Endlich, endlich nach so langem theoretischen Umhertasten öffnete sich Hebbels Gemüt wieder natürlicheren, einfacheren Gefühlen, als er die „Agnes Bernauer” schrieb und auf heimatlichem Boden Menschen schuf, so wahr und tüchtig, wie sie ihm seit der Maria Magdalena nicht mehr gelungen waren. Hier erscheint der moralische Revolutionär als politisch konservativ: die Berechtigung des Allgemeinen, des Staates, wird gezeigt gegenüber dem subjektiven Belieben der Leidenschaft. Hebbel bleibt vollkommen frei von der sentimentalen Auffassung der Liebe, deren heute der vornehme Pöbel voll ist. Leider verrät die Heldin kaum durch ein hingeworfenes Wort eine Ahnung von der Schwere ihrer Schuld, und wir empfinden ihren Tod als eine brutale Mißhandlung. Der wahrhaft innerlich ringende Held des Stücks vielmehr ist Herzog Ernst; sollte das Werk dramatisch wirken, so mußte der alte Herzog in den Mittelpunkt der Handlung treten. Dann ließ sich ein besserer Schluß finden als dieser unselige fünfte Akt, wo Hebbel, der sonst das Gräßliche liebt, einen tödlichen Gegensatz durch eine übereilte Versöhnung beendet. In einem Aufzuge die Ermordung der Agnes, den wütenden Kampf des Sohnes gegen den Vater und die Beilegung des Streites darstellen — das verletzt jene Einheit der Zeit, welche der Dramatiker auch nach Lessing noch achten soll, das bleibt unglaublich, obschon der Poet durch die sprudelnde Heftigkeit, welche er dem jungen Herzoge leiht, uns darauf vorbereitet hat. Aber wie das Land nach langer Wasserreise, begrüßen wir in dem Stücke wieder eine warme natürliche Stimmung, wir freuen uns der getreuen Genossen des jungen Herzogs und der kernhaften Bürger. Lebendig tritt die gärende Zeit uns vor die Seele, wo die Tage der Hohenstaufen bereits als ein ferner schöner Jugendtraum in der Sehnsucht der Menschen lebten und moderne Diplomatenkunst die ritterliche Vasallentreue zu verdrängen begann.
So war das Eis gebrochen, und die gesunde freudige Stimmung hielt an. Das gemütvolle Versmaß, das uns Deutschen wie ein liebes altes Märchen zum Herzen redet, das Metrum der deutschen Reimpaare, ward von Hebbel glücklich benutzt für das kleine Künstlerdrama Michelangelo. Diese geistreiche Behandlung einer sinnigen Anekdote gewährt manchen tiefen Einblick in die Geheimnisse künstlerischen Schaffens; und doch ist genug Handlung in dem Stücke, um selbst auf der Bühne Interesse zu erregen. Mögen andere rügen, daß die Schilderung der Kunstfreunde und dilettierenden Künstler sich von tendenziöser Bitterkeit nicht frei hält und sehr deutlich an des Verfassers eigene Fehden mit der Kritik erinnert; mögen sie tadeln, daß die Gestalt des Raffael, wie fast alles Holde und Milde bei Hebbel, ganz schattenhaft gehalten ist: — uns widersteht es, an einem erfreulichen und mit Unrecht vergessenen Werke zu mäkeln. Dieser Michelangelo lebt wirklich — ein hohes Lob, da die allzu verbreitete Kenntnis der Kunstgeschichte hier der freien Tätigkeit des Dichters schwer beengende Fesseln anlegte. Mancher akademisch korrekte Künstler wird an dem jugendfrischen, vielsagenden Worte „die Ordnung, mein’ ich und bleibe dabei, beginnt erst bei der Staffelei” seine eigene Hohlheit erkennen; mancher, der Hebbel mit Mißwollen betrachtet, wird aus diesen einfachen Szenen den heiligen Ernst des Schriftstellers begreifen.
Noch einmal, in der Tragödie Gyges und sein Ring, hat Hebbel einen Schatz von Formenschönheit und Kunstverstand an einen undankbaren Stoff verschwendet. Der Dichter versteht, uns in die Atmosphäre längst entschwundener Zeiten zurückzuzaubern, „an den alten Nil, wo gelbe Menschen mit geschlitzten Augen für tote Könige ew’ge Häuser bau’n”. Wo nicht stellenweise eine allzu moderne Bewußtheit der Sprache uns die Stimmung verdirbt, steht sie wirklich farbenprächtig vor uns, die reiche Wunderwelt des Herodot, die mit der Fülle ihrer rein menschlichen Konflikte unseren Poeten ein so dankbares Feld eröffnet. Dennoch wird dies Trauerspiel mit vollem Rechte nie auf der Bühne Fuß fassen, denn es ist ein antiquarisches Stück. Es ist ein sinniger, freilich mehr für eine Novelle als für eine Tragödie der Ehe geeigneter Gedanke, daß auch in der innigsten Vereinigung jeder Gatte ein Etwas zurückbehält, das Schonung erheischt, das er dem Gemahl nicht hingeben kann, ohne sich selbst aufzugeben; aber wie wenige Leser werden aus der seltsamen Handlung des „Gyges” diese Idee erraten! Heute, da man den Dramatiker unaufhörlich auf historische Stoffe verweist, kann nicht laut genug die einfache Wahrheit wiederholt werden, daß der Dichter seine Menschen in den Herzen seiner Zuschauer, der Kinder seiner Zeit, entstehen und wachsen lassen muß. Mag er getrost Weltverhältnisse aus den Tagen vor der Sündflut uns vorführen: in den Empfindungen seiner Charaktere dulden wir nichts Antiquarisches. Gerade unser Publikum mit seinen abgestumpften Gefühlen wird nur durch einfach-drastische, sofort verständliche Empfindungen erregt werden. Dieser König Kandaules, welcher „Zeugen braucht, daß er nicht ein eitler Tor ist, der sich selbst belügt, wenn er sich rühmt, das schönste Weib zu küssen”, welcher darum den Fremden als Zuschauer an das eheliche Lager führt — er handelt nach unsern Begriffen mit einer brutalen Roheit, die seinen Edelmut uns völlig unglaublich macht und jedes tragische Mitleid aufhebt. Hier aber sind unsere Begriffe im Rechte, weil wir leben. Nur ein bedauerndes Achselzucken haben wir für die untadelhafte Komposition, die Melodie der Sprache und den Gedankenreichtum des Dichters, der in diesem Werke sich glänzend entfaltet. Wie nämlich Kandaules in seinem Hause die Schranken altheiliger Sitte zerstört, so wagt er auch im Staate „an den Schlaf der Welt zu rühren”, obwohl er „nicht die Kraft hat, ihr Höheres zu bieten”. Und in diese dumpfe gebundene Menschheit tritt der einzige, den wir ganz verstehen, der jugendliche Gyges, der Mann der freien entschlossenen Tat, der Sohn des klaren Hellenenvolkes, das die Fesseln starrer Sitte lächelnd abgestreift hat.
Wie seine Dramen, so zeigen auch Hebbels kleine Gedichte eine auffällige Ungleichheit des Werts. Wir sehen eine ursprünglich poetische Natur vor uns, welche durch übereifrige Verstandestätigkeit sich der schönsten Früchte ihres Talents beraubt. Hebbel erstrebt eine Universalität, woran selbst ein Goethe nie gedacht hat — ein Unterfangen, wobei einem pathetischen Dichter das Ärgste widerfahren muß. Ein Mann wie er konnte in seiner Jugend ein Mädchen erschrecken durch heiße, despotische Leidenschaft; er konnte dann ein edles Weib mit jener tiefen und ernsten Mannesneigung erfassen, wovon so manches schöne Gedicht an Christine Kunde gibt; versucht er jedoch zu tändeln und leicht zu kosen, so zeigt er nur die Grazie eines seiltanzenden Elefanten. Auch für das einfache Lied fehlt ihm die Naivität. Dagegen sind mehrere der Balladen durch ihre einheitliche Stimmung sehr wirksam; nur leiden sie meist an zu großer Länge; denn der Dramatiker weiß nichts von dem Kunstgeheimnis des lyrischen Rhapsoden, durch Verstummen das Tiefste zu sagen. Die Gedichte „Dem Schmerz sein Recht” erschüttern durch den heftigen rastlosen Kampf eines aufwärts strebenden Geistes; doch zeigen auch sie, wie selbst die schönsten Gedichte der Sammlung, eine ungelöste Zutat von Reflexion. Das Epigramm ist natürlich stark vertreten: fast überall Gedanken eines gescheiten Mannes, aber auch überall eine unselige Störung, bald durch die Breite der Darstellung, bald durch die Prosa des Gedankens oder durch ein geschmackloses Bild. Selbst das verständigste der Gedichte, selbst das Epigramm, muß in der Phantasie des Künstlers empfangen werden.
Es ist doch ein frischer, erfreulicher Dichterzug in Hebbels Leben, wie er, entzückt von dem liebenswürdigen Spiele einer Künstlerin, sie rasch entschlossen von der Bühne heimführte. Beglückt an der Seite dieser edlen Frau, in dem Frieden eines wohlgeordneten Hauses ließ er jetzt in dem kleinen Epos „Mutter und Kind” alles wieder zu frischem Leben erwachen, was vorzeiten seine Phantasie erregt: das derbtüchtige niederdeutsche Bauernleben, das reiche Hamburg und seinen furchtbaren Brand. Auch die Ideen, welche seinen Kopf vorzugsweise beschäftigen, das Verhältnis von Mann und Weib, die Fragen von der Armut und dem Sozialismus, spielen in das Gedicht hinein. In dieser kleinen Welt rein menschlicher Empfindungen hat der Dichter jene Wärme des Gefühls, jene Freude an dem Milden und Gemütlichen, jene gläubige versöhnte Stimmung wiedergefunden, die auf seinen langen spekulativen Irrfahrten fast verloren schienen.
Welches irdische Glück ist diesem höchsten vergleichbar,
das uns über uns selbst erhebt, indem wir’s genießen,
und wem wird es versagt, wem wird es gekränkt und geschmälert?...
Und so ist die Natur gerecht im ganzen und großen
und verteilt nur den Tand, die Flitter, nach Lust und nach Laune.
Uns scheint, in diesen Worten über die Elternliebe liegt unendlich mehr Tiefsinn und kräftiger Mannesmut, als in den heftigsten Invektiven, welche Hebbel je gegen die Gesellschaft geschleudert. Der wesentliche Mangel des Werks zeigt sich in der Form. Wir meinen hier nicht die übermäßige Anwendung des Trochäus, die Hebbel sich erlaubt. Denn der Hexameter ist zwar keineswegs, wie Hebbel meint, „der deutscheste Vers”, sondern ein Maß, das einer ursprünglich der Quantität entbehrenden Sprache niemals ganz natürlich zu Gesichte stehen kann; doch gerade deshalb mag der deutsche Dichter bei dessen Handhabung mit großer Freiheit verfahren. Sein feines Gehör allein muß ihn warnen vor dem Schein der Dürftigkeit, der durch zahlreiche Trochäen entsteht, wie vor dem haltlosen, hüpfenden Wesen und dem zischenden Mißklang gehäufter Konsonanten, welche die Daktylen der „korrekten” Platenschen Schule in den Hexameter bringen. Wir meinen hier die Form in einem minder äußerlichen Sinne. Die ungeheure, vollkommen nur einmal erfüllte Aufgabe, in unserer aufgeregten Zeit das erhabene Gleichmaß epischer Diktion und Empfindung zu bewahren, war dem Dramatiker unlösbar. Bald staut seine Rede sich auf in abgebrochenen Sätzen, bald stürmt sie daher in langen Perioden, die ebenmäßige Wallung des Hexameters geht verloren. — Und dies einfach herzliche Gedicht ging in der Lesewelt fast spurlos vorüber. Ist es doch längst kein Geheimnis mehr, daß das Los der Gedichte heute in den Händen der jungen Damen liegt. Wirken Tragödien zu aufregend auf die Gemüter der Fräulein — nun, hier ist ein Epos aus der stillen Welt des Hauses, ganz dazu geschaffen, ein einfaches Mädchen sanft zu bewegen. Doch leider, keine Spur von Sentimentalität und augenverdrehender Frömmigkeit; und diese Bäuerin hat so gesunde Nerven, sie untersteht sich sogar, im Grünen zu gebären! Mon Dieu, welche Pensionsdirektrice von Pflichtgefühl darf ihren Zöglingen solche Natürlichkeiten bieten?
Unterdessen reifte langsam des Dichters größtes Werk, die Nibelungen. Wenn der gebildete Durchschnittsmensch heute schon beim Anblick des Titels einer Nibelungentragödie mit der Ruhe des Weisen zu sagen liebt: das sind alte Geschichten, der Himmel bewahre uns vor dieser tausendjährigen Hexerei — so können wir nicht bestimmt genug die Überzeugung aussprechen: nur wenige moderne Dichter haben die gewaltige Versuchung nicht empfunden, die Gestalten des Nibelungenliedes irgendwie nachzubilden. Da steht sie vor uns, eine jener grandiosen Fabeln, woran die Kunst und der Glaube von Jahrhunderten gearbeitet, das Wunderwerk eines ganzen Volkes, in ihren Grundzügen hoch erhaben über jeder Anfechtung der Kritik. Und mit dem vollen Reize der Jugend tritt das altehrwürdige Werk vor unsere Augen. Seit zwei Menschenaltern erst hat sich die Liebe unseres Volkes wieder der alten Dichtung zugewendet. Seitdem sind die Gestalten des hörnernen Siegfried und der Rächerin Kriemhild einem jeden eng verwachsen mit jenen ersten Empfindungen der Kindheit, welche ewig frisch bleiben, als wären sie gestern empfunden. Und dieser Schatz gewaltigster menschlicher Leidenschaft, der unsere Maler zu immer neuen Nachschöpfungen reizt, ist uns überliefert in einer poetischen Bearbeitung, die dem feineren Kunstsinne der Gegenwart nimmermehr völlig genügen kann. Denn — zum Schrecken orthodoxer Germanisten sei gesagt, was jedes einfache Gefühl sofort empfindet — neben Stellen von hinreißender Kraft und Schönheit dehnen sich im Nibelungenliede weite Strecken von langweiliger Einförmigkeit. Auch der Inhalt bietet oftmals eine fremdartige, ja feindselige Mischung von altnordischen, deutschheidnischen und christlichen Elementen. Die ungeheure Bewegung und leidenschaftliche Wildheit des Stoffes, welchen die epische Form oft kaum bewältigen kann, fordert den Dramatiker ebenso laut zum Nachbilden auf, wie jene Keime verschlungener, eingehender Charakteristik, die sich im Epos nur halb entfalten dürfen. Gründe genug, um in unzähligen modernen Menschen den Wunsch zu erregen, daß die Heldengestalten der alten Sage auf der Bühne erscheinen möchten, wo, nach Hebbels schönem Worte,
wo sich die bleichen Dichterschatten röten
wie des Odysseus Schar von fremdem Blut.
Aber wie läßt sich diese ungeheure Fabelwelt dem Verständnis unserer Hörer erschließen? Am nächsten liegt es, durch sorgfältige psychologische Motivierung die alten Recken uns menschlich nahe zu führen. Dieses Weges ist Emanuel Geibel gegangen — und der Erfolg bewies, daß auf solche Weise die finstere Größe des alten Gedichtes gänzlich verloren geht. Wie anders ist Hebbel verfahren! Ein ungeheures Geheimnis bleibt immerdar über den riesigen Gestalten dieser Sage, das keine Kunst unserer helleren Zeit lichten kann. Sollen unsere Hörer an einen Hagen Tronje wirklich glauben, so gilt es nicht, ihn hinabzuziehen in unsere Kleinheit und Feinheit, nein, es gilt, ihn noch reckenhafter erscheinen zu lassen und die Wunder der alten Göttersagen, die im Nibelungenliede schon halb verwischt sind, in voller Pracht zu entfalten. Von vornherein muß der Hörer empfinden, daß er die Welt des hellen, bewußten Verstandes verlassen hat, daß er unter Menschen tritt, die wahllos, zweifellos, wie die Naturgewalten, das Ungeheure tun, die der vollbrachten Untat hart und sicher in die Augen sehen und sie auf sich nehmen wie der Hagen des Liedes, der bei jedem neuen Frevel sich vordrängt und spricht „laß mich den Schuldigen sein”.