Nach wenigen Jahren rief ihn eine abermalige Wahl in die Kammer von seinem gelehrten Wirken ab. In den zwanziger Jahren hatte sich die Opposition in Württemberg vorwiegend auf örtliche Zwecke beschränkt. Ein fleißiger Arbeiter in den Kommissionen, ein karger, ungewandter Redner, aber wenn er sprach, schlagend, gedankenreich, entschieden, war damals Uhland für den von der Regierung mißhandelten Friedrich List in die Schranken getreten, hatte gewirkt für die Neuordnung der Rechtspflege, namentlich die Unabhängigkeit des Richterstandes, und für die Minderung der Militärlast. Höhere Ziele steckte sich die Opposition nach der Juli-Revolution. Noch immer freilich blieb unter den deutschen Liberalen die alte weltbürgerliche Neigung lebendig; diese Gesinnung hatte Uhland vordem zum Eintritt in die Philhellenenvereine bewogen, ihr verdanken wir auch eines seiner besten Gedichte, die Ballade „Die Bidassoabrücke” zum Preise des Verwegensten der Spanier, Mina. Jedoch unter den Besseren wenigstens „prägte sich jetzt — nach Uhlands Worten — ein deutscher Liberalismus aus, der die freisinnige Idee mit der Vaterlands-Ehre zu verbinden trachtete”. Als Süddeutschland fürchten mußte, durch die absolutistische Tendenzpolitik Österreichs in einen Krieg gegen das liberale Frankreich hineingerissen zu werden, und die nicht minder verblendete Parteiwut vieler Liberalen freudig den Augenblick ersehnte, der den Südwesten zum Verrat an Deutschland, unter die „liberale” Trikolore der Fremden führen würde — in diesen angstvollen Tagen wandte sich das Auge der Besseren über die roten Grenzpfähle hinaus den deutschen Bruderstämmen zu. Man empfand bitter den Mangel einer Volksvertretung in Österreich und Preußen und „die Unnatur der deutschen Zustände, daß die schwächeren Schultern die Träger der größeren Volksrechte sein sollen”. Aber unverzagt mahnte Uhland die Freunde, „unsere ehrenvolle Bürde, das zukünftige Eigentum des gesamten Deutschlands, einer helleren Zukunft entgegenzutragen”.

Mit dem stolzen Bewußtsein eines ernsten nationalen Berufs betrat die Opposition den Ständesaal. Der Landtag des Jahres 1833 ward einer der wichtigsten in Deutschland vor der deutschen Revolution. Nicht nur eine große Zahl von Talenten füllte das Haus: hier ward auch zum ersten Male grundsätzlich eine Lebensfrage der Politik des deutschen Bundes erörtert. Die sittliche ebenso sehr als die politische Pflicht gebot, daß einem großen politischen Lügensysteme ein Ende gemacht werde, daß die konstitutionellen Regierungen nicht mehr durch Bundesbeschlüsse im Geiste des Absolutismus sich ihres Verfassungseides entheben ließen. Darum stellte Paul Pfizer seine berühmte Motion, daß der Verfassung widersprechende Bundesbeschlüsse in Württemberg keine Geltung haben sollten. Umsonst zeigten befreundete Landsleute in der Ferne, wie Wurm, die Unausführbarkeit des Antrags. Es war und ist ein Widersinn, daß ein Bund konstitutioneller Staaten von einer absolutistischen Körperschaft geleitet wird; der Unwille darob ward unter den Liberalen so übermächtig, daß sie, die Verfechter des Einheitsgedankens, den Teil grundsätzlich über das Ganze stellten — ein denkwürdiges Symptom der Verwirrung und Verbildung deutscher Politik. Das Verlangen der Minister, die Kammer solle die Motion mit verdientem Unwillen zurückweisen, ward mit einer scharfen Adresse aus Uhlands Feder beantwortet. Hierauf erfolgte die Auflösung und eine Reihe von Ereignissen, welche in jener Zeit der politischen Unschuld ungeheures Aufsehen erregten, während die Gegenwart bereits an einen weit roheren Mißbrauch der Regierungsgewalt gewöhnt ist. Schon von dem aufgelösten „vergeblichen Landtage” hatten die Minister ihre Gegner durch gesuchte Gesetzesauslegungen auszuschließen getrachtet; Uhland war damals für die Gültigkeit der Wahl seines alten Gegners Wangenheim aufgetreten in einer Rede, die seinem Herzen Ehre macht. Jetzt wurden diese alten Künste der Regierung weiter ausgebildet. Uhland, abermals gewählt, erhielt den Urlaub nicht und legte rasch entschlossen seine Professur nieder.

Von neuem entspann sich der Streit wider die verfassungswidrigen Bundesbeschlüsse. In diesen Debatten verkündete Uhland in schwungvoller Rede den nationalen Beruf der süddeutschen Opposition und sprach das kühne Wort: „Diese Rechte und Freiheiten werden einst von einer deutschen Nationalvertretung zur vollen und segensreichen Entfaltung gebracht werden.” Was er schon während des alten Verfassungsstreites dunkel geahnt, sah er jetzt klar vor Augen: daß alle Sünden der Einzelstaaten ihre Wurzel haben in dem Mangel einer volkstümlichen einheitlichen Verfassung Deutschlands. Darum deckte er bei der Beratung des Militärbudgets schonungslos das große Übel auf, das alle Militärdebatten in den Kleinstaaten noch heute verbittert und vergiftet. Er fragte: „Hat sich die Einigung im Bunde selbst schon als eine in der Nation begründete erwiesen? Kann bei solchem Stande der Dinge Württemberg wissen, unter welcher größeren Fahne und zu welchen Zwecken seine Truppen zunächst ausziehen werden?” Nicht zufrieden mit der unfruchtbaren abwehrenden Haltung dem Bunde gegenüber, sprach er jetzt ein altes wohlberechtigtes Verlangen der Liberalen aus: er forderte, daß die Minister wegen der Instruktionen an die Bundestagsgesandten den Kammern Rede stehen sollten.

Heftiger von Jahr zu Jahr wurde die Erbitterung. In ihrem allerdings wohlbegründeten Mißtrauen gegen die Minister stimmte die Opposition einmal sogar für die Verwerfung des gesamten Budgets, ja, befangen in kleinstädtischen volkswirtschaftlichen Begriffen und voll Widerwillens gegen Preußen, erklärte sich Uhland sogar gegen den Beitritt Württembergs zum deutschen Zollvereine. Auch er litt an jener Verblendung, womit die meisten Liberalen des Südwestens in jenen Tagen behaftet waren: stolz auf sein schwäbisches „konstitutionelles Leben”, das doch in Wahrheit die Willkür der Krone nicht wesentlich beschränkte, handelte er unwillkürlich als Partikularist. Aus Liebe zu Deutschland ward er mitschuldig an der unseligsten politischen Sünde des alten Liberalismus: er widerstrebte dem großartigsten und wirksamsten Versuche einer praktischen Einigung des Vaterlandes, der seit Jahrhunderten gewagt worden! Dies Verfahren ist um so befremdlicher, da Uhland selbst bald nachher die Unfruchtbarkeit der kleinen Landtage für das große Vaterland scharf erkannte: „Wir stehen an der Grenze einer lebendigen Wirksamkeit auf diesem Wege,” schrieb er 1840, „der Bündel ist nicht zustande gekommen, das Beil hat kein Heft und die Stäbe liegen zerknickt umher.” Endlich, im Jahre 1839, beging die Opposition einen letzten verhängnisvollen Fehler. Wie oftmals in reichen, warmen Gemütern, liegt auch in dem tüchtigen Charakter der Schwaben ein Zug von unberechenbarem Eigensinn, von pessimistischem Trotz. Häufig in ihrer Geschichte, und immer zum Unheile des Landes, war er zutage gekommen; so während des Verfassungsstreites, so jetzt wieder in anderer Weise, als die Uhland, Schott, Pfizer, Römer, vereinsamt unter dem gleichgültigen Volke, auf die Wiederwahl verzichteten. Dergestalt war der Landtag seiner besten Kräfte beraubt, und dem schwäbischen Staatsleben, das in seinem abgeschlossenen Sonderdasein dringender als die meisten anderen Staaten der fortwährenden Mahnung an die nationalen Pflichten bedarf — ihm fehlten fortan gerade jene liberalen Talente, welche freieren Blicks über die Landesgrenze hinausschauten.

Das zurückgezogene Leben, das der Dichter nun in Tübingen begann, fiel gerade in die Tage, da von seiner Heimat jene kühne theologische Bewegung ausging, welche durch das Auftreten von David Strauß veranlaßt war. Abermals bewährte sich der alte Romantiker als ein moderner Mensch. Den vorurteilsfreien Forscher erschreckte es nicht, daß die Grundsätze der wissenschaftlichen Kritik, die ihm selber das Verständnis der heidnischen Götterlehre erschlossen hatten, jetzt auf die christliche Mythologie angewendet wurden. Der theologische Streit lag seinem Sinne fern, doch verteidigte er die Verketzerten und ihr Recht der freien Forschung. Einen anderen modernen Gedanken dagegen, der gleichfalls in seiner Umgebung gehegt ward, hat er nie verstanden. Jenen zukunftreichen politischen Plan, der einst als unbestimmte ferne Hoffnung vor Fichtes Seele geschwebt und dann in Friedrich Gagerns lichtem Haupte sich zu greifbarer Gestalt verdichtet hatte — den Plan des deutschen Bundesstaates unter Preußens Führung verkündete Paul Pfizer, fast noch ein Jüngling, zuerst als ein politisches Programm dem Volke und eroberte sich damit einen Ehrenplatz in der Geschichte der deutschen nationalen Bewegung. Dem Dichter, der den alten Ruhm der Hohenzollern oftmals freudig besungen hatte und den Widerwillen der Schwaben gegen Norddeutschland nicht teilte, blieb dieser Gedanke immer ein Greuel. Sein Herz war erfüllt von der gemütlichen Vorliebe seines Stammes für die österreichischen Nachbarn; ihm blieb unvergessen, wie oft er einst im Knabenspiele Partei genommen hatte für die Kaiserlichen und in das nahe Rottenburg hinübergewandert war, um das wildfremde Kriegsvolk der Magyaren und Kroaten zu schauen. Wie einst in dem württembergischen Verfassungsstreite, so wirkten auch jetzt zwei grundverschiedene politische Beweggründe in seiner Seele nach einem Ziele zusammen. Die Freude an der althistorischen Herrlichkeit des Wahlkaisertums und das Bekenntnis der Volkssouveränität — romantische und demokratische Neigungen zugleich führten ihn zu dem Ideale des Wahlreichs. Auch eine köstliche, dem deutschen Staatsmanne leider sehr notwendige Tugend brachte Uhland in die Kämpfe der Revolution hinüber — das wachsame Mißtrauen gegen den guten Willen der Höfe. Er hatte unter König Friedrich das frevelhafte Mißachten jedes Rechtes, unter seinem Nachfolger — was seinem schlichten Sinne noch tieferen Ekel erregen mußte — das unwahre Buhlen mit dem Liberalismus gesehen, und nur so schmerzliche Erfahrungen konnten seinem warmen wohlwollenden Herzen diesen harten Zug einprägen.

Die Revolution brach aus, und dem greisen Dichter vor allen galt der Jubel des aus langer Gleichgültigkeit erwachenden schwäbischen Stammes. Der beispiellosen Mißregierung folgte eine beispiellose Demütigung: der Bundestag gestand, daß ihm das Vertrauen des Volkes fehle, und umgab sich mit „Männern des Vertrauens”. Auch Uhland ward unter die Siebzehner gesendet, doch das Vertrauen seines Königs folgte ihm nicht nach Frankfurt; ihm ward keine Antwort, als er sich die persönliche Ansicht des Fürsten über die Aufgabe der Vertrauensmänner erbat. Als nun in dem Ausschusse Dahlmann mit dem Programme des Bundesstaates hervortrat, da schraken anfangs — ich folge hier der mündlichen Erzählung eines der Siebzehn — die meisten zurück vor der Verwegenheit des Gedankens, und Uhland stimmte eifrig gegen das preußische Erbkaisertum, „als es noch in den Windeln lag”. Diese großdeutsche Gesinnung trennte ihn auch im Parlamente von Dahlmann, Grimm, Arndt und vielen anderen, die ihm durch Bildung und Begabung nahestanden. Er hielt sich zu der Linken, und wie sehr auch die demagogischen Ausschweifungen seinen maßvollen Künstlersinn anwiderten: die demokratische Richtung konnte sich einiger Tugenden rühmen, die Uhlands Herz an die Partei fesseln mußten, obwohl sie in der Demokratie der Paulskirche sich oftmals verzerrt und entstellt offenbarten. Ihn erfreute die menschliche Teilnahme der besseren Demokratie für die Armen und Leidenden und der willige Opfermut, welcher sie vor den Mittelparteien auszeichnete. Freilich, der schlichte demokratische Bürgerstolz des ehrwürdigen Mannes hatte im Grunde sehr wenig gemein mit jenen gellenden Lobpreisungen des Konvents, welche von den Bänken seiner Parteigenossen erklangen. Ich glaube nicht als ein Parteimann zu reden, wenn ich sage, Uhlands Verhalten in der Paulskirche hinterlasse den Eindruck, als sei er dort nicht an seiner Stelle gewesen. Er stand als ein „Wilder” zwischen den Parteien und blieb doch in einer moralischen Verbindung mit der Linken; schon diese seltsame Mittelstellung läßt ihn wie einen Halbfremden in der Versammlung erscheinen.

Von allen Plänen der Mittelparteien forderte der Gedanke des preußischen Kaisertums Uhlands heftigsten Widerspruch heraus. Dieser Widerspruch bewog ihn zu den beiden einzigen größeren Reden, welche von dem Schweigsamen in der Paulskirche gehalten wurden und nach meinem Ermessen das Allerbeste sind, was je für die „großdeutsche” Richtung gesprochen worden. Nicht in Verstandesgründen, sondern in gemütlichen Sympathien liegt die Stärke dieser Partei, und wie mächtig wußte Uhland diese Saite in der Brust seiner Hörer anzuschlagen, als er am 26. Oktober 1848 tiefbewegt in schwungvollen Worten das Parlament ermahnte zu sorgen, „daß die blanke, unverstümmelte, hochwüchsige Germania aus der Grube steige!” Noch kräftiger wirkte seine Rede vom 22. Januar 1849. Die Kapuzinerspäße Beda Webers waren kaum verklungen, da hob Uhland die Debatte wieder auf die Höhe ihres Gegenstandes. Die alte Herrlichkeit des deutschen Wahlkaisertums führte er gegen die preußische Partei ins Feld: „Es waren in langer Reihe Männer von Fleisch und Bein, kernhafte Gestalten mit leuchtenden Augen, tatkräftig im Guten und Schlimmen.” Als dann die berühmten Worte folgten, bei jeder Rede eines Österreichers in der Paulskirche sei ihm zumute gewesen, „als ob ich eine Stimme von den Tyroler Bergen vernähme oder das Adriatische Meer rauschen hörte”, da freilich war der nüchterne Verstand schnell bei der Hand, über die „Phrase” selbstgefällig zu lächeln. Wer aber den Worten in die Tiefe sah, erkannte ihren ernsten Sinn. Allerdings war es ein schrecklicher Widerspruch, in Wahrheit eine Unmöglichkeit, die in unserer Geschichte nicht wiederkehren darf, daß ein Parlament, worin Österreichs Abgeordnete stimmberechtigt tagten, über die Trennung Deutschlands von Österreich beraten konnte. Ein schönes Seherwort des Dichters beschloß die Rede, das allbekannte: „Es wird kein Haupt über Deutschland leuchten, das nicht mit einem reichlichen Tropfen demokratischen Öles gesalbt ist.” Damit hatte er der deutschen Bewegung sein „in diesem Zeichen wirst du siegen” zugerufen, und uns, den Gegnern, vornehmlich geziemt es, das gute Wort in treuem Herzen zu tragen. Die Welt ist heute liberal, und nur im Bunde mit dieser unhemmbaren liberalen Bewegung des Jahrhunderts wird es uns gelingen, die Einheit Deutschlands zu gründen. Das bewährte sich damals schrecklich, als das Herrscherhaus der Hohenzollern den rückhaltlosen Bund mit dem Liberalismus verschmähte und dem Rufe der Nation sich schwach versagte. Furchtlos und treu, ein echter Schwabe, hielt Uhland auch jetzt noch aus bei seiner Partei,

So wie ein Fähndrich wund und blutig
Die Fahne rettet im Gefecht,

und sogar die Worte dieses vaterländischen Gedichts aus seiner Jugend kehrten wieder in dem Manifeste vom 25. Mai, das er im Namen des Rumpfparlaments an die Nation richtete: „Wir gedenken, wenn auch in kleiner Zahl und großer Mühsal, die Vollmacht, die wir von dem Volke empfangen, die zerfetzte Fahne, treu gewahrt in die Hände des Reichstags niederzulegen, der am 15. August zusammentreten soll.”

Freilich, unklar, romantisch verschwommen wie der Wortlaut war auch der Gedankengehalt dieses Aufrufes. Dem Idealisten galt es nur, die Idee des Parlamentes zu retten: er folgte der Linken nach Stuttgart, „darum daß nicht das letzte Band der deutschen Volkseinheit reiße”. Unhaltbarer immer ward die Stellung des maßvollen Mannes unter der wüsten Leidenschaft des Rumpfparlaments. Schon wurde der Klang seiner Rede von dem zornigen Lärm des Pöbels übertäubt, als er vor der Einsetzung der Reichsregentschaft, vor dem Bürgerkriege warnte und den Verblendeten zurief: „Württemberg ist nicht beschaffen wie jetzt diese Versammlung; es stellt nicht wie diese nur eine der Parteiungen dar, in welche das deutsche Volk zerklüftet ist.” Nur sehr wenige Gesinnungsgenossen zählte er noch in der Versammlung. Der Austritt aber aus einer unterliegenden Partei war seinem Stolze, seiner Treue unmöglich. So ist er geblieben bis zu dem jammervollen Ende des deutschen Parlaments, dem Straßenkampfe in Stuttgart.