Florentin. Nicht wahr, ist es nicht ein schöner Morgen und eine schöne Landschaft?

Holder. Sie haben recht; besonders wenn die Seele so hell, als dieser Morgen, und so erquikt und heiter, als diese Landschaft ist. — Ich empfand sehr viel, als ich die prächtige Natur so in ihrem Erwachen belauschen konnte. — Und dennoch, glaub ich, nahmen meine Empfindungen einen ganz andern Weg als die Ihrigen; — ich bin traurig geworden.

Florentin. Kann Freude die Mutter des Schmerzes sein?

Holder. O wie so leicht, Herr Graf! — Warum, dacht ich, leben in einer so schönen Welt so häßliche Seelen? Warum sind doch mit der größten Vollkommenheit die größten Mängel verbunden! —

Florentin. Eben dies gehört vielleicht mit zur Vollkommenheit — und sind diese Mängel Unvollkommenheiten, nun wohl, so dürfen wir hoffen daß sie, so wie tausend Mängel vor uns, auch noch nach uns ausgemerzt werden. Wir stehen zwischen Tag und Nacht — die Nacht ist vergangen, der Morgen graut schon, und den Genossen des künftigen, spätern Zeitalters ist’s vielleicht aufbehalten den Mittag in vollem Glanze zu sehn. —

Holder. Sie kommen auf die gestrige Idee Ihres gutmüthigen Onkels, da er in Entzükkung rief: o, die glükliche Nachwelt! — Es ist eine angenehme Grille, daß die Bewohner des Erdenrundes sich noch gänzlich ihren Unvollkommenheiten entreissen könnten, — dennoch aber bin ich überzeugt, daß ein Jahrhundert so glüklich und unglüklich, als das andere sein werde, es sei früh, oder spät in der Weltgeschichte vorhanden! — Doch ich bitte, fahren Sie in ihrer schönen Schwärmerei fort Herr Graf!

Florentin. Vielleicht was wir izt Traum, Schwärmerei nennen, daß dieses einst Wahrheit ist! — Dann herrschen gute Fürsten über gute Unterthanen, beide durch einander glüklich gemacht. Die Staaten blühen allesamt, Gerechtigkeit wird gehandhabt, wie sie es werden soll; Richter lassen sich dann nicht vom Golde das Auge blenden, wenn es Schuld und Unschuld erforschen soll. — Fürsten haschen dann nicht mehr nach dem Flitterglanz kriegrischer Ehre; Städte, friedsame Dörfer, lachende Saaten zu verheeren, nennt man Schandthat; wer Länder und Familien unglüklich macht, tausende hinmorden läßt, um einen Titel oder vergeßne Ansprüche der Vorfahren auf einen Strich Erde geltend zu machen, der heißt ein gekrönter Mordbrenner, sein Lohn harrt auf ihn in jenen Tagen, welche jenseits des Grabes dämmern. — Den Landmann seh ich freudig hinter seinem Pflug hertreiben, ohne daß Aberglaube über den Nakken desselben die tirannische Geißel schwingt. — Denk- und Drukfreiheit herrschen, nur von den Schranken gesunder Vernunft begränzt. — Kein neidischer Zensor unterdrükt Schriften, die er, besser zu verfertigen, nicht wagt. — Der Biedre darbt nicht mehr, weil er bieder ist; die Unschuld wird nicht gekränkt, weil sie hülflos dasteht, und dem trauernden Bürger saugen keine Jahrlange Prozesse das Mark aus. — Der Edelmann sucht nicht mehr durch die Thaten der Ahnen zu glänzen, sondern durch sich; schnellt nicht den armen Gläubiger mehr um Hab und Gut, und glaubt nicht geboren zu sein, in diesem und jenem Leben die bürgerliche Kanaille zu scheren.[3)] — Niedrigdenkende Pfaffen schleichen nicht mehr im Dunkeln umher, sich um Beichtkinder und Seelen zu betrügen, denn ihres Amtes heilige Würde ist ihnen wohlbekannt; über dergleichen Pöbellaster sind ihre Herzen erhaben. — Die Psalmen Klopstoks werden vom heiligen Lehrstuhle gebetet werden; keine tolle Ostergelächter werden fürder das Gotteshaus entweihen; das Volk wird von der Kanzel und Bühne Religion hören. — Wollust, Knabenschänderei und Selbstschwächung werden allgemein verflucht; und Schamhaftigkeit und Ehre eines Mädchens ist Männern und Jünglingen heilger und werther, denn die köstlichste Mitgift. — Leibeigenschaft ist des Staates Fluch; jeder Mensch, auch der ärmste von allen ist reich, denn sein ist der Gottheit goldnes Geschenk — Freiheit! geblieben. — Unbärtige Junker, welche noch oft der Ruthe bedürfen, können nicht mehr den Stoizismus der sklavischen Soldaten mit der Fuchtel ermessen; denn Soldatenstand ist nicht Sklaven- sondern Ehrenstand. — Jünglinge beziehen Akademien und kehren nicht mit Lastern und Seuchen, sondern mit Weißheit bereichert in das Haus der Eltern heim; erhalten Aemter dem Staate zu nützen, die nicht auctionis lege den Meistbietenden verfeilscht werden. — Gelehrte, welche Sanftmuth und ewigen Frieden predigen, zanken sich eben so wenig zum Skandal vom ganzen zuschauenden Publikum über leere Hülsen, als Fürsten privilegirte Diebe, durch Huldigung des Nachdruks, machen! — O Holder! Holder! mein Onkel hat Recht, wenn er ausruft: glükliche Nachwelt!

Holder. (ihm froh die Hand drükkend) Sie sind ein vortreflicher junger Mann, nicht Ihre Schwärmerei, aber das durch diese Schwärmereien hervorschimmernde gute Herz macht Sie liebenswürdig — Graf, bei Gott, Sie verdienen — ich weis Ihren ganzen Lebenslauf, all Ihre schöne Thaten. — —

Florentin. (erröthend zurüktretend) Holder! — schmeicheln Sie mir nicht, ich bin ein junger Mensch! — Könnt ich mir durch schöne Thaten etwas verdienen, so wünscht’ ich die Bewohner der Erde über fünf hundert Jahren noch einmal zu sehn.

Holder. (in glühender Ekstase) Bei dem Ewigen, Heiligen, Verborgnen, schwör’ ichs, — handle schön, handle schön, junger Mensch, und über fünf hundert Jahren siehst Du mich wieder in Deutschland! —