Holder blieb nun. Je länger man seines Umgangs genoß, je interessanter wurde der Mann, je mehr man ihn kennen lernte, je weniger wußte man sich aus ihm zu finden.
Er bat sich auf seinem Zimmer Schreibmaterialien aus; er erhielt sie. Mit frühstem Tagesanbruch saß er schon in Papieren vergraben; zuweilen arbeitete er in der Nacht; keiner aber erfuhr woran, oder worin! Er schikte viel Briefe ab; und erhielt noch mehr zurük. — Florentin fand einst ein zerrißnes, von seiner Hand beschriebnes Blättchen, aber die Schriftzüge darinnen waren ihm unbekannt.
Den Tag über unterhielt sich Holder mit dem alten Grafen bald, und bald mit Florentin, oder dessen Schwester. Bisweilen durchirrte man Arm in Arm die Saaten; sah den geschäftigen Landleuten in ihrer Arbeit zu; — oder man ging in den Wald, oder auf einen benachbarten Hügel, von welchem sie oft alle viere der Sonne prächtiges Untersinken anschauten. In trüben, regnichten Tagen saßen sie in einem Zimmer beisammen; Florentin oder Holder lasen vor. Die Bücher gehörten meistens in Friedrikchens Bibliothek, die sie von ihrem Bruder während seiner Universitätsjahre erhalten hatte. —
Bald las man Wielands Simpathien; bald schwärmte man in den neblichten, wilden Thälern der alten Schotten umher, und hörte Ossians Harfe zu Fingals Thaten tönen; bald war Kronegk, bald Gellert, bald Klopstok oder Geßner ihrer Unterhaltung Stof.
Nach einigen Wochen mußte sich der junge Florentin von diesem liebenswürdigen Zirkel trennen, an welchem sein ganzes Herz hing; mußte die benachbarten Edelleute, entlegen wohnende Tanten und Basen besuchen, welche ihn nun wieder einmal nach drei Jahren zu sehen wünschten.
Man pakte alles Nothwendige für ihn ein; Rikchen stekte in jedem leeren Winkel seines Mantelsaks kleine Naschwaaren, von welchen sie wußte, daß Florentin sie gern hatte; der Onkel beschwerte sein Gedächtniß mit hundert Grüßen und beiläufigen Bestellungen an Verwandte und Bekannte, und Holder ermahnte seinen Freund eingedenk jenes schönen Morgens zu sein, und eingedenk der Worte: „handle edel!“
Es war ein dunkler, trüber Morgen, als Florentin von seinen Freunden schied. Alle standen um ihn her in geheimer Wehmuth; jeder sah den guten Jungen mit feuchten Augen an — es war, als schwebte um ihnen eine dumpfe, verborgne Ahndung. — Holder konnte sich lange nicht von dem liebenswerthen Jüngling trennen, „leb wohl! lispelte er ihm, nach einem Kusse, leise ins Ohr: vielleicht findest du mich nicht mehr, wenn du zurükkömmst!“
Florentin selber wurde zulezt weichmüthig. Er stieg mit Thränen auf sein vorgeführtes Pferd, und ritte mit seinem Knecht von hinnen. Noch, da er schon funfzig Schritt entfernt war, rief er mit gebrochnen Tönen zurük: „Ihr Lieben, laßt mir Holdern nicht fort — ich muß ihn wiederfinden!“ —
Alle riefen ihm ein lautes Ja nach, und in dem Augenblikke verschwand er aus ihren Blikken.
Jeder schlich bis in das Innerste bewegt zurük; dem Onkel schmeckte den ganzen Vormittag das Pfeifchen nicht; Rikchen konnte nicht strikken, nicht lesen; — Holder wühlte in den dumpfen Molltönen des Fortepiano’s. —