Verzeihen Sie, Fräulein, ich habe Sie beleidigt, mit ahndet es — verzeihen Sie mirs! sagte Holder, ließ ihre Hand selber loß, stand auf, und wollte fortgehen.
Rikchen lief hinter ihm her, faßte ihn mit beiden Armen um, ihn festzuhalten, und freilich, solche Banden waren zu fest für ihn, als daß er sich so leicht hätte loßreissen können.
„Was wollen Sie denn? Sie haben mich ja nie beleidigt, aber wenn Sie von mit gehn, so“ — —
Ich bleibe.
„Und sind doch nicht böse?“ sagte sie in langsamer, bittendem Tone, indeß sie ihn noch immer in der Umarmung festhielt.
Nicht böse! — gab er zur Antwort und sank an ihren Hals. Sein Herz pochte in süßer Angst; seine Hände zitterten, welche das Heiligthum umfaßten; seine ganze Seele war Gefühl der Liebe. Seine Stirn ruhte auf ihrer Achsel, und ihr Mund war seiner Wange zu nahe, um nicht einen leisen Kuß auf dieselbe drükken zu sollen.
Holder fühlte auf seiner Wange die Lippen des Mädchens; er bog sich zurük, begegnete ihrem Munde — die Dämmrung des Abende, die Stille der Einsamkeit machten ihn kühn — er küßte, wurde wieder geküßt, und seine Seeligkeit begränzte die Seeligkeit der Engel.
Unter den tausend unglüklichen Schiksalen welche das menschliche Leben verherben, weiß ich keines das traurigste von allen zu nennen, aber von den hundert frohen Loosen, welche wir aus der Urne des Fatums ziehen, ist das schönste das Loos der Liebe, die Anzahl der Leiden ist groß, aber die geringere Anzahl unsrer Freuden überwiegt dennoch jene am innern Gewicht!
Fünftes Kapitel.
Ein langes Gesicht.
Holder und Rikchen hörten des Onkels Stimme. Hurtig flogen sie auseinander und dem Alten entgegen; der so eben ins Zimmer hereintrat.