Alle Freunde des Dichters fühlten: in dieser erhabenen Welt hatte das groß angelegte Talent des Dichters seinen natürlichen Tummelplatz gefunden. Aber Ludwig überraschte uns einige Jahre darauf durch seine Rückkehr zu dem Ausgangspunkte seiner Bildung; das Thüringer Kleinleben hatte ihm den Stoff geboten für die Erzählung „Zwischen Himmel und Erde”. Jene unselige Fertigkeit, uns selbst zu belügen, deren Keim auch in dem reinsten Menschen schlummert, deren Verirrungen in der Liebe dem Komiker einen so dankbaren Stoff bieten — hier ist sie als der Urgrund der Sünde aufgefaßt. Wie wir uns einspinnen in eine Welt erlogener Vorstellungen, wie uns der Wahn lieb wird und wir eine Furcht ebenso schwer aufgeben als eine Hoffnung, wie wir die Welt zu kennen meinen, derweil wir nur uns selbst kennen, wie endlich die Schuld uns dahin führt, in den Menschen zu hassen, was wir an ihnen getan — diese Nachtseiten des Herzens hat Ludwig mit wunderbarer Divination verstanden. Hier, bei Ludwigs reifstem Werke, dürfen wir auch die Frage aufwerfen: was hat dieser Dichter gemein mit den Bestrebungen und Empfindungen seiner Zeit? Nicht als wollten wir in tendenziöser Weise das fabula docet aus den Gebilden des Künstlers ziehen — nicht als wollten wir im mindesten die Berechtigung jener, man darf sagen, zeitlosen lyrischen Dichter bezweifeln, welche, wie Eduard Mörike, eine kleine Welt einfacher Gefühle mit unverwüstlichem Humor verklären: allein gegenüber dem weit bewußteren Schaffen des Novellisten und des Dramatikers ist die Frage nach seinem Zusammenhange mit den Ideen seiner Zeit durchaus am Platze. Lange Jahre verleben unsere besten Männer im Kampfe mit falschen Götzen, mit einer verkehrten Genialität, mit sentimentalen Phrasen, die wir aus einer unklaren verschwommenen Zeit ererbt haben. Darum werden wir so mächtig berührt von der ungeschminkten Wahrhaftigkeit der Ludwigschen Gedichte; die schlichte Größe des Juda reißt uns hin, und selbst die pedantische Figur des Apollonius Nettenmair erweckt unsre Teilnahme, denn das tiefe Klarheitsbedürfnis dieses Mannes, sein Widerwille gegen jede Selbsttäuschung gemahnt uns an selbsterlebte schwere Stunden.

Wie in allen im Herzen des Künstlers empfangenen Gedichten hängen auch in dieser Erzählung Ludwigs die Fehler eng zusammen mit den Vorzügen. Er läßt uns die Stimmen hören, die sich in der Menschenbrust untereinander entschuldigen oder verklagen, doch er verirrt sich auch oft in eine Kleinmalerei, die dem lebhaften Geiste unerträglich wird. Wer wüßte nicht, wie selbst den edlen Menschen zuweilen an heiliger Stelle eine sinnlos widerwärtige Vorstellung überfällt? Welche Fülle widersprechender Bilder und Gedanken durchtobt uns in einem Augenblicke der Aufregung, und wie ganz vergeblich ist das Bemühen, jeden dieser Züge festzuhalten! Wie der Maler um seine Gestalten einen festen Rahmen zieht und dem Beschauer überläßt, diese schöne Welt der Träume noch ins Unendliche auszudehnen, so ist auch dem psychologischen Talent des Dichters eine Grenze gesetzt. Jede übertriebene Motivierung ist unschön, denn sie ermüdet; sie ist unwahr, denn ein vorübergehender Gedanke hinterläßt, in der Form der Darstellung fixiert, einen ganz anderen Eindruck als in seiner flüchtigen Erscheinung in der Wirklichkeit; noch mehr, die Überladung mit psychologischem Detail wirkt verwirrend, sie verdunkelt das Wesentliche, das Ergebnis des psychischen Prozesses.

Ludwig hat das thüringische Kleinleben vielleicht noch treuer, er hat es jedenfalls minder befangen von gebildeter Reflexion geschildert, als Auerbach die Zustände seiner Heimat. Doch gerade darum tritt das Unschöne dieser Verhältnisse in der Detailschilderung der Erzählung sogar noch auffälliger zutage, als in dem knappen dramatischen Bau des Erbförsters. Für die Kunst gibt es noch heute Banausen. Die Theorie soll sich nicht anmaßen, hier eine feste Grenze zu ziehen, welche der Mut eines schönheitssinnigen Künstlers jederzeit überspringen kann. Aber im bestimmten Falle läßt sich mit Sicherheit erkennen, ob des Dichters Helden zu klein, zu alltäglich sind für seine psychologischen Probleme — so hier in einer ganz herrlichen Szene. Als das geliebte Weib in warmem, schwellendem Umfangen in Apollonius’ Armen liegt, als die Versuchung in verlockender Schönheit an ihn herantritt, da faßt ihn „die dunkle Vorstellung, als stehe er wie an seinem Tische, und, bewege er sich, ehe er sich umgesehen, so könne er etwas wie ein Tintenfaß auf etwas wie Wäsche oder ein wertvolles Papier werfen”. Jawohl, solche Bilder mögen in solchem Augenblicke das Hirn eines wackeren Schieferdeckermeisters durchzucken, der an Leib und Seele die Sauberkeit und Ordnung selber ist. Aber welcher Leser von freier Bildung kann ein so kleinliches Bild bei so großem Anlaß ertragen? Die Kunst hat einen andern Maßstab als das praktische Leben. Nicht das wertvolle Gold, sondern die schöne Masse des Marmors ist dem Bildner der erwünschte Stoff; und wie der wilde Frevel des Mordes und der Liebe süße Sünden ästhetisch verzeihlicher sind als leichtere kleinliche Vergehungen, so ist das Ehrenwerte als solches noch nicht berechtigt, den Tempel des Schönen zu betreten. Ludwig selbst hat das gefühlt, indem er mit glücklichem Takt seinem Helden ein Gewerbe gab, das mit seinem kecken Wagen immerhin noch einigen ästhetischen Reiz hat.

Auch der ethische Gehalt der Erzählung leidet unter der Enge dieser kleinstädtischen Welt. Um zu schweigen von der grenzenlosen Zurückhaltung, die wie ein Alp auf allen diesen Menschen lastet und den Ton der Erzählung noch viel gedrückter macht, als der furchtbar ernste Inhalt fordert: — die dargestellten Empfindungen sind nur teilweise rein menschlicher Art, wir steigen wieder hinab in eine Welt von konventionellen Begriffen beschränkter Naturen, denen die Sittlichkeit als mechanische Ordnung, die Vorsehung als eine finster nachtragende Macht erscheint, die zu unfrei denken, um die Idee der Schuld und der Zurechnung zu fassen. Wir wollen zur Not den kleinen Widerwillen überwinden, den uns die peinliche Ordnungsliebe dieses Apollonius, sein Federchenlesen und Möbelbürsten einflößt, wir wollen den freudigen Künstlerspruch überhören, der uns dabei mahnend ins Ohr klingt, Goethes schönes und sittliches Wort: „Süß ist jede Verschwendung!” Wenn wir dem Helden nur seine entscheidenden Entschlüsse nachempfinden könnten! Als Apollonius seine Vaterstadt gerettet und so sich vor seinen eigenen unerbittlichen Augen von jedem Scheine der Schuld gereinigt hat, da verschmäht er, die Witwe seines ruchlosen Bruders, die schändlich geraubte Geliebte seines Herzens heimzuführen, ihr und sich ein sittliches Dasein zu bereiten! Er ist dem Mordstoße seines Bruders ausgewichen, der Frevler ist dabei umgekommen, und — „hast du den Lohn der Tat, so hast du auch die Tat!” Welche Moral! Empfänden diese Menschen natürlich, so wäre die Versöhnung zwar in der Dichtung schwer zu schildern — denn so Großes wirkt im Leben nur eine Macht, welche selbst für die freieste der Künste kaum darstellbar ist, die Zeit — aber sittlich wäre sie möglich, ja notwendig. Einem unfreien Denken bleiben ethische Konflikte unlösbar. Wahrlich, nicht jener aristokratische Tic, der die Tiefen des Volkslebens nicht versteht, heißt uns so reden, sondern die Erkenntnis, daß die freie Bildung den Menschen zur Natur zurückführt! Verstimmt und unfähig, uns der trübseligen Resignation des Schlusses zu erfreuen, legen wir endlich das schöne Buch aus der Hand. —

Während blinde Bewunderer das epische Talent des Dichters priesen, gestand der strenge Mann sich unbarmherzig ein, daß seine Novelle nur aus einer Reihe dramatischer Szenen bestand. Für das Epos bleibt das Berichten der Begebenheiten immer das Wesentliche. Doch wo war hier der leichte Fluß der Erzählung, wo die behagliche Freude des Epikers an der Detailschilderung der Außenwelt? Gewiß, die Geschichte ist, wie man sagt, novellistisch „spannend”, aber nur, weil uns der dramatische Konflikt der Charaktere mächtig fesselt. Gewiß, das Buch ist reich an wunderschönen landschaftlichen Schilderungen, aber nur da, wo es gilt, die Stimmung der handelnden Personen in der Natur widerzuspiegeln. Laßt einen Charakter dieses großen Psychologen zwei Zeilen reden, und der ganze Mensch steht leibhaftig vor euch. Aber laßt Ludwig die Außenwelt um ihrer selbst willen schildern, und ihr empfangt einen verworrenen, unklaren Eindruck. Am allerseltsamsten spielt das epische und das dramatische Talent des Dichters durcheinander, wenn er die äußere Erscheinung seiner Helden zeichnet: er sieht sie vor sich, hell und bestimmt wie der Epiker, aber er schildert mit peinlicher Unbeholfenheit; wir fühlen die Verlegenheit des Dramatikers, der, gezwungen zu erzählen, sich verpflichtet meint, alles zu berichten, was der Schauspieler agiert.

Jedem Unbefangenen mußte jetzt die Befürchtung aufsteigen, die psychologische Meisterschaft des Dichters werde, wenn er bei der saloppen Form der Erzählung verharre, zu virtuoser Manier ausarten, und seine strenge Wahrheitsliebe werde zum Behagen an der Prosa des Alltagslebens herabsinken, wenn er in der kümmerlichen Umgebung seiner Thüringer Heimat befangen bliebe. Leider schien das letzte Werk, das Ludwig veröffentlichte — zwei Novellen unter dem Titel „Thüringer Naturen” — die schlimmsten Besorgnisse zu rechtfertigen. Es war die Zeit, da die neue realistische Richtung ihren Höhepunkt erreicht hatte. Als unsere Dichtkunst noch jugendlich unsicher nach ihren Stoffen umhertastete, da brauchte es einen Lessing, um die Marken zwischen der Poesie und den anderen Künsten zu zeichnen. Hundert Jahre darauf hätte ein Mann von feinem Schönheitssinne wohl nach einem anderen Lessing rufen können, der Poesie und Prosa scheiden sollte. Gebildete Männer schämten sich nicht, jedes wohlgeordnete wissenschaftliche Buch über Branntweinbrennerei und Drainage ein Kunstwerk zu nennen; die ästhetische Kritik rief ungestüm nach patriotischen Stoffen, nach Schilderungen aus dem deutschen Leben, auf daß der haushälterische Leser zu dem Luxus der Kunst nur ja ein wenig patriotische Erhebung, ein wenig ethnographische Belehrung mit in den Kauf nehmen könne. Die blasierte vornehme Welt, der Hetärennovellen und der Redwitzischen Süßlichkeit satt, stürzte sich, gleichwie Mörike in jenem lustigen Gedichte über einen herzhaften Rettich die weichliche Schwäche der Mondscheinpoesie vergißt, mit roher stofflicher Lust auf die derbe Hausmannskost der Dorfgeschichte und fand den Tolpatsch originell, den Brosi pikant, das Amreile allerliebst! Es war eine Mode wie andere auch. Aus allen dunklen Winkeln deutscher Erde, aus Kassubien und aus dem Ries beschworen die ideenlosen Nachtreter Berthold Auerbachs ein Geschlecht von Tölpeln und Rüpeln herauf, und je roher, je ungeschlachter diese Bauern es trieben, desto mehr waren sie „aus dem Leben gegriffen”, mit desto höherem „ethnographischen Interesse” betrachtete sie die Lesewelt.

Es schien in der Tat, als hätte auch das Talent des Thüringer Dichters sich dazu herabgewürdigt, der neuen Mode zu huldigen. Mit dem höchsten Aufwande von psychologischer und ethnographischer Treue erzählte er in seiner Novelle „Die Heiterethei” eine dürftige Geschichte aus dem Volksleben seiner Heimat — den bloß scheinbaren Konflikt zwischen zwei wackeren Liebenden, die nur durch die Zwischenträgerei der „großen Weiber” ihres Städtchens eine Weile getrennt werden. Der denkende Leser aber fragte verzweifelnd: wozu so vielen Tiefsinn an einen kümmerlichen Stoff vergeuden? Uns ist, als stände eine jener Miniaturkapellen gotischen Stils vor uns, zu klein um erhaben, zu anspruchsvoll um niedlich zu erscheinen. Die Heiterethei und der Holdersfritz sind wieder zwei jener stolzen reinen Menschen, denen das Aussprechen zarter Empfindungen unmöglich ist; beide Gestalten und die Schilderung ihrer sittlichen Wiedergeburt würden jeden fühlenden Leser entzücken, erschienen nicht auch sie entstellt und unschön in der maßlosen Häßlichkeit ihrer Umgebung. Die Heiterethei hat etwas von einer Heroine — und sie wird mit dem zürnenden Engel im Paradiese verglichen, da sie — den klatschenden Weibern den Kaffee ins Feuer gießt und das Volk zur Tür hinausjagt!! Als der Holdersfritz das Prügeln in der Schenke verschworen hat, will er den Genossen seiner stürmischen Jugend zeigen, daß er die alte Kraft noch besitzt: ein schwerbeladener Schubkarren wird im Kot festgefahren, die Heiterethei und alle Männer versuchen ihre Kraft daran, bis endlich der Fritz die Adelsprobe besteht! Wir lesen das nicht mit jenem Lächeln durch Tränen, das der wahre Humor hervorruft, sondern mit der ratlosen Frage auf den Lippen: Ist das alles Scherz oder Ernst? Wo das Unschöne zurücktritt, da erreicht der Dichter statt ästhetischer Erhebung doch nur moralische Erbauung; so in der Schlußszene, als der Fritz endlich den Trotz seiner Braut gebrochen hat und glücklich rufen darf: „Sie ist raus, die alt’ Heiterethei!” Und diese beiden Menschen stehen noch wie ideale Gestalten unter den übrigen. Im bittersten Ernste wird uns seitenlang eine Prügelei in der Schenke beschrieben. O ihr Grazien! Auf Schritt und Tritt begegnen wir der Schwäche aller Dorfgeschichten, jener unseligen Sprache, welche weder Dialekt noch Hochdeutsch, sondern ein unästhetisches und unnatürliches Gemisch von beiden ist. Und diese „großen Weiber”! Das freie leichte Spiel des Humors ist unserem ernsten Dichter versagt, in grotesken Zerrbildern erscheinen ihm seine komischen Gestalten, gespenstisch, peinlich für ihn selbst wie für den Leser. Diese Leute reden nicht, sondern der eine „hustet”, die andere „spinnt”; die „Baderin besteht bloß aus O und Ach, in ein ewiges Erröten gewickelt”, eine andere „setzt ihr Zifferblatt auf den Kopf und nimmt ihr blaues Gehäuse um die Schultern”, ein dritter „schlägt die Vorderbeine über den Kopf zusammen”. Wahrlich, nur der tiefe ethische Gehalt in den inneren Kämpfen der beiden Liebenden vermag uns über so viel Unschönheit zu trösten.

Noch ärger verfehlt ist die letzte Novelle „Aus dem Regen in die Traufe”. Ein zwerghafter Schneider, fortwährend geprügelt, anfangs von seiner Mutter, dann von seiner Braut — diese Mutter selbst „das alt’ Fegefeuer”, mit einem „polierten Nasenrücken”, der, wenn sie bekümmert ist, so zu strahlen pflegt, daß man von „glänzendem Herzeleid” reden kann, endlich jene Braut, „die Schwarze”, ein Scheusal an Leib und Seele, wo sie ihrer Natur freien Lauf lassen darf, immer polternd und mit ihren kolossalen Gliedmaßen alles zerschlagend — dies die Helden! Das ist zuviel des Häßlichen, das erregt physischen Ekel und erinnert an die abscheuliche Erzählung Auerbachs von den zwei keifenden und raufenden alten Hexen Huzel und Pochel, welche freilich damals die Bewunderung einer verblendeten Kritik erregte. Immerhin erscheint auch in dieser unglücklichen Novelle eine Gestalt, in der wir die edlen Züge unseres Dichters wieder erkennen, die kleine Sannel. In diesem guten Kinde ist der wunderbare Reichtum weiblicher Liebe und Hingebung zu entzückend liebenswürdiger Erscheinung verkörpert; und — ein großes Verdienst in solcher Umgebung — sie ist hübsch, gottlob, sehr hübsch! Um dieser braven Dirne willen ließ sich manche ästhetische Sünde verzeihen.

Die Fanatiker des Realismus jubelten, jetzt endlich habe der Dichter die ursprüngliche Kraft des biderben Volkslebens ganz verstanden; die Gegner beklagten mit schlecht verhehlter Schadenfreude, so werde ein großes Talent zugrunde gerichtet durch die Torheit der Mode. Wie wenig ahnten die Lobredner und die Tadler, was in diesem seltsamen Menschen vorging! Die Erzählungen, mit denen der Meister des Realismus sein letztes Wort gesprochen haben sollte, galten ihm selber nur als Beiwerke. Er hatte sie hingeschrieben ohne jede Rücksicht auf die Mode des Tages, lediglich um sich zu beruhigen, um unter den vertrauten Gestalten seiner Heimat einmal auszurasten; und soviel ich weiß, sind die „Thüringer Naturen”, die fast wie ein Zerrbild von „Zwischen Himmel und Erde” erschienen, früher entstanden als diese schöne Erzählung. Ludwigs beste Gedanken schweiften längst auf anderen, steileren Pfaden. Wieder wie vor Jahren, da er sich losriß von der Romantik, kam ein schwerer Kampf über seinen rastlosen Geist, er begann in der Stille seines Krankenzimmers seine eigenen Werke zweifelnd zu betrachten, und wie der bedeutende Künstler immer der beste Kritiker seiner Werke ist, so fand auch Ludwig, sicherer als das Urteil dritter vermochte, die Mängel seines Schaffens heraus: „Der Gefahr des anatomischen Studiums muß ich erliegen, ich stehe vor einem Charakter, wie eine Ameise vor einem Hause.” Er fühlt, daß er mit seinen Makkabäern schon auf dem rechten Wege gewesen, daß das Ideal und die natürliche Wahrheit, statt einander auszuschließen, vielmehr für den rechten Künstler eines sind, daß die Illusion sich ganz von selber einstellt, wenn der Dichter nur das Schöne schafft: „Es gilt jetzt nicht, in Opposition gegen allen Idealismus zu stehen, es gilt vielmehr, realistische Ideale darzustellen, d. h. Ideale unserer Zeit.” Er sucht das Drama hohen Stils, das in einer einfachen „schlanken” Handlung, in dem Ringen und Leiden großer, nicht allzu individueller Charaktere das allgemeine Menschenschicksal darstellen, das der Natur treu bleiben und doch nicht roh naturalistisch wirken soll: „Die ruhigen Szenen durch rasches Gespräch belebt, die bewegteren künstlerisch gemäßigt. So werden beide Klippen vermieden, dort die zu geringe, hier die zu starke Illusion.”

Eine bunte Welt dramatischer Gestalten drängte sich jetzt vor sein Auge; der alte Fluch geistvoller Naturen, daß sie sich übernehmen in ihren Plänen, ging an dem Kranken grausam in Erfüllung. Ein Entwurf jagte den andern; der Anfang eines Schauspiels „Die Brüder von Imola”, einige herrliche Szenen aus einer Tragödie „Marino Falieri” wurden niedergeschrieben, noch auf dem Totenbette ein Drama „Tiberius Gracchus” begonnen. Auch die Heldengestalten des Siebenjährigen Krieges haben den Kranken beschäftigt; er schilderte in einem Vorspiele „Die Torgauer Haide” das friderizianische Heer mit einer derben, kernhaften Lebenswahrheit, die den wirksamsten Stellen des schönen Romans „Cabanis” von W. Alexis nichts nachgibt. Das Lieblingswerk dieser Jahre war ein Trauerspiel „Agnes Bernauerin”. Ludwig fühlte mit feinem Künstlertakt, daß dieser Engel von Augsburg in der historischen Überlieferung mehr eine rührende als eine tragische Gestalt ist; er versuchte sie zu einem schuldvollen tragischen Charakter zu erheben, lieh ihr einen dreisten vorwitzigen Zug und lief freilich Gefahr, das Mitleid für die Heldin zu ertöten. Aber die alte rätselhafte Unart seiner Phantasie, die nur fragmentarisch schaffen konnte, ließ sich nicht mehr bewältigen. In wundervoller Klarheit erschienen ihm einzelne Szenen, und was er von solchen Bruchstücken auf das Papier warf, wirkt hinreißend, bezaubernd auf den Leser. Er meinte wohl, jetzt, da er mit Bewußtsein schaffe, entwerfe er zuerst den Plan, dann erst erschienen ihm seine Gestalten; doch die unhemmbare vorwärtsschreitende Gestaltungslust des rechten Dramatikers, welche nicht ruhen kann, bis sie ihren Helden auf die Höhen der Leidenschaft emporgetrieben und dann herniedergestürzt hat — sie erwachte dem Kranken nie. Eine Lücke, die sich niemals füllen wollte, klaffte immer zwischen den einzelnen in höchster Pracht geschauten Bildern, der Ring des Kunstwerks schloß sich nicht. Nun packt er „die Stoffe, die er bebrütet”, aber und abermals an, wohl zwölfmal oder mehr wird die Bernauerin umgearbeitet — nie vollendet.