Das Mittagsessen schmekte nicht; mismüthig sezte man sich zum Kaffee nieder.
„Aber sagt einmal,“ hub endlich der Onkel an; „sind wir nicht recht große Narren, daß wir da kopfhängrisch, jeder in seinem Winkelchen, sizen? Der Junge kömmt ja in vier, sechs, acht Wochen wieder, und die vergehen bald; wozu denn nun gemault? — Was wird nicht endlich dann geklagt, geseufzt, geeinsiedlert werden, wenn ich ihn auf Reisen schikke? ’s mus doch so sein!“
Die Vorstellungen des Alten gewannen Eingang bei den jungen Leuten; man suchte sich zu zerstreuen, die Gesichter und Seelen wieder aufzuklären.
„Ich verliere;“ fuhr der Onkel fort: „ich verliere bei seiner kurzen Abwesenheit so wenig, als ihr. Kömmts auf einen seelenvollen Discours an, je nun, so hab ich einen Mann, von dem die Zeitungen sogar reden. Und will sich Herr Holder nicht mit einem alten Manne länger unterhalten, so sucht er Rikchen, und du, Rikchen, und du, wirst, denk ich, mit uns beiden auch wohl zufrieden sein dürfen. Nun also, was verlangt ihr mehr?“
Holder und Rikchen warens zufrieden; sie stimmten völlig dem Onkel bei, und wünschten dem Bruder Florentin eine glükliche Reise.
Holder hatte in der Zeit, welche er auf dem Duurschen Schlosse zugebracht hatte, das unschuldige, schöne Mädchen genug kennen gelernt, um sie — zu lieben, und Rikchen war dem Herrn Holder, troz seines immer ernsten Gesichts, schon in den ersten paar Tagen nicht böse gewesen. Also? — —
„Ach,“ sagte Rikchen in der Dämmrungsstunde des Abends, da ihr Oheim noch, wie gewöhnlich, auf der Jagd war: „ach, Herr Holder, warum hat Sie das Ohngefähr nicht früher zu uns gebracht! Sie glauben gar nicht, wie mir doch manchmal die Zeit lang, und alles so leer, so unangenehm geworden ist?“
Und izt nicht mehr, liebes Fräulein?
„Gewiß nicht mehr. Es ist mir, als hätte sich alles, alles hier, seit Ihrer Ankunft, verwandelt. Jedes Zimmer, jeder Spaziergang, jede Tageszeit ist mir izt angenehmer. Man sollt es sich nicht vorstellen, wie es möglich wäre, daß eine neue Gesellschaft auch alle Gegenstände verneuen könnte!“
Holder wurde roth, er laß in dem Herzen des Mädchens; sie aber bemerkte es nicht, denn es war dunkel.