Wir durften wohl erwarten, daß ein so stark gärender Most endlich zu einem reinen und edlen Wein werde. Nicht gänzlich haben die Erzählungen von den „Leuten von Seldwyla” diese Hoffnungen erfüllt. Wie in jenem Romane breite, ermüdende Reflexionen sich neben den schönsten Bildern bewegten Menschenlebens ausdehnten, so stehen in dieser Schrift einige gänzlich verfehlte Erzählungen neben Novellen, die aus dem Schatz unserer Dichtkunst, will’s Gott, nie wieder verschwinden werden. Die Leute von Seldwyla sind, was schlechte Künstler „ein poetisches Völkchen” nennen. Gegen dieses selige Lumpentum, das die Gemütlichkeit für seine besondere Kunst hält, wendet sich der Dichter mit der lustigsten und doch bittersten Ironie. Keller hat sehr richtig gefühlt, daß solche flache Lustigkeit, die schließlich ins Elend versinkt, zu gehaltlos ist, um der Kunst einen Stoff zu bieten. Das verkommene Volk gibt ihm nur den Hintergrund, von dem sich die Schilderungen einiger origineller Menschen abheben.
Freilich, wie ganz hat den Dichter sein guter Genius verlassen, als er seinen „Pankraz, den Schmoller” schrieb. Uns ist, als müßte der lange Erikson hervortreten, dem Poeten auf die Schulter klopfen und ihn fragen, ob auch er nach so mannhaftem Kampf gegen das Dilettantenwesen für die mächtige Genossenschaft der Wollenden sich habe werben lassen. Es scheint des Dichters Absicht, zu schildern, wie oft gerade seine kleinen Eigenschaften des Menschen Schicksal bestimmen, ihn fast wider Wissen und Willen in ein schweres Schuldverhältnis zu seiner Umgebung bringen. Und wieder scheint es, er wolle in dem nichtig-eitlen Charakter der Lydia das unheimliche Geheimnis der Schönheit, das schon Vater Homer geahnt, enthüllen. Aber er versucht nicht einmal, diese Motive auszuführen. Kurz und gut, die Geschichte entbehrt jeder Pointe — so sehr, daß wir nicht einmal sicher sind, ob die Vermutungen, welche wir vorhin über des Dichters Plan äußerten, in Wahrheit zutreffen.
Kaum anders steht es mit dem Märchen „Spiegel das Kätzchen”. Hier ersteht der ideenlose Humor der alten Romantik aus dem Grabe, jener leere Humor, der sich nicht begnügt, die Poesie von falschen moralischen Zwecken zu säubern, sondern auch die künstlerischen Zwecke aus der Kunst verbannen möchte, jener Scherz, dem der Halt eines gedankenvollen Ernstes fehlt. Der Dichter weiß den altertümlichen Ton der Märe vortrefflich anzuschlagen, und einige Stellen der Erzählung erinnern an die schönheitssatte Einfachheit der alten italienischen Novellen; auch die Hexengeschichten sind phantastisch und lustig genug — aber wir ahnen nicht einmal, wo hinaus der Poet mit dem Ganzen will. Wir sehen hier zwar nicht den in vollkommener Tendenzfreiheit, im reinen Dasein sich ergehenden Fleiß des Dilettanten, aber eine sehr verwandte Verirrung: den Übermut des Künstlers, der sich bewußt ist, schön zu erzählen und nun meint, jede grundlose, willkürliche Erfindung tue es auch. Dabei geht die Eintracht zwischen der Phantasie und dem schlichten Verstande verloren, welche doch in einem rechten Künstlerkopfe fein brüderlich zusammen hausen sollten.
In dem Schwanke von den „Drei gerechten Kammachern” hat Keller durch die Tat gezeigt, was wahrer Humor ist: drollig genug ist die Erzählung, recht, was man bei uns daheim eine pudelnärrische Geschichte nennt; aber hinter den mutwilligsten Einfällen schaut ein ernstes und starkes Gefühl hervor, eine rüstige Verachtung jener Laster, welche dem Künstler die hassenswürdigsten der Sünden sein müssen, der Engherzigkeit und Heuchelei. Nach dem verlumpten Neste Seldwyla kommen drei gerechte Gesellen in ein Kammachergeschäft. Ein jeder in der Absicht, des Meisters Nachfolger zu werden, machen sie sich durch ihren wütenden Fleiß, ihre makellose Gerechtigkeit das Leben zur Hölle. Das Ende ist, daß die Gerechten um den Preis des Meisterrechts und der Hand einer alten Jungfer unter dem Jubel der Narren und Lumpe der Stadt einen aberwitzigen Wettlauf halten. Der Scherz ist lustig genug, das elende Dasein dieser Menschen mit einer Wahrheit geschildert, welche freilich oft bis zu den Grenzen des Erträglichen, ja dann und wann darüber hinaus schreitet. Leider siegt zuletzt des Dichters warmes Herz über seinen Kunstverstand. Wir verargen ihm nicht, daß er dieser widerwärtigen Rotte eine derbe Züchtigung zudachte; wir finden es ganz in der Ordnung, daß er den Dietrich unter den Pantoffel jener schrecklich tugendhaften Schönen bringt; aber wenn er seinen Jobst am ersten besten Baum aufhängt und Fridolin ins Elend stürzt, so hat einfach der Spaß ein Ende.
Gar eigen hebt sich von diesem tollen Treiben die tiefernste Erzählung von „Frau Regel Amrain” ab. Die allereinfachste Geschichte: eine herrliche junge Frau, die ihren jüngsten Sohn erzieht, um es kurz zu sagen — ein solches Weib, wie wir unsere Mütter uns vorstellen. Keller betritt hier ein Gebiet, wo er besonders heimisch, besonders reich ist an feinen Beobachtungen — das Kinderleben; und niemand wird ungerührt bleiben von der schlichten Einfalt dieser Erzählung. Freilich, eine reine Novelle ist sie nicht. Denn nicht nur führt sie — was der Novelle nicht zusteht — den ganzen Entwicklungsgang eines Charakters an uns vorüber; sondern sie ist auch — befremdlich genug bei diesem freisinnigen Dichter — nicht ohne einen gewissen moralisch erbaulichen Beigeschmack. Die Versicherung mindestens, daß seine Geschichte authentisch sei, hätten wir ihm, im Interesse der Kunst und des Dichters, gern geschenkt: Frau Amrain lebt sicherer und leibhaftiger in dieser Novelle als in einem „wirklichen” Schweizerstädtchen.
Aber einen glücklichen Dichtersonntag hat Gottfried Keller gefeiert, als er die Novelle schrieb: „Romeo und Julia auf dem Dorfe.” Um den Tadel, der uns drückt, nur gleich vom Herzen zu nehmen: Welcher böse Geist trieb den Dichter, uns am Schlusse dieser wunderschönen Novelle durch ein tendenziöses Nachwort aus allen Himmeln der Poesie in die bare Prosa herabzustürzen? Er schreibt alles Ernstes eine Apologie seiner Fabel, als müßte der Leser nicht von selbst empfinden, daß alles gar nicht anders kommen konnte. Nun gar die Behauptung, solche gewaltige Leidenschaften seien nur noch unter dem „eigentlichen Volke” möglich — eine Parteiverirrung, welche Keller in Goethes Schule hätte verlernen sollen — dreifach unbegreiflich am Ende einer Erzählung, welche ausgesprochenermaßen nur ein Gegenbild ist zu einer Geschichte aus der vornehmen Welt! Dieser Vorwurf ist jedoch der einzige Tadel, den wir gegen das schöne Gedicht zu erheben wissen. Etwa einige Dichtungen Groths und Hebels abgerechnet, hat uns keine der modernen Dorfgeschichten so schlagend gezeigt, wie schön das arme Volk ist, wenn sich das offene Auge findet, es zu schauen. Der Vergleich mit Shakespeares Tragödie, zu dem der Titel herausfordert, schadet der Novelle nicht allzusehr, denn die bescheidene Form der Erzählung und die kleine Welt, wohin sie uns führt, stimmen unsere Ansprüche von Anfang an herab. Um zu schweigen von dem unendlich vielen, das den großen Briten über alle modernen Poeten hoch emporhebt — schon um der Form der Darstellung willen muß die glühende Sinnlichkeit der Fabel in der Novelle mehr stofflich, mehr unmittelbar auf uns wirken, als in der idealen durchgeistigten Atmosphäre des Dramas. Aber wie schreckhaft auch diese starke Leidenschaft verwöhnte Nerven berühren mag, sie bleibt doch lauter, sie bleibt die welterhaltende Macht der Liebe. Echt tragisch ist das Los der Liebenden; denn was sie heraushebt aus der Gemeinheit ihrer Umgebung, die Tiefe ihres, reinem Ehrgefühle und wahrer Leidenschaft zugänglichen Wesens — das begründet zugleich ihre Schuld. —
Es bleibt ein mißlich Ding mit den heitren harmonischen Menschen, denen es wohl ist in ihrer eigenen Haut, zu rechten: sind sie doch imstande, auf jeden Vorwurf die unwiderlegliche Antwort ihres großen Altmeisters zu geben: „Ich habe mich nicht selbst gemacht.” Wir wollen es darauf wagen. Wie wacker er auch das Seldwyler Völkchen an den Pranger gestellt hat: es fließen doch ein paar ansehnliche Tropfen Seldwyler Blutes durch Kellers eigene Adern. Nur so ist es zu erklären, daß sein schönes Talent so ganz Verfehltes schaffen konnte, wie jene beiden Novellen. Versteht er es, solche Schwachheit mit der Kraft eines rechten Künstlerwillens zu bändigen, so dürfen wir noch schöne Gaben von ihm hoffen. Eine lange Reihe von Jahren liegt noch vor ihm, und wir preisen ihn in seiner Schweizer Heimat glücklich, daß die Bitterkeit des deutschen politischen Elends nicht unmittelbar verstimmend auf seinen künstlerischen Gleichmut wirken kann. Vergessen hat er Deutschland darum nicht; davon hat er noch jüngst Zeugnis abgelegt, als er auf dem Züricher Festschießen die nordischen Gäste mit dem Liede begrüßte:
Erzwungen ist der Haß und Groll,
Ein sündlich Narrenspiel — — —
— Es gibt ein stolzes Fürstenwort,
Das heißt: von Fels zum Meer.
Doch wird es einst der Völker Hort,
Wiegt’s noch einmal so schwer.
Dann eint ein glücklicher Geschlecht
Vom Firnenrand
Zum Meeresstrand
Ein Denken und ein Recht.