Aber nicht genug, daß ich Menschenkaraktere unter allerlei Gesichtspunkten und Verhältnissen betrachte: so hab ich auch das einzig mögliche Prinzip jeder psychologischen Aesthetik, den Zwek der edlen Kunst stets vor mir, wodurch die Künste allein zur möglich erhabensten Stufe der Vollkommenheit emporgeführt werden können:

Regelmäßige Mittheilung guter Empfindungen.

Und erreiche ich diesen Zwek, errege ich in meinen Lesern nur dann und wann das moralische Gefühl, jenes reine Wohlgefallen an große, tugendhafte Handlungen und Gesinnungen, schwillt von Liebe, Mitleid und Freundschaft nur ein Busen; spricht nur ein Leser zu sich selber: handle in deinen Verhältnissen, bei deiner Erziehung, bei deinen Kenntnissen so gut, so schön, als dieser, oder jener in dieser Erzählung; fache ich nur einem Herzen den Enthusiasmus für Sittlichkeit und Tugend an, dann — dann hab ich überwunden, dann ruf’ ich: Triumph! auch die mir sparsam zugemessenen Augenblikke der Einsamkeit und Erhohlung von ernstern Geschäften sind meinen Mitbrüdern wohlthätig geworden!

So, meine Leser, kleid’ ich in das Gewand der Fabel Natur und Wahrheit, und bezielte jeder Dichter diesen herrlichen Gegenstand, wahrlich: so würden wir nicht so viel unleidliches, geistloses Gewäsch anhören müssen, woran sich heuer unsre entnervten Knaben und Mädchen bas ergözzen; so würden unsre Kunstrichter und Rezensenten nicht auf die Fabel, sondern auf ihren innern Werth, nicht auf das Continens sondern das Contentum sehn. Der Dichter ist in dieser Rüksicht zu beurtheilen wie ein Maler, der Ideale oder Wirklichkeiten, Menschen mit Flügeln, oder im Uiberrok hinzeichnet, nicht um der Flügeln, oder um des Uiberroks willen, sondern um Empfindungen des Guten, Edlen und Schönen im Zuschauer zu entwikkeln.

Leute, die mich persönlich kennen, dürften mir auch hier wieder den Vorwurf machen: warum schreiben Sie nichts solideres, nichts nüzlicheres?

Antwort: sobald ich fühle, etwas Neues, Gutes, Nüzliches in andern Disziplinen der menschlichen Erkenntniß anzeigen zu können, werde ich nicht dazu träge sein. Aber das Sprüchwort: quid valeant humeri, quid ferre recusent bedenk’ ich auch hier.

Der Dichter ist überdies, wenn er den Zwek seiner Bestimmung erreicht, der menschlichen Gesellschaft so nützlich, als der Staatsmann im Ministerio und der Gelehrte auf dem Katheder. Ein elender Dichter im Gegentheil ist eine eben so große Null in der Schöpfung, als das Genie eines Holzhakkers im Ministerio und ein geistloser Kohlkopf auf dem Katheder.

Ich wünschte gern durch Winke guter Kunstrichter das erhabne Ziel des Dichters erreichen zu können — also keinen Vorwurf darüber, daß ich — nur einen Roman schrieb! —

Amen!

Innhalt.