[Heinrich von Kleist.]

Wer unter den Hellenen nicht verstand, eine feste Stelle zu gewinnen in der gegebenen Ordnung des Staates und der Sitte, der ging zugrunde, verachtet und vergessen. Der strenge Bürgergeist der Alten verdammte den Einzelwillen, der sich erdreistete etwas zu gelten neben dem Willen des Ganzen; ihr auf das Große gerichteter Sinn blickte gelassen hinweg über die geheimsten Schmerzen der ringenden Menschenseele; ihre Schamhaftigkeit scheute sich den Schleier zu heben, der diese Abgründe des Herzens verhüllt. Erst die moderne Welt zeigt ein liebevoll mitleidiges Verständnis für die Fülle des Elends, die in dem Worte liegt: ein verfehltes Leben! Und sie hat guten Grund zu solchem Mitleid. Sie läßt den einzelnen aufwachsen in fast schrankenloser Ungebundenheit: mag er nachher selber zusehen, wie dies junge trotzige Ich nach hartem Kampfe sich einfüge in die handelnde Gemeinschaft der Menschen. Nicht in den brausenden Jünglingsjahren, deren glückselige Torheit allein den philisterhaften Sittenprediger erschreckt — erst später, um die Mitte der zwanziger Jahre, wenn die Zeit des Schaffens anhebt, pflegen dem modernen Menschen die schwersten, die gefährlichsten Stunden zu kommen. Welcher Mann von halbwegs reicher Erfahrung hätte nicht an dieser Markscheide des Lebens einen geliebten Genossen seiner Jugend zugrunde gehen sehen und schmerzvoll mit Heinrich von Kleist gerufen:

Die abgestorbne Eiche steht im Sturm,
Doch die gesunde stürzt er schmetternd nieder,
Weil er in ihre Krone greifen kann.

Die fette Mittelmäßigkeit schwimmt behaglich obenauf, doch manche der Besten sinken unter, weil ihr reicher Geist sich nicht fügen will dem Gebote des Lebens: du sollst einen Teil deiner Gaben ruhen, verkümmern lassen — einem Gebote, dessen Härte der Gedankenlose gar nicht fühlt. Wie viele flattern dahin ihr Leben lang wie mit gelähmter Schwinge, weil ein Mißgriff, ein Körpergebrechen, ein alberner Zufall sie ausschließt von dem Wirkungskreise, in dem sie ihr Höchstes, ihr Eigenstes leisten konnten. Unter allen, die nicht wurden, was sie wollten, leidet niemand so furchtbar, wie der hochstrebende Geist, der sich durch sein ganzes Sein, durch eine unwiderstehliche innere Stimme in einen bestimmten Beruf — und nur in diesen — getrieben fühlt und schließlich doch entdeckt, daß seine Kraft nicht ausreicht. Solche Grausamkeit der Natur trifft am härtesten die reizbare Seele des Künstlers; denn er vermag weniger als irgendein anderer Arbeiter die Mängel der Begabung durch die Kraft des Willens zu ersetzen, und die Kunst kennt keine Mittelstraße, sie kennt nur vollendete und verfehlte Werke. — In Vischers Ästhetik, einem der besten und bestbestohlenen Werke unserer Literatur, wird sehr richtig neben dem Genius, der sich selber die Regel ist, und dem Talente, das auf geebneter Bahn frisch und kräftig vorwärts schreitet; noch eine dritte Form der künstlerischen Anlage unterschieden: das partielle Genie — die Begabung jener tief unglücklichen Geister, welche dann und wann in seligen Augenblicken mit der Kraft des Genius das Klassische, das Ewige schaffen, um alsbald ermattet zurückzusinken und sich zu verzehren in heißer Sehnsucht nach dem Ideale. Solche Naturen gleichen einem herrlichen, großgedachten Gemälde, das irgendwo an auffälliger Stelle durch eine Lücke, eine widrige Verzeichnung verunstaltet wird, sie besitzen alles, was den unsterblichen Meister bildet, bis auf jenen kleinen Punkt über dem i, der den Buchstaben fertig macht. Die deutsche Dichtung, die nicht emporwuchs aus einer reifen Volksgesittung, sondern ihr voranging, zählt eben deshalb solcher unfertiger, unglücklicher Genies nur allzu viele, und unter ihnen ragt Heinrich von Kleist als der Gewaltigste, der Wahrhaftigste hoch empor. „Die Hölle gab mir meine halben Talente, der Himmel schenkt dem Menschen ein ganzes oder gar keines” — so bezeichnet er den Fluch seines Lebens, und nur er selber darf also reden, denn die Halbheit, die Armut seiner Gaben genügt vollauf, um eine Handvoll tüchtiger Künstler mit überschwenglichem Reichtum zu segnen.

Wir Deutschen rühmen uns, daß von den Helden unseres Geistes nicht so unbedingt wie von den meisten Dichtern anderer Völker gesagt werden darf: Des Künstlers Leben sind seine Werke. Es ist ein echt deutscher Spruch, den Schiller einmal hinwirft: „Den Schriftsteller überhüpfe die Nachwelt, der nicht größer war als seine Werke.” Selbst vor Goethes Faust überkommt uns die stolze Ahnung, daß der Dichter noch immer eine Fülle überschüssiger Kraft zurückbehalten hat in seiner reichen Seele. Darum lassen wir uns die Freude nicht nehmen, den größeren Mann zu suchen hinter den großen Werken, und auch wer die Vorliebe der Gegenwart für die Briefe und Papierschnitzel unserer Dichter nicht teilt, darf das berechtigte Gefühl nicht verkennen, das diesem Übermaß zugrunde liegt. Die düstere Gestalt Heinrich Kleists verbietet uns solchen Genuß. Während seine Werke oft den Tadel, immer das Lob entwaffnen, einige darunter bis zu den Höhen menschlichen Schaffens hinaufreichen, ist sein Leben doch nur eine entsetzliche Krankheitsgeschichte. Zweifel und Kämpfe, wie sie niemals grausamer ein Menschenherz gepeinigt, Siechtum des Leibes und der Seele, der ungerechte Kaltsinn der Zeitgenossen, der Zusammenbruch des Vaterlandes und die gemeine Not um das liebe Brot — das alles vereinigt sich zu einem erschütternden Bilde; dem Betrachter bleibt zuletzt nur ein Gefühl grenzenlosen Mitleids und der wehmütige Hinblick auf die von dem Unglücklichen so oft angerufene „Gebrechlichkeit der Welt”. — Die Biographie steht darum dem reinen Kunstwerke so nahe, weil in dem Dasein jedes bedeutenden und gesunden Mannes die Geschichte seiner Zeit wie in einem Mikrokosmos erscheint. Kleists Leben aber, wie mächtig auch die Stürme des Jahrhunderts diesen tiefen Geist erschütterten, ist die Geschichte höchstpersönlicher Leiden, ein psychologisches Problem.

Wir kennen nicht die Züge seines Gesichts; denn das einzige erhaltene Porträt — ein greisenhafter Knabenkopf, den ein Gottverlassener, dicht auf der Grenze zwischen dem Maler und dem Weißbinder stehend, zusammengepinselt hat — erweckt keinen Glauben. Von den geheimen Kämpfen seiner Seele hat er selbst ein treues Bild gegeben in den Briefen an seine Schwester, die mit ihrer dämonischen Leidenschaft, ihrem verzehrenden Schmerze in unserer Literatur einzig dastehen; wohl nur Mirabeaus Jugendbriefe schildern mit gleich schreckhafter Wahrheit den Aufruhr in einem großen Menschengeiste. Aber selbst wer diese rückhaltlosen Geständnisse kennt, steht zuletzt doch traurig vor einem Unbegreiflichen, vor einer krankhaften Naturanlage, die dem Dichter selbst ein Rätsel blieb. In allen seinen Irrgängen begegnet uns kein Zug, der nicht ehrlich, hochherzig, bedeutend wäre. Er ringt nach der Erkenntnis des Wahren und des Schönen, nach den Kränzen höchsten Dichterruhms; an den platten Freuden des Lebens geht er vorüber mit einer stolzen Verachtung, die unserem genußsüchtigen Zeitalter fast unfaßbar erscheint, kaum daß dann und wann die Sehnsucht, nicht nach dem Behagen, sondern nach dem Frieden des Hauses sich in seine Klagen mischt. Für ihn wie für wenige Menschen gilt das Wort: ihn ganz verstehen heißt ihm ganz verzeihen.

Geboren am 10. Oktober 1776 zu Frankfurt an der Oder, tritt der feurige junge Mensch nach dem Brauche seines Soldatenhauses frühzeitig in die Armee. Während er teilnimmt an den rheinischen Feldzügen, erschüttern die Ideen des philosophischen Jahrhunderts sein Herz. Er sehnt sich hinaus in die Freiheit, in das unendliche Reich des Wissens, er will „die Zeit, die wir hier so unmoralisch töten, durch menschenfreundliche Taten bezahlen”. In seinem zweiundzwanzigsten Jahre fordert er seinen Abschied und kehrt als überreifer Student in seine Vaterstadt zurück. Er wird der Lehrer, der geistige Mittelpunkt für einen heiteren Kreis junger Verwandten, er verschlingt Bücher in rastloser Arbeit und meint mit seinem Forschen bis in den Kern der Nuß einzudringen. Aber schon nach Jahresfrist treibt ihn eine verzehrende innere Unruhe hinweg von den Studien, von seiner kaum gefundenen Braut. In Berlin sodann trifft ihn wie ein Wetterstrahl die Lehre Kants, daß der Mensch nicht die Dinge kennt, nur seine Anschauung von den Dingen. In maßlosem Schmerz bricht der junge Himmelsstürmer zusammen vor dieser Erkenntnis. Die Verzweiflung an aller Wahrheit, an allen Gesetzen des sittlichen Lebens klagt fortan schauerlich in seinen Briefen: „Daß wir ein Leben bedürften, um zu lernen, wie wir leben müßten! — Und so mögen wir am Ende tun was wir wollen, wir tun recht!” Und dazwischen immer von neuem die glühende Sehnsucht nach dem Ewigen. „Zwischen je zwei Lindenblättern, wenn wir abends auf dem Rücken liegen, eine Aussicht an Ahndungen reicher als Gedanken fassen und Worte sagen können!”

Schon in früher Jugend quält ihn die überfeine Zartheit des Gewissens, welche wir so gern als ein Zeichen innerer Reinheit begrüßen möchten, während sie doch in den meisten Fällen nur der Vorbote ist eines verdüsterten, selbstquälerischen Alters. Mit unbarmherzigem Auge verfolgt er selbst jeden seiner Schritte, wie ein Geisteskranker belauscht er sich; selbst über seine tollsten Streiche, seine finstersten Seelenkämpfe gibt er sich und andern Rechenschaft — das alles ganz unbefangen, ganz wahrhaftig, ganz frei von jedem Streben sich interessant zu machen. Darüber gehen ihm natürlich viele jener Augenblicke verloren, wo der Mensch, ganz mit sich einig, ohne Wahl und Frage sein Bestes schafft. Das Doppelleben, das so viele Künstler führen, wird ihm zur verzehrenden Krankheit. Nicht genug, daß seine Stimmung in jähen Sprüngen von kindlich harmloser Fröhlichkeit zu finsterem Unmut, von rasch aufloderndem Stolze in kleinmütige Verzagtheit umschlägt, daß seine Unbeständigkeit ihm den bitteren Ausruf entringt, Gleichmut sei die Tugend nur des Athleten; nicht genug, daß seine schneidende Verstandesschärfe ungesellig steht neben einer glühenden Einbildungskraft und einem weichen Gemüte: auch seine Phantasie bringt ihm keinen Trost. Der so viele mit dem reichen Spiele seiner Erfindung entzückt, ihm bleibt selbst das harmloseste Vorrecht des Künstlers versagt. Nicht einmal Luftschlösser kann er bauen, nicht einmal im Geiste sich zu seinen Lieben versetzen; es ist, als sei seine Phantasie für das tägliche Leben nicht vorhanden. Er haßt die Menschen; denn sein Herz und Nieren prüfender Scharfblick zeigt ihm ihre Kleinheit, und sein düsterer Sinn vermag nicht, mit überlegenem, freundlichen Lächeln das Recht solcher Kleinheit zu würdigen. „Vielleicht” — so schreibt er einmal seiner Braut — „hat die Natur dir jene Klarheit zu deinem Glück versagt, jene traurige Klarheit, die mir zu jeder Miene den Gedanken, zu jedem Worte den Sinn, zu jeder Handlung den Grund nennt.” Fremd, beklommen steht er in den höheren Kreisen der Gesellschaft, wo das Verbergen jedes starken Gefühls für gute Sitte gilt; und doch kann er des Beifalls der Mißachteten nicht entbehren. Die Welt beginnt die Achsel zu zucken über sein zielloses Träumen, er fühlt die spöttischen Blicke seiner Umgebung auf seinen Wangen brennen. Der Drang nach Taten erwacht und lastet auf ihm „wie eine Ehrenschuld, die jeden, der Ehrgefühl hat, unablässig mahnt”; er will schaffen, rastlos, unermüdlich: „Der Mensch soll mit der Mühe Pflugschar sich des Schicksals harten Boden öffnen.” Auch seine Freunde, seine Braut, seine geliebte Schwester Ulrike drängen und fragen ihn, was er denn werden, was er leisten wolle. O ihr Erinnyen mit eurer Liebe! ruft er außer sich.

Wer hätte nicht einmal in schweren Stunden erfahren, wie qualvoll solche zudringliche Einmischung der Welt uns bedrückt, wenn eine ernste Entscheidung vor unsere Seele tritt? Und eben jetzt, da jedermann ihm von seinen wissenschaftlichen Plänen spricht, ist Heinrich Kleist schon verekelt an aller Wissenschaft, er ahnt, daß Gelehrte und Künstler Antipoden sind und — daß er selber ein Dichter sei. Auch dies müssen wir schweigend hinnehmen als ein psychologisches Rätsel, daß in einem solchen Dichtergeiste die Ahnung seines Berufes so unbegreiflich spät erwachte. Kein Liebeslied, kein rhetorischer Dithyrambus hat ihm, wie anderen glücklicheren Künstlern, die holde Schwärmerzeit des Lebens verschönt; die Erstlinge seiner Muse sind — seine schmerzbewegten Briefe an Ulrike. Wir fühlen nach, wie das Ohr des Künstlers sich erfreut an diesen verhaltenen Gedichten, an dem vollen Klange dieser leidenschaftlichen Klagen. Zuweilen tritt schon die Sehnsucht nach dem Schönen klarer hervor; er schildert die Reize der Natur in prächtigen Farben, er ruft: „Wir sollten täglich wenigstens ein gutes Gedicht lesen, ein schönes Gemälde sehen, ein sanftes Lied hören oder ein herzliches Wort mit einem Freunde wechseln.” — Dann stürmt er hinaus in die Ferne; jahrelang, auf unsteten Wanderfahrten durch Deutschland, Frankreich und die Schweiz jagt er dem Traumbilde des Dichterruhmes nach, das flammend vor seiner Seele steht. Er will der größte der Kleiste werden — denn ein naiver Familienstolz liegt in seinem Geiste dicht neben der Schwärmerei für die Gleichheit der Menschen. Das Sprichwort der märkischen Vettern „jeder Kleist ein Dichter” soll sich glorreich erfüllen, der Lorbeer des alten Ewald Kleist soll verwelken neben dem seinen. Er berauscht sich an Goethes Werken, Schillers ideales Pathos ergreift diesen durch und durch realistischen Kopf nur wenig. Zugleich sagt ihm eine geheimnisvolle Ahnung, daß in ihm selber eine Gewalt dramatischer Leidenschaft schlummere, die Goethes harmonischer Genius so nicht kannte: „Ich will ihm den Kranz von der Stirne reißen”, ruft er frevelnd. Was hat er nicht ausgestanden bei dem wohlweisen Lächeln der Philister um ihn her, die ihm seine „Versche” nicht verzeihen können; wie soll das armselige Volk erstaunen, wenn er einst heimkehrt als der erste der deutschen Dichter!