Unter den Lebenden ist doch ein Schweizer Poet, der sein Land mit Ehren vertritt. Das Glück ist dem Erfolge von Gottfried Kellers Schriften wenig günstig gewesen, und auch während des Schaffens hat ihm nicht immer die gleiche freundliche Sonne gelächelt. Wenn wir trotzdem auch seine halbvergessenen Jugendschriften in den Kreis unserer Betrachtung ziehen, so geschieht es, weil eine lebendige Kritik nur dem möglich ist, der den Entwicklungsgang des Künstlers übersieht. Die Überfülle seichten poetischen Schaffens hat allmählich in den Reihen der Kritik einen unwürdigen Ton handwerksmäßiger Roheit eingeführt: Kritik und Kunst leiden gleich sehr, wenn ein begabter Dichter sein Fleisch und Blut als Nummer 59 unter „Fünf Dutzend neuer Romane” besprochen findet. Was der Kritik gegenwärtig vor allem nottut, ist ein wenig Pietät vor der individuellen Eigentümlichkeit der Künstler. Wer nicht einzusehen vermag, daß in jedem Kunstwerke außer seinem absoluten ästhetischen Werte und seiner historischen Bedeutung noch ein höchst persönliches Element liegt, das gebieterisch Verständnis fordert, der ist für Kunstbetrachtungen verdorben. Von Schiller kennen wir das bezeichnende Wort: „Den Schriftsteller überhüpfe die Nachwelt, der nicht größer war als seine Werke.” Lassen wir dies Eingeständnis uns einen Fingerzeig sein; suchen wir hinter jeder Dichtung, die uns erquickt, den freien und wohlgeordneten Dichtergeist zu entdecken, dem wir sie verdanken. Das Suchen wird selten unbelohnt bleiben, am wenigsten wenn es sich um einen deutschen Dichter handelt. Denn das Bewußtsein unserer Volkseinheit ist bei den meisten von uns nicht ein Werk der Reflexion und gelehrter Forschung, sondern ein Ergebnis persönlicher Erfahrung, der Erinnerung an so viele starke Männer, aus allen Ländern deutscher Zunge, die wir aus ihren Werken oder von Angesicht zu Angesicht kennen und in denen allen wir die Spuren eines Volksgeistes wiederfinden. Darum ist uns jeder ganze und tüchtige Mann, in dem wir eine gute Seite deutschen Wesens erkennen, eine Freude: er ist uns ein Unterpfand mehr für die Erfüllung unserer heiligsten Hoffnungen.

Sie bildeten eine sehr gemischte Gesellschaft, die „Gedichte”, mit denen Gottfried Keller im Jahre 1846 hervortrat. Immer wieder, wenn eine solche bunte Sammlung von Gutem und Verfehltem erscheint, ertönt die Klage über den Mangel an Selbstkritik, und immer wieder vergißt man, wie tief diese kritiklose Redseligkeit in der Natur des Alters, das zur lyrischen Dichtung besonders neigt, und wohl auch in der Natur der Lyrik selbst begründet ist. Es waren damals die Tage, wo die langen und erbitterten Parteikämpfe, welche die Neugestaltung des Schweizer Gemeinwesens ankündigten, ihrem letzten gewaltsamen Ausbruche sich nahten, es schien die Schweiz „der Freiheit Werkstatt, wo zornig ihre Essen sprühn und rauchen”. Zugleich erfüllten Heinescher Weltschmerz, ausschweifende Lehren von der Emanzipation des Fleisches und der fanatische Christenhaß des Daumerschen Hafis die Köpfe unserer Jugend. Unser Schweizer Poet stürzt sich mit Leidenschaft in das berauschende Treiben der Zeit, und so stehen in dem seltsamen Büchlein schwungvoll phrasenhafte Freiheitslieder im Herweghschen Stile und bitterböse Angriffe gegen die Glatzen der Christenpfaffen friedlich neben Gedichten, deren wohllautende Verse in heiliger Andacht die Größe der Natur feiern, oder in denen der Dichter mit rührender Offenherzigkeit über den Sünden seiner Jugend zu Gericht sitzt. Das ist das Eigene an solchen Sammlungen: je mehr lyrisch die Gedichte sind, je mehr sie nur die Stimmung des Augenblicks wiedergeben, desto verwirrter der Eindruck, den das Ganze dem Leser hinterläßt. Die meisten sind befriedigt, wenn sie nur das Gefühl mit hinwegnehmen, daß der Poet ein jedem Hauche der Zeit geöffnetes Herz und die Gabe besitze, seine Empfindungen stark und schön auszusprechen. Aus diesen Gedichten war es doch nicht schwer, ein Mehreres herauszulesen, — eine tüchtige durchaus eigenartige Natur. Leicht ließ sich erkennen, daß der Zorn dieses Dichters Muse nicht ist: seine tendenziösen Lieder sind selten tief empfunden, und je überzeugender die einfache Plastik seiner Bilder uns vor die Seele tritt, desto tiefer verletzt uns der Zynismus in dem „Apostatenmarsch”, dem „Pietistenwalzer” oder wie sonst diese weder singbaren noch witzigen Spottgedichte heißen. Der junge Republikaner ist sehr wohl fähig, seine gute Sache poetisch zu vertreten; aber nicht der Kampf ist es, der seinem Wesen zusagt: „Voran, voran, ihr Bittern in fegenden Gewittern! wir ziehen heilend, segnend nach mit klar gestimmten Zithern” — so singt er in Augenblicken, wo er ganz er selber ist. Das Ziel nur hat einen Reiz für ihn, das glückliche Gleichmaß eines freien mit Recht und Wohlwollen geleiteten Gemeinwesens; und in diesem Sinne weiß er das Glück seiner Heimat mit einem Vollgefühle der Zufriedenheit zu preisen, um das wir ihn beneiden. Nicht eine politische Doktrin führt ihn in das demokratische Lager, sondern jene Tugend, deren sich die echte Demokratie mit größerem Rechte rühmen darf als irgendeine andere politische Richtung, die vorurteilsfreie, alles Menschliche achtende Humanität:

Hernieder laßt uns dringen,
Demütigen Herzens bringen
Licht in der engsten Hütte Nacht!

Noch mehr gefällt uns der Dichter, wenn er mit wenigen, klaren und sicheren Strichen ein einfaches Bild der Natur nachzeichnet, wenn er den Knaben besingt, der im Walde liegt, durch die Zweige gen Himmel blickend, und gern und ruhig duldet, daß eine Eidechse über seinen Hals schlüpft — oder das Mädchen, wie sie eine Rose in den Brunnen wirft und das Wasser schlau in Wellen schlägt, bis der Knabe den Blumengruß gewonnen hat. Diese Einkehr in die Natur bleibt bei Keller frei von aller Sentimentalität; es ist die kerngesunde Lust am Einfachschönen, nicht eine mürrisch-trübe Flucht vor den Stürmen der Welt. Recht derb vielmehr weiß er die „Goethephilister” abzufertigen: — wer spricht von Anmut, wenn die Berge wanken? Und dann gerade erklingt sein Lied am schönsten, wenn er die rein menschliche Lebenslust und seine Liebe zu seiner großen rastlos vorwärtsstrebenden Zeit zugleich ausspricht. Allbekannt ist sein Gedicht an Justinus Kerner. Als der alte Herr einmal einen poetischen Stoßseufzer ausstieß ob der dampfestollen Welt, die er nicht mehr verstand, da wußte ihm der frohmutige Schweizer so stolz, so jugendfrisch zu antworten, daß der greise Sänger gewiß seinen Trost davon gehabt hat:

Und wenn vielleicht, nach fünfzig Jahren,
Ein Luftschiff voller Griechenwein
Durchs Morgenrot käm’ hergefahren —
Wer möchte da nicht Fährmann sein?
Dann bög’ ich mich, ein sel’ger Zecher,
Wohl über Bord von Kränzen schwer
Und gösse langsam meinen Becher
Hinab in das verlaßne Meer!

Ein Dichter von so jugendlicher Frische, so einfachem Natursinn mußte die zeitgemäße Tendenz bald als unnützen Ballast über Bord werfen. Reifende Einsicht mußte ihn abbringen von der Neigung zum Seltsamen, Barocken, welcher er in den „Gedanken eines Lebendigbegrabenen” und ähnlichen Gedichten, die sich schon durch ihre Aufschrift verurteilen, gefrönt hatte, mußte ihn zurückführen zu dem Sinne für das Schlichte, Wahre, der in seinem Wesen lag und aus seinen gelungenen Liedern sprach.

In der Tat zeigen Kellers „Neuere Gedichte” eine reifere Gestaltungskraft. Die Stürme des Jahres 1848 waren gekommen, und in den deutschen Parteikämpfen steht der Schweizer natürlich auf demokratischer Seite. Aber wie anders weiß er jetzt seine politischen Ideen dichterisch zu verkörpern! Kurz entschlossen tritt der übermütige junge Plebejer vor das Fenster des Fürstenhauses und singt sein „Ständchen an eine Prinzessin”:

In die Tiefe tauche kühn,
Jugend und Liebe zu werben,
Wo die Bäume des Lebens blühn
Und die Augen wie Sterne glühn!
Droben bei dir ist Sterben,
Liebliche Bürgerin Klara!

Das heißt doch die Idee der Brüderlichkeit praktisch und als Künstler verstehen! Wer heute die Schriften liest, woraus damals unsere Jugend ihre Staatsideale schöpfte, der erschrickt nicht bloß vor der Ideenarmut, sondern mehr noch vor der trostlos langweiligen Nüchternheit, die sich, bei aller phantastischen Überschwenglichkeit, in ihnen brüstet, vor jener dürren Prosa, welche sich allemal einstellt, wenn die Phantasie sich auf Gebiete wagt, die ihr verschlossen sein sollten. Wahrlich, kein geringes Maß von Kraft und Gesundheit gehörte dazu, diese abstrakten Träume des sozialen Radikalismus in individuelle Gestalten umzubilden: