Und wo flimmernd Schwan und Leier
Und das Bild des Kreuzes sprühn,
Wird dereinst in schönem Feuer
Karoli Magni Krone glühn.
Aber dann in tausend Wiegen,
Hier in Gold und dort in Holz,
Wird der junge Kaiser liegen,
Freier Mütter Ruhm und Stolz,
Wird als Hirt in Blumen weilen,
Im Gebirg’ als Jäger gehn,
Auf des Meerschiffs schwanken Seilen
Als ein braver Seemann stehn.

Sicher, das Bild einer schönen, menschlich-reinen Zukunft. Und wer wollte mit dem lyrischen Dichter über politische Fragen rechten, wenn er getan hat was er nicht lassen konnte, wenn er einen glücklichen Traum, der sein Herz bewegt, in tief empfundenen Worten wiedergibt? Die Frühlingsmonde der deutschen Revolution, die berauschende Hoffnung, die wie ein Lauffeuer von Land zu Land eilte, das erste mächtige Aufatmen nach einer langen Zeit dumpfen unnatürlichen Schweigens — dies, bei all seiner Verkehrtheit doch wunderbar großartige Schauspiel lebt vielleicht nur denen ganz klar und schön in der Erinnerung, welche damals zu jung waren, um an dem Kampfe selbst teilzunehmen und die Sorgen und Gefahren des Augenblicks zu würdigen. Die furchtbare Enttäuschung, welche dem Rausche folgte, hat es begreiflich jedem Künstler unmöglich gemacht, den überreichen Stoff zu benutzen, den jene Tage ihm bieten. Kaum daß wir einmal in einer Gemäldesammlung ein Genrebild treffen, wie den lustigen „Einzug des Reichsverwesers” von Oppenheim, das uns die Stimmung des bewegten Frühlings zurückruft. Unter all den Gedichten, welche mit dem Sturme kamen und verschwanden, ist keines so ganz erfüllt von dem Pulsschlage jener Zeit, der fraglosen Hoffnungsseligkeit, wie diese politischen Gedichte von Keller. Freilich, nicht alle tragen diesen Charakter reiner Empfindung. Es sind manche darunter, welche in parteiischer Verschrobenheit Betteljungen und Taugenichtse als das eigentliche Volk verherrlichen. Doch aus den meisten redet ein echt humaner Freisinn, ein liebevolles Mitgefühl mit den Armen und Leidenden.

Auch in dieser Sammlung geben wir den einfachen Naturbildern den Preis, welche, frei von aller Wortmalerei, oft mit glücklicher Wahrheit die Seele einer Landschaft widerspiegeln oder als echte Idyllen den Menschen in einfach-frohem Dasein schildern. Natürlich stößt dies offene Auge auch oft auf Häßliches, und der Dichter hat nicht immer die Kraft, es zu verklären; solche Gedichte erscheinen, da seinem ehrlichen Wesen die kleinen Künste, das Widrige zu bemänteln, gänzlich fehlen, doppelt grell und abstoßend. Seine Weinlieder sind zwar keineswegs frei von jenen renommistischen Klängen, welche bei solchen Stoffen zum Handwerk zu gehören scheinen; aber der Grundton ist auch in ihnen ein gesunder: die einfache herzliche Dankbarkeit für die reichen Geschenke der Natur.

Mit dieser schönen Künstlertugend Gottfried Kellers hängt indes eine wunderliche Grille zusammen, — ein grimmiger Haß gegen die Idee der Unsterblichkeit. Er wähnt, dieser Gedanke sei unverträglich mit dem Gefühle der Daseinsfülle, welches das Glück seines Daseins ausmacht, und er verfolgt ihn wieder und wieder mit dem bittersten Spotte. Wer unberührt ist von der Gehässigkeit, womit diese Idee seit alter Zeit und neuerdings wieder bald verteidigt, bald angegriffen wird, der erstaunt billig darüber, wie grundverschiedene Dinge unter diesem Namen begriffen werden. Daß, wie wir das Schaffen großer Männer und großer Völker handgreiflich fortwirken sehen von Geschlecht zu Geschlecht, so auch der schwächste Sterbliche ein notwendiges Glied ist in der großen Kette der Geschichte — daß darum keine unserer Taten ganz verloren geht, keine wieder zu vertilgen ist durch äußerliche Buße — dieser Gedanke ist allerdings die Grundlage jeder streng gewissenhaften Sittlichkeit. Diese Unsterblichkeit soll der Mensch — nicht glauben, denn wer darf beim Glauben von einem Sollen reden? — sondern ernst und klar erkennen. Und auch der Dichter mag zu Felde ziehen gegen die Leichtfertigkeit oder die äußerliche Religiosität, welche diese Erkenntnis leugnet. Wie anders der Glaube an ein bewußtes Dasein nach dem Tode! Wenn jetzt schon jeder unbefangene Denker gesteht, daß unser Wissen über diese Frage nichtig ist, so wird einst eine Zeit reinerer Menschlichkeit kommen, wo alle Welt über die heute so arg verketzerte Wahrheit einig ist, daß der Glaube an ein Jenseits mit unserem Glücke, unserer Tugend an sich nicht das mindeste zu tun hat. Für schwache oder gemeine Naturen kann der Glaube an eine Fortdauer nach dem Tode ebensowohl eine Quelle der Unsittlichkeit werden wie das Leugnen derselben; wenn es asketische Toren gibt, welche sich „die köstliche Neige der Zeit mit dem Gedanken der Ewigkeit verdünnen”, so leben noch weit mehr Menschen, welche zugleich mit dem Glauben an ein Jenseits jedes Lebensglück, jeden sittlichen Halt verlieren würden. Freilich, wenn der ungeheure Gedanke der Ewigkeit von unreinen Lippen gepredigt oder durch triviale Vorstellungen getrübt wird, dann soll der Dichter dagegen, wie gegen alles Kleinliche und Unwahre, sein lauteres Wort erheben. In dem glücklichen Gedichte „Wochenpredigt” schildert Keller, wie am heißen Erntetage die lebensmüden Alten in der Kirche sitzen und der Priester ihnen verkündigt, daß wir im ewigen Leben „von einem Stern zum andern hupfen und endlich in den Urquell schlupfen”. Dann geht das Pfäfflein heim, und, um die Zeit bis zu einem abendlichen Feste totzuschlagen, verschläft es den Nachmittag.

O Pfäfflein, liebes Pfäfflein sag’:
Ist dir zu lang der eine Tag,
Was willst du mit all den Siebensachen,
Den Millionen Sternen und Jahren machen?

Gewiß, das muß ein arger Pedant sein, dem dieser lustige Einfall keinen Beifall entlockt. An sich aber ist der Glaube an ein Jenseits weder sittlich noch unsittlich, weder schön noch unschön; er mag von Dichtern mit gleichem Glücke verherrlicht oder verworfen werden. Wer darf dem wie Sphärengesang tönenden Schwunge der von diesem Glauben durchaus getränkten Oden Klopstocks oder Hölderlins sein poetisches Recht bestreiten? Und wieder, wer darf das echt künstlerische Gefühl verkennen, welches Keller treibt, die Blumen und die irdische Herrlichkeit ringsumher also anzureden: „Ich wende mich vom Schrankenlosen zu eurer Anmut froh zurück?” Nur sollte es kaum der Bemerkung bedürfen, wie wenig eine dauernde Beschäftigung mit so formlosen abstrakten Stoffen der Dichtkunst frommen kann. Wir lächeln, lesen wir heute, wie Klopstocks seraphische Überschwenglichkeit sich sogar die Freude an einem Johanniswürmchen durch die Frage verbittert: „Du bist vielleicht, ach! nicht unsterblich?” Aber nicht bloß lächeln müssen wir über den Luftkampf, welchen die materialistischen Poeten von heute führen; auch die ernste Frage können wir ihnen nicht schenken, wie es sich mit dem Wesen der heilenden und versöhnenden Kunst verträgt, einen Glauben zu verspotten, der für Unzählige den Inbegriff alles Heiligen bildet? Lesen wir vollends Zynismen wie das Lied: „Ich hab’ so manchen Narren gekannt, der wollte ewig leben” oder manche der „Gaselen”, so gestehen wir, daß dieser materialistische Fanatismus der Verketzerungssucht der „Christenpfaffen” völlig ebenbürtig ist. —

Inzwischen hatte Keller seine Kraft zu einem größeren Werke gesammelt, zu dem Romane „Der grüne Heinrich”. Es bedarf keines Tiefblicks, um zu erkennen, daß gar manches in diesem Buche von dem Poeten selbst erlebt ist, daß er in langer und liebevoller Arbeit die Früchte einer mannigfach bewegten Jugend zusammengetragen hat. Aber hier ist nichts von jener Schönseligkeit, jener Selbstvergötterung, die seit Rousseaus Tagen solchen Konfessionen anhaftet. Das Gedicht ist entstanden aus dem natürlichen Bedürfnisse, mit einer erfahrungsreichen Zeit, die der Dichter überwunden hat, völlig abzuschließen. Freilich verliert so das Werk an Einfachheit und Abrundung der Komposition, was es an Wahrheit und Lebhaftigkeit gewinnt. Keller hat das naturgemäßeste Thema des Romans gewählt: er schildert den Werdegang eines Charakters; und wir wüßten aus den letzten Jahren kaum eine Dichtung, welche einen jungen Mann in dem Alter, wo man zuerst beginnt, auf sein Leben zurückzuschauen, so tief und dauernd fesseln könnte. Aber nicht bloß der stoffliche Reiz zieht uns zu dem Buche: auch der Kunstwert der ersten Bände ist hoch anzuschlagen. Die gleichmäßige Heiterkeit seiner Natur, sein für alle, auch die kleinsten Schönheiten der Außenwelt geöffnetes Auge, seine frohe zuversichtliche Weltanschauung, der die Geschichte als ein großes Lustspiel erscheint, worin die überlegene, unbedingte Einsicht schließlich alles versöhnt: — das alles mußte Keller von selbst zur epischen Dichtung führen. Wie wahr weiß er die verborgensten Falten in dem Charakter seines Helden aufzudecken, und doch sind diese Schilderungen nicht peinlich-genau, nach Art englischer matter-of-fact-Novellen, sondern poetisch wahr. Zu den gelungenen Teilen dieses Romans möchten wir die kritischen Klopffechter des Idealismus und Realismus führen: hier, wie an jedem Kunstwerke, könnten sie lernen, daß lebendiger Schönheitssinn zum charakteristischen Stile so notwendig gehört wie der Anker zum Schiff. Keller besitzt nicht jenen leeren abstrakten Formensinn, den ästhetische Feinschmecker an Paul Heyse und Geibel bewundern, sondern ein kräftiges, angeborenes, aber durch Bildung geadeltes Schönheitsgefühl. Auch wenn die Fabel des Romans das Geheimnis nicht verriete, würde uns die Darstellungsweise auf die Vermutung bringen, daß ein Stück von Maler in ihm liegen muß. Könnte der arme Mann von Toggenburg diese lachenden Schilderungen vom Schweizerlande lesen, wie herzlich würde der Gute seine Landsleute um Verzeihung bitten, daß er ihnen das Verständnis der Naturschönheit abgesprochen. So recht an seiner Stelle ist Kellers Talent, wenn er die echt epischen, durch ihre Einfachheit großen Empfindungen ausdrückt: wenn er schildert, wie der Jüngling mit befangenem Staunen zum ersten Male seiner Großmutter begegnet und das seinem Dasein Vorangegangene groß und unvermittelt ihm gegenübertritt — oder wenn er uns einführt in das heilige Schweigen der Nacht, wo das Glück der Erde seinen Rundgang zu halten scheint über die schlafende Welt. Kellers Sprache ist von jener anschaulichen Kraft, die dem Sohne des Volkes zu erwerben leicht wird, und sie wird mit der Freiheit gehandhabt, welche nur die Frucht gewissenhafter Arbeit ist. Keller hat sich das schöne Vorrecht des Epikers, daß er scheinbar absichtslos und ohne Rücksicht auf den Leser schreiben darf, nicht entgehen lassen: er erregt von Hause aus unsere Teilnahme für den Helden, aber nirgends reizt er uns durch jene prickelnde Neugierde, die den Kunstgenuß zerstört. Sein Buch ist, wie die Weisheit des Brahmanen verlangt, „ein Ganzes, das besteht aus tausend kleinen Ganzen”.

Die Mängel des Romans lassen sich meist darauf zurückführen, daß der Poet seinem Stoffe nicht frei genug gegenübersteht. Bezeichnend dafür ist, daß die Kindheitsgeschichte des Helden weit unbefangener und klarer dargestellt wird als seine späteren Erlebnisse, von denen manche des Dichters persönliches Interesse noch allzu nahe berühren mochten. Wir lernen den grünen Heinrich kennen, wie er von seiner Mutter und seiner Schweizer Heimat sich trennt, um in München Landschaftsmaler zu werden. Aber schon nach den ersten Reiseabenteuern wird die Erzählung abgebrochen, und wir erhalten die Jugendgeschichte des Helden in der Darstellung, die er, um sich selber Rechenschaft zu geben, aufgesetzt hat. Stört diese Zerspaltung der Fabel ohnehin den harmonischen Eindruck, so führt sie noch schwerere Nachteile mit sich. Die Form des Tagebuchs gibt dem Dichter Gelegenheit, sich in behaglicher Weitschweifigkeit zu ergehen und seiner Neigung für das Absonderliche, die er trotz aller ästhetischen Bildung doch nicht hat ablegen können, die Zügel schießen zu lassen. In der Absicht, uns mit dem Charakter des Helden vertraut zu machen, gibt er uns dessen Betrachtung über alles Erdenkliche, Herzensergießungen, so derb ehrlich, so verzweifelt naiv (denn der grüne Heinrich verdient seinen Namen nicht bloß um der Farbe seines Rockes willen), daß ein gesetzter Leser sich bekreuzen möchte. Schlimmer ist, daß diese Betrachtungen oft die Wahrheit der Erzählung zerstören. Das langsame Erwachen des Menschen aus kindischem Traumleben zu hellem Bewußtsein ist vielleicht der zarteste Gegenstand, den ein Dichter berühren kann: nur die allerruhigste, unbefangenste Erzählung kann uns hier überzeugen. Eine Reihe kleiner kindischer Sünden, die uns, einfach erzählt, ganz natürlich erscheinen würden, erregen unser Befremden, weil der zwanzigjährige Tagebuchschreiber sich die Motive seiner alten Missetaten nachträglich zu erklären sucht. Jedoch solche Mißgriffe sind nicht häufig. Im ganzen ist es eine Lust, diese Kindheitsgeschichte zu lesen. Selbst das unbefangen Tierische im Menschen wird uns gezeigt, seine natürliche Grausamkeit, seine schamlose Selbstsucht; wir sehen, wie die erste Wurzel der Unwahrheit, die falsche Scham, sich bildet, wir werden an jene haarscharfe Grenze geführt, welche das naturgemäße Erwachen einer lebendigen Einbildungskraft von der bewußten Lüge scheidet: und doch geht über dieser Fülle des Charakteristischen nicht der wehmütige Zauber verloren, der über dem Dämmerleben des Kindes schwebt. Durchaus bewährt sich des Dichters sittlicher Takt: er hütet sich wohl, den gedankenlosen Diebereien des Kindes mit dem Strafgesetzbuch in der Hand entgegenzutreten: aber sein Künstlerzorn erwacht, wenn er den Helden bei einem kleinlichen, engherzigen Gebaren findet. Die ersten bewußten Jahre verlebt der Held in engen Verhältnissen unter der liebevollen Zucht einer ernsten, genauen Mutter. Dann beginnt der unreife Spieltrieb allmählich umzuschlagen in die Lust an wirklicher Tätigkeit. Heinrich beschließt, sich zum Künstler zu bilden. Da sehen wir mit Rührung, wie hilflos die arme Witwe dem fremdartigen Treiben des Sohnes gegenübersteht: kann sie doch den Liebling ihres Herzens kaum anders unterstützen, als indem sie Strümpfe für ihn strickt. Und wie ergreifend erscheint das unselige Streben des Autodidakten, der, bald führerlos, bald mißleitet von unfähigen Lehrern, haltlos seiner unfertigen Empfindungslust, seiner knabenhaften Neigung für das Sonderbare preisgegeben ist. Ein Landaufenthalt seines Helden gibt Keller Anlaß zu Schilderungen des Volkslebens von so viel Schönheit und Farbenpracht, daß wir uns erstaunt fragen, ob dies dieselben Menschen sind, welche in Bitzius’ Erzählungen unser ästhetisches Gefühl so oft schwer beleidigen. Diese Bauern sind weder malerisch noch großartig, sie sind schroff und engherzig, soweit in jenem harten materiellen Leben der Mann es sein muß, um auf eigenen Füßen zu stehen; es sind starke aufrechte Männer, sondertümliche, eigenartige Charaktere, wie sie in freier Unabhängigkeit sich bilden. Aber wie ehrwürdig erscheinen uns hier die köstlichen Güter des Landmanns, das frische Brot und der junge Wein; und wie tüchtig und beneidenswert das Volksfest der Tellfeier mit all seiner Derbheit, seinem naiven Ungeschick; denn über all dem bunten Treiben sehen wir ein naturwüchsiges, freies Gesamtleben, dem der Staat noch nicht als eine dem Volk entfremdete mechanische Amtsordnung gilt. Dort auf dem Dorfe empfängt des Helden Charakter die ersten dauernden Eindrücke der Leidenschaft. Seine romantische Neigung, seine unklare Schwärmerei wird durch ein zartes junges Mädchen gefesselt, aber sein Künstlerfeuer, seine lebendige Sinnlichkeit liegen in den Banden eines gereiften Weibes. Die schöne Judith ist eine jener sicheren, naturfrischen Frauen, die auch in unseren frommen Tagen nimmer aussterben werden: schön und stark, heißblütig und mit heidnischer Unbefangenheit jeder Leidenschaft folgend, aber durchaus wahr und eine harmonische Natur, der man nicht grollen kann. Dies Doppelleben des Helden ist mit ergreifender Wahrheit geschildert, aber auch mit einer naiven Offenherzigkeit, wie wir sie nur dem grünen Heinrich verzeihen können. Wir sind die letzten, die verbildete Prüderie unserer Frauen, welche ihnen die edelsten Kunstgenüsse verdirbt, zu verteidigen, und wir wissen sehr wohl Kellers kräftige Sinnlichkeit von der faunischen Lüsternheit der Franzosen zu unterscheiden: dennoch bedauern wir, daß manche schöne Hand den Roman aus der Hand legen wird, erschreckt durch diese Darstellung des Nackten, für welche ein künstlerischer Zweck nicht zu finden ist. Das zarte Mädchen stirbt, von Judith reißt Heinrich sich los in einem gewaltsamen Ausbruche unreifen Tugendstolzes. Endlich zieht der zuversichtliche junge Held in die Fremde, um — alles zu vergeuden, was er besitzt, sein und seiner Mutter Leben.

Von hier hebt die eigentliche Erzählung wieder an, und sie sticht auch dadurch von dem Tagebuch in sehr störender Weise ab, daß von den vielen in diesem angeknüpften Fäden kaum einer von der Erzählung wieder aufgenommen wird. Mit des Helden Eintritt in das Münchener Kunstleben beginnt auch der Dichter sich eingehender mit der Kunst zu beschäftigen. Sein Buch ist das herbste, unbarmherzigste Verdammungsurteil über den Dilettantismus. Nur der Meister, nur wer seinen Beruf gründlich versteht, ist glücklich, mag er auch einen Stiefel zurechthämmern — dies der Kern der Kunstanschauung Gottfried Kellers. Eine goldene Wahrheit, die dem Sohne eines starken und regsamen Volksstammes wohl ansteht; ein Kind mag sie fassen, aber Tausende unserer Gebildeten gehen zugrunde, weil ihnen der sittliche Mut, ihr zu folgen, mangelt! Die Standrede, welche der Maler Erikson seinem Freunde, dem grünen Heinrich, hält, über die mächtige Gesellschaft der „Wollenden” in der Kunst, über die nahe schöne Zukunft, wo die Städtebewohner sich an dem Gruße: Dichter? Dichter! Künstler? Künstler! erkennen werden, und ein Senat geprüfter Buchbinder und Rahmenvergolder zu Gericht sitzen wird über den Werken des reinen Fleißes — dieser Scherz ist eine meisterhafte Satire, die jeder junge Künstler einmal lesen sollte. In solchem Geiste frischen vollkräftigen Künstlertums bekennt sich Keller auch zu jener Auffassung des geistigen Eigentums, die zu Recht bestehen wird, solange es rüstige Künstler gibt: der ohnmächtige Schwächling, dem eine gute Idee über Nacht gekommen, hat nicht das mindeste Recht zur Klage, wenn ein schöpferischer Kopf sie seiner unfähigen Hand entreißt und lebendig gestaltet. Wiederum eine sehr einfache, selbstverständliche Wahrheit; aber haben uns nicht die tragikomischen Erlebnisse des Schulmeisters von Possenhofen gezeigt, wie wenig unsere tonangebenden Schriftsteller diesen braven Künstlersatz begreifen? — So gern der Dichter über künstlerische Dinge redet, so wenig wird die Schrift dadurch zum Kunstroman. Weder stellt sich hier die Kunst eitel vor den Spiegel, noch treten wir in jene Kreise der Aristokratie des Geistes, welche mit ihrem vorherrschend innerlichen Leben der Dichtung einen noch weit minder dankbaren Stoff bieten als der Adel. Das Buch bleibt ein einfacher bürgerlicher Roman; der Dichter hat es verstanden, diese besonderen Erlebnisse zu einem Bilde des Allgemeinen zu erweitern. Seine Verachtung des künstlerischen Dilettantismus ist lediglich der Haß des tüchtigen Menschen gegen alles Halbe und Schwächliche. Der Held bleibt ein epischer Charakter, er läßt die ganze Fülle der Welt der Erfahrung bildend auf sich wirken. Der Maler Ferdinand Lys schließt sich an ihn an, einer jener unselig begabten Menschen, an denen die Gegenwart reich ist: durchaus geistreich, fähig, von allem die höchsten und kühnsten Begriffe zu fassen, auch nicht gerade unproduktiv, aber mit einem Überwiegen des kritischen Denkens über die schöpferische Begabung, welches ihn am dauernden, beglückten Schaffen hindert. Oft genug gerät der gescheite Skeptiker mit dem unreifen jungen Freunde in Streit, bis einmal der Junge, stolz auf den willkürlichen Gottesglauben, den er sich aus den Trümmern der Dogmatik allein noch gerettet, ihm mit schwer beleidigenden Worten seinen Atheismus vorwirft. Da folgt eine Katastrophe, wie sie im Jugendleben nicht selten ist, lächerlich und tief traurig zugleich: seinem Herrgott zu Ehren verwundet der verblendete junge Mensch den Freund im Zweikampfe, und Ferdinand stirbt einige Jahre darauf an den Folgen der Wunde. Heinrich erkennt endlich, daß er zum Maler verdorben ist, er zeigt sich gänzlich ungeschickt zum Erwerben, er gerät in bittere Not. Eine ehrenwerte und doch falsche Scham entfremdet ihn gänzlich seiner Mutter, und die unglückliche Frau stirbt vor Sehnsucht und Gram um den verlorenen Sohn.

Hier nun muß es sich entscheiden, ob Heinrich ein wahrer Romanheld ist, ab er fähig ist, seine inhaltlose, gutmütige Jugendbegeisterung mit einer kräftigen, durch geistigen Schwung geadelten Lebenstätigkeit zu vertauschen. Aber hier erfahren wir, wie selten jene behagliche Heiterkeit des Gemüts, die Keller befähigte, seiner Erzählung einen ruhigen epischen Fluß zu geben, sich verbunden zeigt mit der dramatischen Energie, welche zum Abschlusse jedes Kunstwerks unerläßlich bleibt. Und noch klarer zeigen sich die schlimmen Folgen davon, daß der Held zu viel von des Dichters Fleisch und Blut hat. Heinrich faßt zwar den männlichen Entschluß, der Malerei zu entsagen, aber er meint sich berufen, im lebendigen Menschenstoffe zu schaffen. Nein, junger Freund, wenn du, so derb geschüttelt durch schwere Erfahrungen, noch nicht helleren Auges in dein Inneres blicken kannst, so bist du noch immer der „grüne” Heinrich. Zum Maler taugt dieser Mensch freilich nicht, denn er ist unfähig, nur mit einem Sinne die Welt zu erfassen, er hat seine Lust an der sprossenden Frühlingssaat, während seine Malergenossen den giftigen Ton der Farbe beklagen; aber zum handelnden Leben taugt er darum noch minder. Ein ästhetischer Widerwille war es ja, der schon den Knaben von dem Mysterium des Abendmahls zurückstieß, dichterisch ist die üppige Erfindungslust, welche sein Malerwirken so bitter störte — mit einem Worte, in Heinrich steckt ein Poet. Aber Keller hat nicht den Mut, diesen Entwicklungsgang aufzudecken, er vernachlässigt darum das fruchtbare Motiv, das in Heinrichs ästhetischer Lebensanschauung — diesem Urgrunde seines Glücks und seiner Schuld zugleich — enthalten ist. Er weiß sich schließlich nur so zu helfen, daß er Heinrich, während wir noch auf dem vorletzten Blatte das Beste hoffen, auf der letzten Seite sterben läßt. Diese Ratlosigkeit über den Ausgang des Helden verdirbt den letzten Band durchaus; er ist gewandter geschrieben als der Anfang, aber in der Komposition und der dichterischen Wärme steht er weit zurück. Er ermüdet uns durch lange, völlig zwecklose Schilderungen und Betrachtungen. Ja, es gelingt dem Dichter sogar einmal, unsere Teilnahme dem Helden gänzlich zu entfremden, da Heinrich im Elend in eine unerträglich weinerliche Gramseligkeit verfällt. Am Schlusse indes erhebt sich die Erzählung noch einmal zu regerem Leben. Heinrich schüttelt die letzten Spuren seines Jammers von sich, er erstarkt zu neuem Selbstgefühle, und zum ersten Male kommt die Macht einer tiefen Liebe gewaltig über ihn. Aber sein Tod zerreißt des Lesers kaum wieder erwachte Hoffnungen. Es bleibt ein Mißgriff, der nicht wieder gesühnt werden kann, daß der Dichter Heinrichs Freund und Mutter zum Teil durch seine Schuld sterben ließ. Solche Verschuldungen, die mehr dem Ungeschick des Kopfes als der Schlechtigkeit des Herzens entspringen, bilden immer einen gefährlichen Stoff für die ernste Dichtung. Es ist hart, daß Heinrich um dieser Sünden willen, welche ja nicht das Werk seines freien Willens waren, zu den Verdorbenen und Gestorbenen gehören soll. Und doch würden wir es noch minder ertragen, wenn Heinrich auf dem Grabe seiner Mutter lustig Hochzeit hielte. Im Leben freilich ist es nicht nur möglich, ja wir dürfen sogar verlangen, daß ein Mensch mit so unseliger Vergangenheit noch ein wackerer und glücklicher Mann werde. Aber so Großes bewirkt im Leben nur jene Macht, welche selbst für die freieste und gewaltigste der Künste kaum darstellbar ist — die Macht der Zeit! So ist denn die Achillesferse aller Romane, der Schluß hier besonders schwach. Das Buch endet mit einem grellen Mißlaute.