Wie von einem Sturmwind fortgerissen flog alt und jung erschrokken zurük nach den Wänden. Allen klopfte hoch das Herz; keinen aber mehr, als den Verschwornen, die mit Höllenangst der Erscheinung Abaellinos entgegenharrten.

Der Doge Andreas sas ernst und ruhig in seinem Stuhle, wie ein Richter zum Gericht des Banditenfürsten. Einzeln, in besondern Gruppen standen die Anwesenden mit verschiednem Mienenspiel da — wie am Weltgerichtsmorgen die Schatten der Seeligen und Verdammten einst untereinandergemischt, und doch grell von einander verschieden dastehn werden. Die schöne Rosamunde lehnte sich in ruhiger Engelsunschuld an Iduellens Achsel und musterte mit durstgen Augen ihren großen Liebling. Die Verschwornen mit langen, bleichen Gesichtern und hin stierenden Augen formirten den Hintergrund. Dumpfe Stille waltete über die Versammlung; kein Odemgeräusche störte sie.

„Und nun soll der schrekliche Abaellino vor euch erscheinen; zittert nicht, er wird keinen verlezzen!“ rief Flodoard aus, drehte sich um, ging zur Flügelthür, wischte sich über das Gesicht, warf den Mantel ab, kehrte wieder um — und wie durch ein Gaukelspiel, war Flodoard in Abaellino verwandelt! —

Sechstes Kapitel.
Geistererscheinungen.

Ein lautes Zetergeschrei scholl plözlich durch den Saal — Rosamunde stürzte ohnmächtig zusammen, die Verschwornen schnappten nach Luft, die Damen kreuzigten und segneten sich, die Senatoren standen leblos wie steinerne Puppen umher und Andreas Gritti verlor im Schrek Gehör und Gesicht.

Abaellino stand ruhig da in seiner ganzen furchtbaren Häßlichkeit, in seinem Banditenhabit, mit dem Gürtel voller Pistolen und Dolche, mit dem abscheulichen verzerrten, gelben Gesicht, über dem rechten Auge ein Pflaster, das linke hinter Fleischrunzeln halb verschwollen. Er grinste nach einer Minute rings umher, und trat dann ·zum erstarrten Doge.

„He!“ rief er mit heisrer, grölzender Stimme: „kennt ihr noch den Abaellino, hier ist er, mit Leib und Seele ist er hier, gnädiger Herr, um seine Braut einzuhohlen!“

Andreas Gritti seufzte tief auf, starrte den Ausbund der Hölle mit einem schreklichen Blik an und rief: „so bin ich noch nie hintergangen!“

„Wache! Wache!“ schrie Grimaldi, der Kardinal, und Abaellino zog eine Pistole hervor aus dem Gürtel, spannte den Hahn und drohte zu ihm herüber: „der erste,“ rief er, „der erste, der Wache schreit, oder eine Bewegung macht, ist in dieser Minute des Todes. Glaubt ihr, daß ich mich selber hier überliefern, selber die Wachen an den Thüren bestellt haben würde, wenn ich mich vor ihnen fürchtete, oder wenn ich euch entrinnen wollte? Ja, ich will euer Gefangner sein, aber ohne Gewalt; ich will euer Gefangner sein, dazu bin ich hier erschienen. Fangen soll den Abaellino kein Mensch, er muß selber kommen, um sich seinen Richtern zu überantworten. Oder glaubt ihr, der Abaellino sei der gewöhnlichen Bravo’s einer, der vor den Sbirren läuft, aus Armuth oder Leidenschaft meuchelmordet? nein, beim Himmel, nein, der bin ich nicht! war ich Bandit, so war ich Bandit aus Grundsäzzen! —“

Gritti. (die Hände zusammenwerfend) Großer Gott, ist es möglich?