Also vorbereitet hielt er im Winter 1807/08, belauscht von fremden Horchern, oft unterbrochen von den Trommeln der französischen Besatzung, zu Berlin die „Reden an die deutsche Nation”. Sie sind das edelste seiner Werke, denn hier war ihm vergönnt, unmittelbar zu wirken auf das eigentlichste Objekt des Redners, den Willen der Hörer; ihnen eigen ist im vollen Maße jener Vorzug, den Schiller mit Recht als das Unterpfand der Unsterblichkeit menschlicher Geisteswerke pries, doch mit Unrecht den Schriften Fichtes absprach, daß in ihnen ein Mensch, ein einziger und unschätzbarer, sein innerstes Wesen abgebildet habe. Doch auch der Stadt sollen wir gedenken, die, wie eine Sandbank in dem Meere der Fremdherrschaft, dem kühnen Redner eine letzte Freistatt bot; die hocherregte Zeit und die hingebend andächtigen Männer und Frauen sollen wir preisen, welche des Redners schwerem Tiefsinn folgten, den selbst der Leser heute nur mit Anstrengung versteht. Riesenschritte — hebt Fichte an — ist die Zeit mit uns gegangen; durch ihr Übermaß hat die Selbstsucht sich selbst vernichtet. Doch aus der Vernichtung selber erwächst uns die Pflicht und die Sicherheit der Erhebung. Damit die Bildung der Menschheit erhalten werde, muß diese Nation sich retten, die das Urvolk unter den Menschen ist durch die Ursprünglichkeit ihres Charakters, ihrer Sprache. — Unterdrücken wir strenge das wohlweise Lächeln des Besserwissens. Denn fürwahr ohne solche Überhebung hätte unser Volk den Mut der Erhebung nie gefunden wider die ungeheuere Übermacht. Freuen wir uns vielmehr an der feinen Menschenkenntnis des Mannes, der sich gerechtfertigt hat mit dem guten Worte: „Ein Volk kann den Hochmut gar nicht lassen, außerdem bleibt die Einheit des Begriffs in ihm gar nicht rege.” — Diesem Urvolke hält der Redner den Spiegel seiner Taten vor. Er weist unter den Werken des Geistes auf die Größe von Luther und Kant, unter den Werken des Staates — er, der in Preußen wirkte und Preußen liebte — auf die alte Macht der Hansa und preist also die streitbaren, die modernen Kräfte unseres Volkstums — im scharfen und bezeichnenden Gegensatze zu Fr. Schlegel, der in Wien zu ähnlichem Zwecke an die romantische Herrlichkeit der Kaiserzeit erinnerte.

In diesem hochbegnadeten Volke soll erweckt werden „der Geist der höheren Vaterlandsliebe, der die Nation als die Hülle des Ewigen umfaßt, für welche der Edle mit Freuden sich opfert, und der Unedle, der nur um des ersteren willen da ist, sich eben opfern soll”. Und weiter — nach einem wundervollen Rückblick auf die Fürsten der Reformation, die das Banner des Aufstandes erhoben nicht um ihrer Seligkeit willen, deren sie versichert waren, sondern um ihrer ungeborenen Enkel willen — „die Verheißung eines Lebens auch hienieden, über die Dauer des Lebens hinaus, allein diese ist es, die bis zum Tode fürs Vaterland begeistern kann”. Nicht Siegen oder Sterben soll unsere Losung sein, da der Tod uns allen gemein und der Krieger ihn nicht wollen darf, sondern Siegen schlechtweg. Solchen Geist zu erwecken, verweist Fichte auf das letzte Rettungsmittel, die Bildung der Nation „zu einem durchaus neuen Selbst” — und fordert damit, was in anderer Weise E. M. Arndt verlangte, als er der übergeistigen Zeit eine Kräftigung des Charakters gebot. Noch war die Nation in zwei Lager gespalten. Die einen lebten dahin in mattherziger Trägheit, in der lauwarmen Gemütlichkeit der alten Zeit; ihnen galt es eine große Leidenschaft in die Seele zu hauchen: „Wer nicht sich als ewig erklärt, der hat überhaupt nicht die Liebe und kann nicht lieben sein Volk.” Das sind dieselben Töne, die später Arndt anschlug, wenn er dem Wehrmann zurief: „Der Mensch soll lieben bis in den Tod und von seiner Liebe nimmer lassen noch scheiden; das kann kein Tier, weil es leicht vergisset.” Den anderen schwoll das Herz von heißem Zorne; schon war unter der gebildeten Jugend die Frage, wie man Napoleon ermorden könne, ein gewöhnlicher Gegenstand des Gesprächs. Diese wilde Leidenschaft galt es zu läutern und zu adeln: „Nicht die Gewalt der Arme, noch die Tüchtigkeit der Waffen, sondern die Kraft des Gemütes ist es, welche Siege erkämpft.” Ein neues Geschlecht soll erzogen werden fern von der Gemeinheit der Epoche, entrissen dem verderbten Familienleben, erstarkend zu völliger Verleugnung der Selbstsucht durch eine Bildung, die nicht ein Besitztum, sondern ein Bestandteil der Personen selber sei. In Pestalozzis Erziehungsplänen meint Fichte das Geheimnis dieser Wiedergeburt gefunden. War doch in ihnen der Lieblingsgedanke des Philosophen verkörpert, daß der Wille, „die eigentliche Grundwurzel des Menschen,” die geistige Bildung nur ein Mittel für die sittliche sei; gingen sie doch darauf aus, die Selbsttätigkeit des Schülers fort und fort zu erwecken. Wenn die Stein und Humboldt unbefangen den gesunden Kern dieser Pläne würdigten: dem Philosophen war kein Zweifel, der Charakter der Pestalozzischen Erziehungsweise sei — „ihre Unfehlbarkeit”; fortan sei nicht mehr möglich, daß der schwache Kopf zurückbleibe hinter dem starken.

Zu solchem Zwecke redet er „für Deutsche schlechtweg, von Deutschen schlechtweg, nicht anerkennend, sondern durchaus beiseite setzend und wegwerfend alle die trennenden Unterscheidungen, welche unselige Ereignisse seit Jahrhunderten in der einen Nation gemacht haben”. „Bedenket — beschwört er die Hörer —, daß ihr die letzten seid, in deren Gewalt diese große Veränderung steht. Ihr habt doch noch die Deutschen als Eines nennen hören, ihr habt ein sichtbares Zeichen ihrer Einheit, ein Reich und einen Reichsverband, gesehen oder davon vernommen, unter euch haben noch von Zeit zu Zeit Stimmen sich hören lassen, die von dieser höheren Vaterlandsliebe begeistert waren. Was nach euch kommt, wird sich an andere Vorstellungen gewöhnen, es wird fremde Formen und einen anderen Geschäfts- und Lebensgang annehmen, und wie lange wird es noch dauern, daß keiner mehr lebe, der Deutsche gesehen oder von ihnen gehört habe?” — Auch den letzten kümmerlichen Trost raubt er den Verzagten, die Hoffnung, daß unser Volk in seiner Sprache und Kunst fortdauern werde. Da spricht er das furchtbare Wort: „Ein Volk, das sich nicht selbst mehr regieren kann, ist schuldig, seine Sprache aufzugeben.” So geschieht ihm selber, was er seinem Luther nachrühmte, daß deutsche Denker, ernstlich suchend, mehr finden als sie suchen, weil der Strom des Lebens sie mit fortreißt. In diesem radikalen Satze schlummert der Keim der Wahrheit, welche erst die Gegenwart verstanden hat, daß ein Volk ohne Staat nicht existiert. — „Es ist daher kein Ausweg,” schließen die Reden — „wenn ihr versinkt, so versinkt die ganze Menschheit mit, ohne Hoffnung einer einstigen Wiederherstellung.”

Wir Nachgeborenen haben den bewegenden Klang jener Stimme nicht gehört, welche die andachtsvollen Zuhörer zu Berlin ergriff, — und jeder rechte Redner wirkt sein Größtes durch einen höchstpersönlichen Zauber, den die Nachwelt nicht mehr begreift — aber noch vor den toten Lettern zittert uns das Herz, wenn der strenge Züchtiger unseres Volkes „Freude verkündigt in die tiefe Trauer” und an die mißhandelten Deutschen den stolzen Ruf ertönen läßt: „Charakter haben und deutsch sein ist ohne Zweifel gleichbedeutend.” — Und welchen Widerhall erweckten diese Reden in der Welt? Achselzuckend ließ der Franzose den törichten Ideologen gewähren, gleichgültig erzählte der Moniteur von einigen Vorlesungen über Erziehung, die in Berlin einigen Beifall gefunden. Die Fremden wußten nicht, aus wie tiefem Borne dem deutschen Volke der Quell der Verjüngung strömte, und kein Verräter erstand, ihnen den politischen Sinn der Reden zu deuten. Mit wieviel schärferem politischen Blicke hatte einst Machiavelli seinem Volke den allerbestimmtesten Plan der Rettung mit den bestdurchdachten Mitteln vorgezeichnet! Aber sein Principe blieb ein verwegenes Traumbild; die Reden des deutschen Philosophen wurden einer der Funken, daran sich die Glut der Befreiungskriege entzündete. Fichte freilich meinte, sein Wort sei verhallt in den „tiefverderbten” Tagen, sein ganzes System sei nur ein Vorgriff der Zeit. Denn es ist das tragische Geschick großer Männer, daß sie ihren eigenen Geist nicht wiedererkennen, wenn er von den Zeitgenossen empfangen und umgeformt wird zu anderen Gestalten, als sie meinten. Und dennoch war der Redner an die deutsche Nation nur der Mund des Volkes gewesen, er hatte nur dem, was jedes Herz bewegte, einen kühnen, hochgebildeten Ausdruck geliehen. Denn was war es anders, als jene höhere Vaterlandsliebe, die der noch ungeborenen Enkel denkt — was anders war es, das den Landwehrmann von Haus und Hof und Weib und Kindern trieb, das unsere Mütter bewog, alles köstliche Gut der Erde bis zu dem Ringe des Geliebten für ihr Land dahinzugeben? Was anderes war es, als daß sie unser gedachten? In diesem Sinne — denn wer ermißt die tausend geheimnisvollen Kanäle, welche das durchdachte Wort des Philosophen fortleiteten in die Hütte des Bauern — in diesem Sinne hat Fichtes Wort gezündet, und die Kundigen stimmten ein, wenn Friedrich Gentz, diesmal wahrhaft ergriffen, sagte: „So groß, tief und stolz hat fast noch niemand von der deutschen Nation gesprochen.”

Wieder kamen Jahre stiller Arbeit. Unter den ersten wirkte Fichte bei der Gründung der Berliner Hochschule, die dem erwachenden neuen Geiste ein Herd sein sollte. Ein Glück, daß Wilhelm v. Humboldt, als ein besonnener Staatsmann, an die altbewährten Überlieferungen deutscher Hochschulen anknüpfte und die verwegenen Gedanken des Philosophen verwarf; denn mit der ganzen Strenge seiner herrischen Natur hatte Fichte einen Plan mönchischer Erziehung entworfen, der die Jugend absperren sollte von jeder Berührung mit den Ideenlosen, doch in Wahrheit jede echte akademische Freiheit vernichtet hätte. Um so unerschütterlicher bekämpfte er auf der neuen Hochschule die falsche akademische Freiheit; er fand es verwerflich, grundverderblich, Nachsicht zu üben mit alten unseligen Unsitten der Jugend. Das wüste Burschenleben war ihm eine bewußte, mit Freiheit und nach Gesetzen hergebrachte Verwilderung. In diesen Jahren weihte er seine ganze Kraft dem Lehramte. Die gewohnte Macht über die jugendlichen Gemüter blieb ihm nach wie vor. Er nutzte sie, den Keim zu legen zu der deutschen Burschenschaft. Er förderte, wie schon früher in Jena, unter den Studierenden den Widerstand gegen den Unfug der alten Landsmannschaften und warnte die Gesellschaft der „Deutsch-Jünger” vor jenen beiden Irrtümern, welche später die Burschenschaften lähmten: sie sollten sich hüten, mittelalterlich und deutsch zu verwechseln, und sorgen, daß das Mittel — die Verbindung — ihnen nicht wichtiger werde als der Zweck — die Belebung deutschen Sinnes. —

Endlich erfüllten sich die Zeiten; dies Geschlecht, das er verloren gab, fand sich wieder; denn so tief war es nie gesunken, als der Idealist meinte. Die Trümmer der großen Armee kehrten aus Rußland heim, die Provinz Preußen stand in Waffen, der ostpreußische Landtag harrte auf das Wort des Königs. Der König erließ von Breslau den Aufruf zur Bildung von Freiwilligen-Korps; aber noch war der Krieg an Frankreich nicht erklärt. Auf der Straße begegneten den französischen Gendarmen dichte Haufen still drohender Bauern, die zu den Fahnen zogen; und Fichtes Schüler zitterten vor Ungeduld, dem Rufe des Königs zu folgen, doch sie warteten des Lehrers. Wer meinte nicht, daß in diesen schwülen Tagen der Erwartung ein glühender Aufruf aus Fichtes Munde wie ein Blitzstrahl hätte einschlagen sollen? — Schlicht und ernst, wie nach einem großen Entschlusse, tritt er endlich am 19. Februar 1813 vor seine Studenten. Nur selten berichten die lauten Annalen der Geschichte von dem Edelsten und Eigentümlichsten der großen historischen Wandlungen. So ist auch das Herrlichste der reinsten politischen Bewegung, die je unser Volk erhob, noch nicht nach Gebühr gewürdigt — jener Geist schlichter, gefaßter Manneszucht, der das Ungeheuere vollzog so ruhig, so frei von jedem falschen Pathos, wie die Erfüllung alltäglicher Bürgerpflichten. Nichts staunenswürdiger an diesen einzigen Tagen, als jener ernste, unverbrüchliche Gehorsam, der unser Volk selbst dann noch beherrschte, da die hochgehenden Wogen volkstümlicher Entrüstung die Decke sprengten, die sie lange gehemmt. Ein Heldenmut ist es, natürlich, selbstverständlich in den Tagen tiefer Bewegung, dem Rohre der feindlichen Kanone freudig ins Gesicht zu blicken, aber jedes Wort des Preises verstummt vor der mannhaften Selbstbeherrschung, die unsere Väter beseelte. Als ein Heißsporn des ostpreußischen Landtags die Genossen fragte: „wie nun, meine Herren, wenn der König den Krieg nicht erklärt?” — da erwiderte ihm Heinrich Theodor von Schön: „Dann gehen wir ruhig nach Hause.” Durchaus getränkt von diesem Geiste ernster Bürgerpflicht war auch die Rede, die Fichte jetzt an seine Hörer richtete. Er habe, gesteht er, lange geschwankt, ehe er mit solchem Worte vor seine Schüler getreten sei. Die Wissenschaft allerdings sei die stärkste Waffe gegen das Böse, und in diesem Kampfe würden Siege erfochten, dauernd für alle Zeit. Aber zu dem geistigen Streite bedürfe es des äußern und des innern Friedens: und nur darum, weil diese Ruhe des Gemütes ihn selber, trotz vielfacher Übung in der Selbstbesinnung, zu verlassen beginne, schließe er jetzt seine Vorlesungen. — Das einfache Wort genügte, die Jünglinge in die Reihen der Freiwilligen zu führen. Noch einmal ist ihm dann der Gedanke gekommen, als ein Redner in das Lager zu gehen — noch einmal vergeblich. Dann ist Fichte krank und halb gelähmt mit den gelehrten Genossen und dem kaum mannbaren Sohne in den Landsturm getreten; Lanze und Säbel lehnten nun an der Tür des Philosophen.

Als die Kunde erscholl von den herrlichsten deutschen Siegen, von den Tagen von Hagelberg und Dennewitz, selbst dann hat er nicht gelassen von der alten tüchtigen Weise, den Dingen nachzudenken bis zum Ende. Im Sommer 1813 hielt er vor den wenigen Studierenden, die dem Kampfe fern blieben, Vorlesungen über die Staatslehre. Auch jetzt noch bewegt er sich ausschließlich im Gebiete der Ideen; seinen kühnsten Sätzen fügt er stolz abweisend hinzu: „Es gilt vom Reiche (der Vernunft), nicht von ihren Lumpenstaaten.” Noch immer geht er dem Staate der Wirklichkeit mit radikaler Härte zu Leibe; Erblichkeit der Repräsentation ist ihm ein absolut vernunftwidriges Prinzip, „die erste Pflicht der Fürsten wäre, in dieser Form nicht da zu sein”, der Wahn der Ungleichheit ist bereits durch das Christentum praktisch vernichtet. Aber wie viel reicher und tiefsinniger erscheint ihm jetzt der Staat! Mit scharfen Worten sagt er sich los von der naturrechtlichen Lehre, die er bereits in den Reden an die deutsche Nation verlassen hatte. Er verwirft die „schlechte Ansicht”, welche im Staate nur den Schützer des Eigentums erblickt und darum Kirche, Schule, Handel und Gewerbe allein den Privatleuten zuweist und im Falle des Krieges die Ruhe für die erste Bürgerpflicht erklärt. Der Staat ist berufen, die sittliche Aufgabe auf Erden zu verwirklichen. In den beiden schönen Vorlesungen, die „von dem Begriffe des wahrhaften Krieges” handeln, stellt er scharf und schroff die sinnliche und die sittliche Ansicht vom Staate einander gegenüber. Nach jener gilt „zuerst das Leben, sodann das Gut, endlich der Staat, der es schützt”. Nach dieser steht obenan „die sittliche Aufgabe, das göttliche Bild; sodann das Leben in seiner Ewigkeit, das Mittel dazu, ohne allen Wert, außer inwiefern es ist dieses Mittel; endlich die Freiheit, als die einzige und ausschließende Bedingung, daß das Leben sei solches Mittel, drum — als das einzige, was dem Leben selbst Wert gibt”. — Der einst mit dem Mißtrauen des deutschen Gelehrten die Zwangsanstalt des Staates betrachtet, er sieht jetzt mit der Begeisterung eines antiken Bürgers in dem Staate den Erzieher des Volkes zur Freiheit, alle Zweige des Volkslebens weist er der Leitung des Staates zu. Nur in einem solchen Staate ist „ein eigentlicher Krieg” möglich, denn hier wird durch feindlichen Einfall die allgemeine Freiheit und eines jeden besondere bedroht; es ist darum jedem für die Person und ohne Stellvertretung aufgegeben der Kampf auf Leben und Tod.

Schon längst waren seine radikalen Theorien dann und wann erhellt worden durch ein Aufblitzen historischer Erkenntnis; bereits in seiner Jugendschrift über die französische Revolution hatte er Friedrich den Großen gepriesen als einen Erzieher zur Freiheit. Doch jetzt erst beginnt er die historische Welt recht zu verstehen. Er erkennt, daß ein Volk gebildet werde durch gemeinsame Geschichte, und berufen sei, „in dem angehobenen Gange aus sich selber sich fortzuentwickeln zu einem Reiche der Vernunft”. Alle Staaten der Geschichte erscheinen ihm jetzt als Glieder in der großen Kette dieser Erziehung des Menschengeschlechts zur Freiheit. Ist diese Erziehung dereinst vollendet, dann wird „irgendeinmal irgendwo die hergebrachte Zwangsregierung einschlafen, weil sie durchaus nichts mehr zu tun findet”, dann wird das Christentum nicht bloß Lehre, nein, die Verfassung des Reiches selber sein. In diesem Reiche werden die „Wissenschaftlichen” regieren über dem Volke, denn „alle Wissenschaft ist tatbegründend”. So gelangt auch Fichte zu dem platonischen Idealbilde eines Staates, welchen die Philosophen beherrschen. Und wenn der nüchterne Politiker betroffen zurückweicht vor diesem letzten Fluge des Fichteschen Geistes, so bleibt doch erstaunlich, wie rasch die große Zeit sich ihren Mann erzogen hat: der Held des reinen Denkens wird durch den Zusammenbruch seines Vaterlandes zu der Erkenntnis geführt, daß der Staat die vornehmste Anstalt im Menschenleben, die Verkörperung des Volkstums selber ist. Näher eingehend auf die Bewegung des Augenblicks schildert er das Wesen des gewaltigen Feindes, der unter den Ideenlosen der Klügste, der Kühnste, der Unermüdlichste, begeistert für sich selber, nur zu besiegen ist durch die Begeisterung für die Freiheit. So stimmt auch Fichte mit ein in die Meinung unserer großen Staatsmänner, welche erkannten, daß die Revolution in ihrem furchtbarsten Vertreter bekämpft werden müsse mit ihren eigenen Waffen. Fast gewaltsam unterdrückt er den unabweislichen Argwohn, daß nach dem Frieden alles beim alten bleibe. Nicht ungerügt freilich läßt er es hingehen, daß man in solchem Kampfe noch gotteslästerlich von Untertanen rede, daß die Formel „Mit Gott für König und Vaterland” den Fürsten gleichsam des Vaterlandes beraube. Aber alle solche Makel der großen Erhebung gilt es als schlimme alte Gewohnheiten zu übersehen; „dem Gebildeten soll sich das Herz erheben beim Anbruche seines Vaterlandes”. Beim Anbruche seines Vaterlandes — die aus der Ferne leidenschaftslos zurückblickende Gegenwart mag diese schöne Bezeichnung der Freiheitskriege bestätigen, welche die hart enttäuschten Zeitgenossen kummervoll zurücknahmen.

Auch zu einer rein publizistischen Arbeit ward der Denker durch die Sorge um den Neubau des Vaterlandes veranlaßt. Alsbald nach dem Aufrufe des Königs an sein Volk schreibt er den vielgenannten „Entwurf einer politischen Schrift”. Die wenigen Blätter sind unschätzbar nicht bloß als ein getreues Bild seiner Weise zu arbeiten — denn hier, in der Tat, sehen wir ihn pochen und graben nach der Wahrheit, den Verlauf des angestrengten Schaffens unterbrechen mit einem nachdenklichen „Halt, dies schärfer!” und die Schlacken der ergründeten Wahrheit emporwerfen aus der Grube — sondern mehr noch, weil uns hier Fichte entgegentritt als der erste namhafte Verkündiger jener Ideen, welche heute Deutschlands nationale Partei bewegen. Schon oft war, bis hinauf in die Kreise der Mächtigsten, der Gedanke eines preußischen Kaisertums über Norddeutschland angeregt worden. Hier zuerst verkündet ein bedeutender Mann mit einiger Bestimmtheit den Plan, den König von Preußen als einen „Zwingherrn zur Deutschheit” an die Spitze des gesamten Vaterlandes zu stellen. Parteien freilich im heutigen Sinne kannte jene Zeit noch nicht, und Fichte am wenigsten hätte sich der Mannszucht einer Partei gefügt; er schreibt seine Blätter nur nieder, damit „diese Gedanken nicht untergehen in der Welt”. Aber kein Parteimann unserer Tage mag das tödliche Leiden unseres Volkes, daß es mediatisiert ist, klarer bezeichnen als er mit den Worten, das deutsche Volk habe bisher an Deutschland Anteil genommen allein durch seine Fürsten. Noch immer schwebt ihm als höchstes Ziel vor Augen eine „Republik der Deutschen ohne Fürsten und Erbadel”, doch er begreift, daß dieses Ziel in weiter Ferne liege. Für jetzt gilt es, daß „die Deutschen sich selbst mit Bewußtsein machen”. — „Alle großen deutschen Literatoren sind gewandert,” ruft er stolz; und jenes freie Nationalgefühl, das diese glänzenden Geister trieb, die Enge ihres Heimatlandes zu verlassen, muß ein Gemeingut des Volkes werden, damit zuletzt der Einzelstaat als überflüssig hinwegfalle. Ein haltbarer Nationalcharakter wird gebildet zunächst durch die Freiheit, denn „ein Volk ist nicht mehr umzubilden, wenn es in einen regelmäßigen Fortschritt der freien Verfassung hineingekommen”. Aber auch im Kriege wird ein Volk zum Volke, und hier spricht er ein Wort, dessen tiefster Sinn sich namentlich in Fichtes Heimatlande als prophetisch bewährt hat: „Wer den gegenwärtigen Krieg nicht mitführen wird, wird durch kein Dekret dem deutschen Volke einverleibt werden können.” Als einen Erzieher zur Freiheit, zur Deutschheit brauchen wir einen Kaiser. Österreich kann die Hand nie erheben zu dieser Würde, weil es unfrei und in fremde undeutsche Händel verwickelt ist; sein Kaiser ist durch sein Hausinteresse gezwungen, „deutsche Kraft zu brauchen für seine persönlichen Zwecke”. Preußen aber „ist ein eigentlich deutscher Staat, hat als Kaiser durchaus kein Interesse zu unterjochen, ungerecht zu sein. Der Geist seiner bisherigen Geschichte zwingt es fortzuschreiten in der Freiheit, in den Schritten zum Reich (das will sagen: zum Vernunftreiche); nur so kann es fortexistieren, sonst geht es zugrunde”.

So — nicht eingewiegt, nach der gemeinen Weise der Idealisten, in leere Illusionen, aber auch nicht ohne frohe Hoffnung ist Fichte in den Tod gegangen für sein Land. Welch ein Wandel seit den Tagen der Revolutionskriege, da er der Geliebten noch vorhielt, daß sie gleichgültig sei gegen die Welthändel! Der Schwung der großen Zeit, die opferbereite Empfindung weiblichen Mitgefühls führt jetzt Johanna Fichte unter die wunden Krieger der Berliner Hospitäler. Alle guten und großen Worte des Gatten von der Macht der göttlichen Gnade werden ihr lebendig und strömen von ihrem Munde, da sie die unbärtigen Jünglinge der Landwehr mit dem hitzigen Fieber ringen, in letzter Schwäche, in unbezwinglichem Heimweh die Heilung von sich weisen sieht. In den ersten Tagen des Jahres 1814 bringt sie das Fieber in ihr Haus. Einen Tag lang verweilt der Gatte an ihrem Lager, eröffnet dann gefaßt seine Vorlesungen und findet, zurückgekehrt, die Totgeglaubte gerettet. In diesen Stunden des Wiedersehens, meint der Sohn, mag den starken Mann der Tod beschlichen haben. In seine letzten Fieberträume fiel noch die Kunde von der Neujahrsnacht 1814, da Blücher bei der Pfalz im Rheine den Grenzstrom überschritt und das feindliche Ufer widerhallte von den Hurrarufen der preußischen Landwehr. Unter solchen Träumen von kriegerischer Größe ist der streitbare Denker verschieden am 27. Januar 1814. Sein Lob mag er selber sagen: „Unser Maßstab der Größe bleibe der alte: daß groß sei nur dasjenige, was der Ideen, die immer nur Heil über die Völker bringen, fähig sei und von ihnen begeistert.”