Er belauscht sich während des Schaffens, er fühlt seine Verwandtschaft mit Kleist und Hebbel, vergleicht seine Gestalten mit den ihrigen, er findet in Shakespeare den vollendeten Künstler und versucht aus dessen Werken die höchsten Gesetze der Kunst abzuleiten. Sein eigenes Selbstgefühl, seine Künstlerfreudigkeit fühlt sich erdrückt durch die Größe des Briten, sieben Jahre lang bis zu seinem Tode läßt ihn das Bild des fremden Dichters nicht los, er schreibt „Shakespearestudien” und trägt in diese Blätter, wie in ein Tagebuch, alles zusammen, was ihm Kopf und Herz bewegt: Selbstgeständnisse, ästhetische Regeln, Dramenentwürfe, Studien über Shakespearesche Charaktere, Besprechungen eigener und fremder Werke. Der Thüringer Natursohn spricht in Lob und Tadel mit einer unbefangenen Geradheit, die unserer verzärtelten rücksichtsvollen Zeit wie eine Stimme aus den cheruskischen Wäldern klingt, er berührt die feinsten und höchsten Rätsel der Kunst und des Seelenlebens, er erörtert Fragen, die nur ein reicher Künstlergeist aufwerfen kann — als z. B.: „Wie reich ein Stück Shakespeares an Handlung ist und wie wenig Szenen es doch hat und wie diese auch so viel poetische Ausmalung haben” — und gleich darauf befremdet er uns durch einen Erklärungsversuch, der eine fertige historisch-philologische Bildung verlangt, also der Intuition des Künstlers allein nicht gelingen kann — und dann folgt wieder ein Selbstbekenntnis von fast unheimlicher Klarheit. Auch in Ludwigs Seele wühlte jene krankhafte Neigung, sich selbst zu belauern, welche das Leben Heinrich Kleists verwüsten half. Aber während Kleist in der Kunst sich immer wieder zu frischer Schöpferlust ermannte und nur in seinem äußeren Leben ein unglücklicher Grübler blieb, verfloß Ludwigs Leben wohlgeordnet, in gleichmäßigem Wellenschlage, der krankhafte Trieb in ihm warf sich allein auf sein künstlerisches Schaffen. Schon ein Übermaß gelehrten Wissens lähmt oft den freien Flug des Dichtergeistes, doch noch verderblicher als die allzu schwere Bildung des Verstandes wirkt auf den Künstler jene vorzeitige Kritik, die ihm die Freude stört an seinen halbvollendeten Gestalten. Mir ward unsäglich traurig zumute, als ich einst in einigen Heften aus Ludwigs Nachlaß blättern durfte. Welch ein ungeheurer Fleiß in diesen eng beschriebenen Bogen; nur selten einmal hat die zitternde Hand des Kranken am Rande bemerkt, er habe heute seinen Kindern zulieb’ zeitig Schicht gemacht. Große tiefsinnige Entwürfe, prächtige Verse, glänzender, schwungvoller als die schönsten Stellen der Makkabäer, dann wieder einzelne aufgebauschte geschraubte Bilder, und schließlich doch kein Ganzes — eine Phantasie, die uns zugleich durch ihren Reichtum und durch ihre Unfruchtbarkeit in Erstaunen setzt.

Ganz gewiß hat auch die Krankheit und die Sorge um des Lebens Notdurft den Aufschwung dieser Dichterkraft gelähmt. Man darf von Ludwig nicht reden, ohne mit ernstem Wort einer häßlichen Schwäche der deutschen Gesittung zu gedenken — des unanständigen Geizes, den die deutsche Lesewelt ihren Schriftstellern entgegenbringt. Alle die bequemen Entschuldigungen, welche auf unseren noch jugendlichen Volkswohlstand verweisen, zerfallen in nichts vor der beschämenden Tatsache, daß in dem kleinen Holland, dem halbbarbarischen Rußland die Auflagen guter Bücher weit stärker, oft zehnmal stärker sind als in dem großen gelehrten Deutschland. Kein Volk liest mehr, keines kauft weniger Bücher als das unsere. Namentlich unsere höheren Stände zeigen im literarischen Verkehrsleben einen Mangel an Feingefühl, eine Kargheit, welche unsere Nachbarn mit Recht als unschicklich schelten. Solange es bei uns noch nicht für schmutzig gilt, wenn eine reiche elegante Dame mit Handschuhen bewaffnet ein unsauberes Lesezirkelexemplar eines Buches liest, das sie im nächsten Laden für wenige Groschen kaufen kann — ebensolange werden alle Schiller- und Tiedgestiftungen die gedrückte Lage der deutschen Schriftsteller nicht wesentlich bessern. Ist ein deutscher Dichter vollends wenig fruchtbar, fehlt ihm, wie diesem Thüringer, gänzlich das Talent für den einzigen gewinnbringenden literarischen Erwerbszweig, für die Journalistik, so kann er der bitteren Not nicht entgehen.

Doch in Wahrheit liegt der letzte Grund der Unfruchtbarkeit von Ludwigs späteren Jahren nicht in der Krankheit, nicht in der Armut, sondern in jener rätselhaften Anlage seiner Phantasie. Ihm blieb versagt, der Welt die Schätze seiner Seele zu zeigen, er war mehr, als er schuf, und nur seinen Freunden lebt das unverstümmelte Bild seines Wesens in der Erinnerung. In der Kunst aber gilt nur das Können — der alte Spruch soll allezeit in Ehren bleiben, ob er auch grausam scheine; das landläufige Urteil wird bei Otto Ludwigs Namen immer zuerst an jene Erzählung „Zwischen Himmel und Erde” denken, welche er selber für ein Nebenwerk ansah. Wer den unendlichen Wert der Persönlichkeit in der Kunst versteht, wer da weiß, daß in der Entwicklung des geistigen Lebens wie in dem Haushalt der Natur nichts verloren geht, der darf freilich bei einer so äußerlichen Schätzung nicht stehen bleiben. Wie die politische Geschichte dem General Friedrich von Gagern einen ehrenvollen Platz anweist um der Gedanken willen, die er in der Stille für Deutschland dachte, um der unerfüllten Hoffnungen willen, die sich an ihn knüpften — so wird auch die Literaturgeschichte nicht bloß anerkennen, was Otto Ludwig schuf, sondern auch ein Wort des Dankes übrig behalten für die hohen Ziele, die der Ringende nicht ganz erreichte; sie wird gerecht und in Ludwigs eigenem Sinne urteilen, wenn sie ihn auffaßt als den Dichter der Makkabäer, der das realistische Ideal im Drama zu verwirklichen suchte.


Gottfried Keller

[Gottfried Keller]

Zwei köstliche Geschenke findet der Schweizer in seiner Wiege, welche das Reifen echt-menschlicher Bildung und darum auch das Gedeihen der Kunst mächtig fördern müssen. Von Kindesbeinen an umfängt ihn der Zauber einer wunderbar reichen und vielgestaltigen Natur, zugleich einer mächtigen Natur, welche nicht duldet, daß der Mensch sich ihr entfremde und das fromme Bewußtsein seiner Abhängigkeit verliere; und sein Leben sodann verbringt er unter den Segnungen einer uralten politischen Freiheit. Dennoch hat der rüstige Stamm, welcher die Sehnsucht des großen Mutterlandes, die Einheit, bereits in beglückender Erfüllung besitzt, zu dem königlichen Reichtum deutscher Kunst kaum ein ärmliches Scherflein beigetragen. Nur zweimal mit bedeutendem Erfolge wußten die Schweizer die Vorteile ihrer Lage für die Literatur zu benutzen.

Als die Eroberungsgelüste der Nachbarfürsten an dem Todesmute der Schweizerbauern gescheitert, da schollen die Sempacher Lieder und die Burgundischen Kriegsgesänge von den Alpen nieder, und die hochgemute Weise „Der Stier von Uri hat scharpffi Horn, kein Herr ward ihm nie zhoch geborn” fand frohen Widerhall unter den Marschenbauern, die im Norden zu gleichem Kampfe sich scharten, und unzählige Nachahmer in den sangeslustigen Haufen der Landsknechte. Die Reformation zog in der Schweiz so wenig wie in Deutschland einen Aufschwung der Dichtung nach sich. Seltsam genug: trug doch jene Bewegung in der deutschen Schweiz einen freieren, weltlicheren Charakter als bei uns; ist doch „unser Landskraft Zwingli” und sein staatsmännisches Wirken, sein kühner Reitertod ein ganz anders lohnender Stoff für die Kunst als Luthers gewaltigere aber mehr innerliche Größe. Erst lange nachher, zur Zeit der Wehen, welche dem Glanze unserer Dichtung vorausgingen, sprachen die Schweizer wieder ein entscheidendes und gutes Wort, als ihr natürlicher Sinn, ihr treu bewahrtes germanisches Wesen sich auflehnte gegen den Zwang französischer und Gottschedischer Regeln. An jener Blütezeit selbst haben die Schweizer nur insofern einen bedeutenden Anteil, als ihre Geschichte ein Gegenstand unserer Dichtkunst ward, und vielleicht mehr als irgendein anderes neueres Ereignis hat Schillers Tell das Gefühl der Gemeinsamkeit des Zweiges mit dem großen Stamme unter ihnen wieder angefacht. Auch neuerdings, während ihr Staatswesen so frisch und rüstig fortschreitet und der Aufschwung des Verkehrs den beschränkten Gesichtskreis der abgeschiedenen Alpengaue täglich mehr erweitert, ist das Land von den Bewegungen auf dem Gebiete der Kunst ziemlich unberührt geblieben. Zwar die französischen Schweizer haben durch die Farbenpracht ihrer unvergleichlichen Landschaftsmalerei bewiesen, daß der Hochländer ein offenes Auge, ein empfängliches Herz hat für die Herrlichkeit seiner Berge. In der schönen Literatur jedoch war es um so stiller. Die naturwüchsige Kraft des wackeren Berner Pfarrherrn in Ehren: wir verargen es doch keinem seiner Landsleute, wenn er sich ernstlich verwahrt gegen die Unterstellung, daß die Erzählungen Jeremias Gotthelfs ein getreues Bild vom Schweizerleben böten. Nur eine Seite der Schweizer Art weiß er zu schildern: die Härte, den Trotz, die örtliche Beschränktheit, das zähe Beharren der Bauern; aber statt des unbefangenen, allem Guten hell entgegenblickenden Auges, das wir von dem Bürger eines tüchtigen Freistaates erwarten, finden wir kleinlichen Sinn, einen unerträglich engherzigen Haß gegen alles, was unser Jahrhundert groß macht; und statt der lieblichen Bilder, die ihm ein Gang ins Freie zeigen konnte, führt er uns nur zu oft eine kümmerliche, häßlich-enge Welt vor die Augen.