Man hatte um die Morgendämmrung die gewöhnlichen Pistolenschüsse wieder gehört, sodann einigen Tumult auf Holders Zimmer, aber nicht weiter darauf geachtet. Er war und blieb verschwunden; vergebens streifte man zu Fuß und Pferde durch die ganze Gegend, man fand keine Spur von ihm. Sein Zimmer war von innen verriegelt; ein Fenster nach dem Felde zu stand offen; alles lag auf der Stube verwildert durch einander geworfen, an der Erde, auf Stühlen und Tischen; einen Zettel fand man auf welchem die flüchtig geschriebnen Worte standen: „Leben Sie wohl, ich komme wieder!

Man wartete ein halbes Jahr auf ihn, und er sollte noch wiederkommen. — —

Zweiter Abschnitt.

Erstes Kapitel.
Auch Prinzessinnen haben Herzen.

Die Schwester des Herzog Adolf, an dessen Hofe sich Florentin von Duur befand, war ein schön gebautes, reizendes Frauenzimmer. Neunzehn Frühlinge blühten kaum auf ihren Wangen; sie war feurigen, schwärmerischen Temperaments; liebte gern und sah sich gern wieder geliebt und angebetet. —

Florentin war kaum am Hofe erschienen, als seine vorzügliche empfehlende Gestalt die Damen aufmerksamer machte. Prinzessin Louise, so hieß des Herzogs Schwester, sah ihn zum erstenmale auf einem Balle, welchen ihr Bruder gab; der Herzog unterhielt sich oft mit ihm, dies war genug ihm allenthalben Kredit zu gewinnen, — auch bei der Prinzessin. Durch ein beabsichtetes Ohngefähr kam sie ihm näher; sie fächelte sich mit einem seidnen Tuche, lies ihn von ohngefähr fallen, der junge Graf hob ihn auf, überreichte ihn, und der Herzog nahm Gelegenheit der Prinzessin seinen Kammerherrn vorzustellen.

Louise erlaubte dem Grafen einen Handkus, und sie war so gnädig, doch nur wie durch ein Ohngefähr, Florentins Fingerspizzen zu drükken. Florentin empfand die Allgewalt dieser schönen Ohngefährs; eine liebliche Röthe ergos sich über sein Gesicht; er blikte der Prinzessin schüchtern in die Augen, und sie entfernte sich, ohne aber der Röthe des jungen Mannes, und des Blikkes zu vergessen.

Man ist am Hofe nicht immer so glüklich, als im bürgerlichen Leben, wo man seinen Mann zu sehen öftere Gelegenheiten findet. Die Prinzessin fühlte diesen Mangel nur zu sehr, und ihn einigermaaßen zu vergüten, erlaubte sie ihrer Fantasie jede verliebte Ausschweifung.

Kein Wunder also, wenn der schöne Florentin ihr zuweilen in Träumen vor die Augen trat, sie da ihres fürstlichen Ranges vergaß, einen blühenden Jüngling an ihren liebevollen Busen drükte, und eine Wollust ahndete, welche kein Traum ihr gewähren konnte.

„Nicht wahr, liebe Auguste,“ sagte sie an einem Morgen zum Fräulein von Gülden, ihrer Kammerdame und Favorite: „nicht wahr, du hast auch schon geliebt?“