[Nachwort]
Heinrich von Treitschke, geboren in Dresden am 15. September 1834 und gestorben in Berlin am 28. April 1896, zählt zu den besten Männern des Zeitalters Bismarcks. Was uns als der stärkste Ton in dem großartigen Zusammenklange der Persönlichkeit Bismarcks erscheint, der tatfrohe, praktische Idealismus einer rücksichtslosen deutschen Gesinnung, das klingt auch aus jedem Worte dieses Geschichtsschreibers, der zugleich ein leidenschaftlicher Mensch und ein Dichter war. Zwar bedeuten seine Verse und Dramen als Kunstwerke nicht viel; aber als Schilderer großer Menschen, als Darsteller vergangener Zeiten hat er jenes Dichtertum bewiesen, das August Wilhelm Schlegel meinte, wenn er den Historiker einen rückwärts gewandten Propheten nannte. Und dazu gesellte sich bei Treitschke das leidenschaftliche, in den Glaubenskämpfen der Hussiten bewährte Temperament seiner tschechischen Vorfahren. Der Vater stieg vom Husarenleutnant zum sächsischen General auf, die Mutter war die Tochter eines Kavalleriemajors, und etwas vom kühnen Soldatentum hat Treitschke sein Leben lang behalten, trotzdem ihm seit der Jugend ein Gehörleiden, das sich bis zu völliger Taubheit steigerte, das frische fröhliche Dasein verkümmerte.
Früh erwachte die Teilnahme an Geschichte und Politik, die liberale Gesinnung und die Begeisterung für Deutschlands Freiheit und Einheit. Der Schüler Dahlmanns in Bonn wurde bereits zum überzeugten Preußen und geriet damit in Widerspruch zu dem kleinlichen Sondergeist seiner sächsischen Heimat. In unablässiger Arbeit eignete er sich die Grundlagen geschichtlicher, volkswirtschaftlicher und literarhistorischer Kenntnisse an und wurde 1859 Privatdozent in Leipzig. Damals entstand bereits der ausgezeichnete Aufsatz „Heinrich von Kleist”, die erste jener Dichter-Charakteristiken, die unser Band sämtlich vereinigt. Mögen sie in Tatsachen und Urteilen jetzt zu einem kleinen Teil überholt erscheinen — die edle Form, die große Gesinnung, die Schärfe und Feinheit der Charakteristik gesellen diese durchkomponierten Bilder bedeutender deutscher Schriftsteller und Dichter zu dem Besten, was unsre spärliche Essayliteratur aufweist.
Der temperamentvolle akademische Lehrer errang sogleich die größten Erfolge. Die Hörer spürten, daß hier eine große Gesinnung mit reichem Wissen sich einte, mehr aber noch war es jene fortreißende, bis zum Schluß des Lebens wachsende Beredsamkeit, die alle in den Bann Treitschkes zwang. Schon damals keimte auch der Gedanke, die Entwicklung der neuesten Zeit zu schildern, aus dem später das Hauptwerk die „Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert” erwachsen ist.
In Leipzig scharte sich um Treitschke ein Freundeskreis von bedeutenden Menschen, darunter Gustav Freytag, Franz Overbeck, Salomon Hirzel, Friedrich Zarncke. Von hier kam die Anregung der Rede am hundertsten Geburtstage Fichtes, die zu dem Aufsatz „Fichte und die nationale Idee” umgebildet wurde und in dem großen Vorgänger fast das eigene Bild zeichnete. Größeres noch bedeutete die kurz zuvor entstandene mächtige Schrift „Die Freiheit”, ein begeistertes Bekenntnis zum politischen und theologischen Liberalismus, und so manche andere größere und kleinere Aufsätze, darunter der über den geistesverwandten Lessing.
Als in Preußen der Verfassungskonflikt entstand, war Treitschke unter den Gegnern Bismarcks, auch in dem damaligen Sachsen konnte er, der Liberale, nicht auf eine Professur rechnen. So ging er nach Freiburg. Vorher hatte er noch bei dem großen deutschen Turnerfest am 5. August 1863 auf dem Leipziger Marktplatz eine alles begeisternde Rede gehalten, jene echte Demokratie preisend, welcher die Zukunft Europas gehöre. Das führte zum Bruche mit dem Vater, zum endgültigen Bruche mit dem Sachsentum und wurde besiegelt in der bedeutendsten politischen Schrift Treitschkes „Bundesstaat und Einheitsstaat”, der Kriegserklärung gegen die verlogene Bundesverfassung Deutschlands, gegen das ebenso verlogene Legitimitätsprinzip, gegen die Weiterexistenz der Kleinstaaten. Mit Recht behauptet der Biograph Treitschkes: „Wenn von irgendeiner Schrift gesagt werden kann, sie habe Bismarck den Weg zur Begründung des Reiches geebnet, so war es diese.”
In dem katholischen Freiburg fühlte Treitschke sich im Exil, und so bedeutete es für ihn die glücklichste Fügung, als jene Beziehungen zu Berlin sich anknüpften, die durch sein tapferes Eintreten für Preußen im Jahre 1866 und die leidenschaftliche Broschüre „Die Zukunft der norddeutschen Mittelstaaten” gefestigt wurden. Er erhielt eine Professur in Kiel, kehrte aber schon nach einem Jahre nach Baden, nach Heidelberg, zurück. Dort verlebte er die sieben glücklichsten Jahre seines Lebens, trotzdem nun sein Gehör völlig erlosch. Seine großen Führereigenschaften traten in der begeisterten Gefolgschaft der akademischen Jugend immer sichtbarer vor Augen. Von der frischen Kraft dieser Jahre zeugen auch die damals entstandenen Geschichtswerke: „Frankreichs Staatsleben und der Bonapartismus”, „Cavour”, und „Die Republik der vereinigten Niederlande”.
Vor der Begründung des Deutschen Reiches erhob Treitschke, ein wahrhafter Prophet, seine Stimme gegen die selbstsüchtigen, der deutschen Einheit schädlichen Ansprüche Bayerns, ebenso wie gegen den partikularistischen Liberalismus, mit dem er jetzt noch äußerlich zusammenging. Er ließ sich in den Reichstag wählen und gehörte ihm bis 1884 an, trotzdem seine Taubheit ihm die Teilnahme an den Verhandlungen sehr erschwerte. Die Beschäftigung mit den öffentlichen Fragen, mit der geistigen und sittlichen Entwicklung brachte Treitschke zu der Überzeugung, daß man namentlich gegen die neue in Berlin entstehende Großstadtkultur ankämpfen müsse. Dies war ein Hauptgrund, daß er dem Rufe als Professor der Geschichte an die Berliner Universität folgte. Seit dem Sommer 1874 hat er dort auf dem Katheder gewirkt wie in seiner Zeit kein anderer akademischer Lehrer, vor allem durch das in jedem Winter gelesene Kolleg über Politik, ein wahres Stahlbad für die Hörer.
Was er hier im gesprochenen Wort verkündete, das bot er einem weit größeren Kreise durch sein Hauptwerk, die „Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert”. In fünf Bänden schilderte sie, von 1879–1894 erscheinend, die Entwicklung des deutschen Staats- und Geisteslebens bis zur Revolution 1848. Aber hier wie in dem Streite mit den Kathedersozialisten zeigte es sich deutlich, daß Treitschkes Denken, seine Vorstellung von der Gesellschaftsordnung und von den eigentlich ausschlaggebenden Kräften immer mehr erstarrte und den Forderungen einer neuen Zeit nicht gewachsen war. Seine wachsende Verbitterung suchte im Judentum einen Prügeljungen, an dem er allen Groll gegen die neuen Zeiterscheinungen auslassen konnte, und das mächtige Temperament ließ sich zu ungerechten demagogischen Äußerungen hinreißen. Auch kam sein einseitiges Preußentum immer mehr zum Ausdruck, namentlich im zweiten Band der Deutschen Geschichte.
So wurden die letzten Jahrzehnte Treitschkes von unaufhörlichen Kämpfen erfüllt, bei denen häufig das Recht nicht auf seiner Seite lag. Freilich konnte er noch bei großen Anlässen, wie den Hundertjahrfeiern der Königin Luise und Luthers, das Wort mit der alten reinen Kraft ertönen lassen. Aber immer mehr wurde er zu einem Werkzeug der Reaktion, immer mehr verengte sich der Kreis seiner geistig hochstehenden Freunde, immer ungerechter wurde das Urteil.