In mannigfachen Formen (schon vielen ist dies aufgefallen) kehrt in Uhlands Gedichten ein Idealbild wieder — der streitbare Sänger: mag der Dichter den Normannen singend und die schweren Schwerter schleudernd vor dem Eroberer reiten lassen, mag er Äschylos und Dante preisen, weil sie für Freiheit und Vaterland gesungen und gestritten, oder Körners Schatten heraufbeschwören zu zorniger Mahnung an die Überlebenden. In friedlichem, aber nicht minder ernstem und aufregendem Kampfe hat er selber sich zu diesen Sängern und Helden gesellt. Die Zeit ist hoffentlich nahe, da wir Deutschen aufhören werden, etwas Auffälliges zu sehen in dieser Verkettung bürgerlichen und künstlerischen Ruhmes. Wie wir neuerdings in Italien der ruhmvollen Erscheinung begegnen, daß unter den namhaften Denkern und Künstlern kaum einer sich findet, der nicht sein Herzblut hingäbe für das freie und einige Italien: so beginnt unter den Deutschen eine ähnliche Wandlung sich zu vollziehen. Das Herz der Nation kehrt sich ab von jenen Künstlern, die neben dem großen politischen Kampfe der Gegenwart kalt zur Seite stehen. Seltener, schüchterner immer tönt das vordem in diesen Kreisen oft gehörte Wort, dem Künstler zieme nicht sich zu kümmern um die Abstraktionen der politischen Debatte, „weil er sich kein Bild davon machen könne”. Der politische Kampf der deutschen Gegenwart ist nicht ein Streit um diese oder jene Staatseinrichtung, wie eine Doktrin, ein Klasseninteresse sie fordert. Es gilt, der Nation das Unterpfand jedes schönen Erfolges, das stolze Selbstgefühl zu retten. Was irgend krankt in unserem Volksleben, in Kunst und Wirtschaft, Glauben und Wissen, nicht eher wird es völlig gesunden, als bis die Deutschen ihren Staat gegründet. Das Geschlecht von Dichtern aber, dem die Kleist, Arndt, Uhland angehören, war das erste in Deutschland, welches diese unmittelbare sittliche Bedeutung der Staatsfragen begriff und solche Erkenntnis in Taten bewährte. Als König Ludwig von Bayern um das Jahr 1841, in der unheilvollsten Zeit seiner Regierung, mit dem Plane umging, einen deutschen Dichterverein zu gründen, und den schwäbischen Dichter zum Beitritt auffordern ließ, da erklärte Uhland dem Minister v. Schenk in einem tapferen Briefe, was er denke über die Pflicht des Dichters gegen das Vaterland. „Bei Deutschlands politischer Zersplitterung,” heißt es da, „kann auch der bestgemeinte Vorschlag zur idealen Einigung eher verletzen als ermutigen; immer nur der Stein statt des Brotes! — Wenn die deutsche Dichtkunst wahrhaft national erstarken soll, so können ihre Vertreter nicht auf ein historisches oder idyllisches Deutschland beschränkt sein; jede Frage der Gegenwart, wenn sie das Herz bewegt, muß einer würdigen Behandlung offen stehen.”
Sehr laut, fast überschwenglich ist neuerdings Uhlands politisches Wirken gepriesen worden. Der Kaltsinn gegen die Kunst, diese Krankheit der Gegenwart, offenbarte sich auch darin, daß in vielen Nekrologen der Dichter wie ein patriotischer Landtagsabgeordneter erschien, der nebenbei auch Verse geschrieben. Wohl ist es nicht leicht, diesen verschlossenen Charakter zu durchschauen, der selten in Gesprächen oder Briefen die Beweggründe seines Handelns angab. Nur diese Behauptung dürfen wir zuversichtlich aufrechterhalten: Uhlands dichterisches und gelehrtes Schaffen war nicht bloß fruchtbarer als seine politische Wirksamkeit, es wurzelte auch ungleich tiefer in seinem Gemüte. Uhland war weit weniger als Kleist oder Arndt eine politische Natur; das Unglück des Vaterlandes erfüllte den ruhigen Mann nicht mit jener heißen Leidenschaft, die jeden andern Gedanken übertäubt; gleich den ausschließlich ästhetischen Geistern des älteren Dichtergeschlechts war ihm noch möglich, während der krampfhaften Aufregung des Freiheitskrieges sich die selige Ruhe künstlerischen Wirkens zu bewahren. Nicht in die Wiege gebunden war ihm die Lust am Streite, wie einem Lessing; ihn erfüllte nur das unabweisliche Verlangen, rein und unsträflich vor seinen Augen dazustehen. Wie konnte er also zurückstehen, wenn um die höchsten sittlichen Güter unseres Volkes gestritten ward? Zudem hatte er seinen natürlichen Rechtssinn geschult in den juristischen Studien, die er ohne Freude, aber mit Ernst und Nachdruck trieb, und war früh mit den Ideen des modernen Liberalismus vertraut geworden. Seine schmucklos bürgerliche Art, „dickrindig und schier klotzig”, wie Chamisso sie einmal übermütig nannte, diese keusche Wahrhaftigkeit sah mit bitterem Ekel auf die Leichtfertigkeit der Höfe, auf das vornehme Spielen mit dem Ernste des Lebens. So ward er, der seine gelehrte Arbeit und den besten Teil seiner Dichterkraft unserer Vorzeit widmete, im Leben ein Streiter für die modernen Volksrechte. Bestechend, aber verkehrt ist Heinrich Heines Versuch, aus diesem scheinbaren Widerspruche von Leben und Dichtung das frühe Verstummen von Uhlands Gesang zu erklären. Wir wissen längst, daß nicht „das katholisch-feudalistische”, sondern das volkstümliche Element der mittelalterlichen Gesittung seine dichterische Neigung vorwiegend anzog; also haben seine poetischen Arbeiten seinen vaterländischen Sinn vielmehr gekräftigt. Nur einzelne kleine Schwächen seiner Poesie lassen sich allerdings auf dies zwiegeteilte Streben zurückführen. Wenn dann und wann ein Ritter, ein Mönch seiner Balladen uns mit allzu blassen Farben gemalt scheint, so erinnern wir uns: ein durchaus moderner Mensch hat dies Bild geschaffen, der bereits mit hellem Bewußtsein auf das Mittelalter als auf eine versunkene Welt zurückschaut.
Es ist nicht ganz richtig, wenn Uhland kurzweg den Dichtern der Freiheitskriege zugezählt wird. Der Heldenzorn jenes Kampfes tönt uns mit voller Gewalt nur aus den Liedern der Arndt, Körner, Schenkendorf entgegen, die mitteninne standen in dem Schlachtgetümmel. Dem Schwaben war dies schöne Los versagt; darum hören wir aus den Liedern Uhlands in dieser Zeit nur die Stimme des erregten Beobachters, nicht des Kämpfers. Besonders schön hat er die Angst der Guten geschildert, da die letzte Entscheidung sich verzögerte, bis ihm endlich sein heißer Wunsch erfüllt ward:
Das edle Recht, zu singen
Des deutschen Volkes Sieg.
Demutsvoll stand er zur Seite und fragte sein Land:
Nach solchen Opfern heilig großen
Was gälten diese Lieder dir!
Erst nach dem Frieden, als Süddeutschland der Brennpunkt unserer staatlichen Kämpfe war, begannen die großen Tage seiner politischen Dichtung, welche nun, da der Norden ermattet schwieg, den Geist jener nordischen streitbaren Sänger getreulich bewahrte.
Der württembergische Verfassungsstreit brach aus. Schon als Arbeiter im Justizministerium hatte der junge Jurist erfahren, was die Willkürherrschaft des geistvollsten und ruchlosesten der Napoleonischen Satrapen bedeute. Jetzt, ein unabhängiger Rechtsanwalt in Stuttgart, ward er der beredte Mund des empörten Rechtsgefühls seines Stammes. Er forderte das alte Recht zurück, verwarf sowohl die neue vom König Friedrich eigenmächtig geschaffene Verfassung als die wohlmeinende Vermittlung des Nachfolgers König Wilhelm und seines alten Gönners, des Ministers Wangenheim, schrieb unermüdlich Adressen, Flugschriften und die „Vaterländischen Gedichte”. Zu ihnen möchte ich alle Verächter der politischen Dichtung führen, damit sie erkennen: ein echter Dichter ist, derweil er singt, immer im Rechte. Auch wer das starre Festhalten der Altwürttemberger an dem alten Rechte politisch verwirft, muß ergriffen werden von dem so männlich-stolzen und so christlich-demütigen Gebete:
Zu unsrem König, deinem Knecht,
Kann nicht des Volkes Stimme kommen.
Und wenn irgendwo, so ist hier Uhland der deutschen Dichterweise treu geblieben und hat die Form seiner Lieder sich schaffen lassen durch den Inhalt. Dichter und Staatsmann hatten schier die Rollen ausgetauscht: der phantastischen, dreist experimentierenden Staatskunst Wangenheims stand der Sänger mit der nüchternen bedachtsamen Mahnung gegenüber, das Altbewährte treu zu hüten. Wirken sollten die Lieder, haften im Gedächtnisse des Volkes. Darum die einfachste Form für den einfachen Inhalt, unermüdliche Wiederholung, schmucklose, allen verständliche, dann und wann fast prosaische Worte: