Florentin folgte dem Alten, und beide traten nach einer Weile in die Thür eines Hauses.

Es war hier alles rabenfinstre Nacht; die Laterne des Führers warf nur einen blassen Schein auf den Erdboden.

„Hier gehts hinunter!“ sprach Florentins Befreier und sties den Grafen einige Stufen hinab. Das Licht der Laterne verschwand hier; der Fremde auch und Florentin stand auf einer finstern Wendelstiege allein.

Ein jeder andre würde Muth und Kraft an der Stelle unsers Freundes verloren haben; er aber, ausser einigen leichten, unwillkührlichen Schauern, empfand auch nicht die leiseste Anwandlung von Furcht; nun einmal gewöhnt an ausserordentliche Dinge, konnte das Betragen des Mannes kaum eine Verwunderung in seiner Seele erwekken; ergeben in seine Schiksale, welche bunt genug durcheinander wechselten, stieg er in die Gruft hinab, sich und seinem Muthe überlassen.

Es währte lange, ehe er das Ende der Schacht erreicht hatte; sodann mußte er sich durch einen schmalen, ungemauerten Erdgang drängen, welcher sich in unzählichen Krümmungen vor- und rükwärts und nach allen Weltgegenden hindrehte. Zuweilen war der Gang kaum breit genug, daß er sich mit angehaltnem Odem durchpressen konnte; zuweilen wieder so geräumig, daß er, sich selbst verlierend, darin umhertaumelte.

Endlich fühlte er das Getön vermischter Stimmen an sein Ohr schlagen; dies gab dem Erschöpften neue Kraft sich bald am Ziele zu finden. Das Geräusch wurde immer lauter. Er unterschied von rauhen, gebietenden Männerstimmen das ängstliche Wimmern Nothleidender, das Aechzen, Stöhnen und verbissene Schreien gemarterter Menschen. Er hörte das dumpfe Gerassel verschiedner Instrumente — und das alles ihm so nahe zur Seiten, daß er fast jedes Wort verstehen konnte.

Jezt flos ein kaltes Grausen über seinen Leib herab; er schwankte, ungewis ob er vor- oder rükwärts gehn solle, eine Minute, und er verfolgte sodann den, einmal gewagten, unterirrdischen Gang.

Unverhoft sties er bald auf eine eherne Thüre, die sich vor ihm aufthat und wehend hinter ihm zuschlos. Er sah sich in einem kleinen Vorzimmer, in welchem zwei grosse, schwarze Tafeln hingen, mit Namen beschrieben. Auf der einen las er die Ueberschrift: „Zum Tode Verurtheilte,“ auf der andern: „zum Glük Bestimmte.“ Unter den Namen der zweiten Tafel sah er auch den seinigen halb verwischt.

Ueber den Eingang zu einem andern Gemach standen die Worte! „Jesus sei Dein Trost, Wahrheit Dein Hort“ mit goldnen Lettern, und darunter die Jahrzahl 1054.

Weil der Graf hier niemanden gewahrte, welcher ihn zurecht führen konnte, so versuchte er es an sich selber. Er ging in ein zweites Zimmer — in eine Todtenkammer. Schädel, und Köpfe und verdorrte Menschengerippe lagen hier auf der Erde schichtweis hingethürmt; alle Wände waren mit Skeletonen behängt, auf deren braungelben, glänzenden Stirnknochen Namen und Jahrzahlen standen. Das ältste derselben war bezeichnet: „Bischop Luytbrandt, 1385.“ das jüngste: „Carolus XII. Rex 1718.“