist eine Abschweifung nach Ariostischer Weise, und eben deshalb mag auch die Vollendung des anmutigen Gedichts unterblieben sein.
Der Dichtung Uhlands schaut keiner auf den Grund, der nicht Kunde hat von seinem wissenschaftlichen Wirken. Er selber sagte scharf: „wer sich nicht mit meinen Studien befaßt hat, kann auch nicht über mich schreiben.” Die lebensvolle poetische Schilderung unserer Vorwelt erwuchs ihm aus gründlicher gelehrter Kenntnis. Wohl durfte er von seinen alten Büchern rühmen: „Durch ihre Zeilen windet ein grüner Pfad sich weit.” Dank den Romantikern: nicht mehr eine ermüdende Masse gleichgültiger Namen brachten die Gelehrten heim aus der Erforschung unserer Vorzeit. Die Seele unseres Volkes in der Vorwelt erschloß sich den Nachlebenden, und Uhland hat ein Großes mitgeschafft an diesem Werke deutscher Wissenschaft. Ein gutes Wort aus seinen letzten Jahren bezeichnet schlagend, wie er Sinn und Ziel seines wissenschaftlichen Schaffens verstand. „Eine Arbeit dieser stillen Art,” schreibt er einem Freunde, „setzt sich freilich dem Vorwurf aus, daß sie in der jetzigen Lage des Vaterlandes nicht an der Zeit sei. Ich betrachte sie aber nicht lediglich als eine Auswanderung in die Vergangenheit; eher als ein rechtes Einwandern in die tiefere Natur des deutschen Volkslebens, an dessen Gesundheit man irre werden muß, wenn man einzig die Erscheinungen des Tages vor Augen hat, und dessen edlern, reinern Geist geschichtlich darzustellen um so weniger unnütz sein mag, je trüber und verworrener die Gegenwart sich anläßt”. Der Gedanke einer Geschichte der deutschen Dichtung im Zeitalter der Staufer, einer schwäbischen Sagenkunde beschäftigte ihn lange, und wenn von diesen weitaussehenden Plänen nur einiges — dies wenige allerdings meisterhaft — ausgeführt ward, so erraten wir leicht den Grund: für den Lyriker liegt der Reiz des Schaffens im Anlegen und Erfinden. Streng methodisch wie nur sein Freund Immanuel Bekker betrieb er diese germanistischen Studien, aber auch den Dichter erkennen wir wieder in dem Verfasser des schönen Buches „Walther von der Vogelweide”, woraus oben einige bezeichnende Urteile mitgeteilt wurden. Seine einfach edle Prosa ist nicht weniger künstlerisch als der Wohllaut seiner Verse. Wie dem Künstler ziemt, suchte er hier aus der Person des Dichters die Dichtung zu erklären und brachte also in die Literaturgeschichte des deutschen Mittelalters einen neuen notwendigen Gesichtspunkt. Nur die geschichtliche Bedeutung und den ästhetischen Wert der Gedichte unserer Vorzeit hatte man bisher gewürdigt, noch nicht sie betrachtet als Offenbarungen reicher dichterischer Persönlichkeiten.
Nicht minder den Dichter erkennen wir, wenn er in der für die germanische Mythologie Epoche machenden Abhandlung über den Mythus vom Tor nicht nur den allegorischen Sinn der alten Naturmythen enträtselt, sondern auch den Heidengott uns menschlich nahe führt und in dem Bändiger aller tobenden Elemente uns den demokratischen Gott zeigt, den gewaltigen Arbeitsmann, den geliebten Freund des Volkes, den der Bauer neckend am roten Barte zupft. Froh und heimisch fühlt sich der rüstige Mann unter dem starken Volke, das „im Donnerhalle die Nähe seines Freundes erkennt”. Und fröhlich zog er auf weite Wanderfahrten, um aus Fels und See, aus dem Geiste des Ortes selber die Gestalten unserer Sagen greifbar und lebendig hervorsteigen zu sehen. An der Hand der Natur führten dann seine Beiträge zur schwäbischen Sagenkunde den Leser in die fremde Welt halbverschollener Überlieferungen ein. Wir steigen mit ihm auf die Trümmer des alten Schlosses Bodman am Bodensee, wir hören den Schall entfernter Glocken leise über den rauschenden See her klingen und wir verstehen, wie einst hier in karolingischer Zeit den schlafenden Hirten Pipin das wonnevolle Geläute zum fernen Kloster lockte. Wir sehen den Nebel über den Wassern sich ballen, der den Schiffer beirrt und die Reben mit kaltem Reife schädigt, und wir begreifen, wie die Launen des Nebelmännleins seltsam hineinspielen in das Geschick des alten Geschlechtes der Bodman.
Uhlands erstes gelehrtes Werk war eine Abhandlung über das altfranzösische Epos gewesen, und das feine Verständnis der Volksdichtung, das die Kenner in diesem Aufsatze erfreut, bewährte sich auch in den jahrelangen Forschungen für sein letztes größeres gelehrtes Werk über das deutsche Volkslied. Der Tod hat den bedachtsamen Arbeiter in diesem Unternehmen unterbrochen. Vollendet ist nur der Vorläufer der verheißenen Abhandlung, die köstliche Sammlung deutscher Volkslieder, die in jedem guten deutschen Hause eine Stätte finden sollte, denn sie ist, was der Sammler wollte, „weder eine moralische, noch eine ästhetische Mustersammlung, sondern ein Beitrag zur Geschichte des deutschen Volkslebens”. Wie „Des Knaben Wunderhorn”, dem Uhlands Jugend so Großes verdankte, verrät auch diese Sammlung, daß schönheitskundige Dichterhände die Auswahl geleitet; aber an der Vergleichung beider Werke ermessen wir zugleich den ungeheuren Fortschritt der germanistischen Wissenschaft von dilettantischer Unfertigkeit zu kritischer Strenge. Schwerlich ist es ein Zufall, daß der Sammler den bedeutenden wirksamen Platz am Schlusse seines Buches den Liedern des streitbaren Protestantismus angewiesen hat. Des Kranzes letzte Blätter sind: „Eine feste Burg ist unser Gott” und jenes herrliche Lied eines sächsischen Mädchens aus den Tagen des Schmalkaldischen Krieges:
Stets soll mein Angesicht sauer sehn,
Bis die Spanier untergehn —
der kräftige Ausdruck einer großen politischen Leidenschaft, die seitdem die Seele der mitteldeutschen Stämme leider nie wieder so gewaltig erschüttert hat.