Der Alte schmollte und sagte: „Mein Seel, wäre Sorbenburg Ihnen, so trüg ich Ihnen meine Niece selber an.“
„Ein Mann, ein Mann, ein Wort, ein Wort!“ erwiederte Holder; nun mus ich meine Baarschaft einmal nachzählen!
Jezt arbeitete Holder ämsiger auf seinem Zimmer, als je. Täglich versandte und bekam er Briefe, und weder der Graf noch Rikchen erfuhren wohin, warum und mit wem er so stark korrespondirte. Zuweilen war Holder sehr schwermüthig; weder die Naivetäten des Fräuleins noch die Laune des Alten waren vermögend ihm ein Lächeln abzugewinnen, in sich verschlossen saß er dann da, theillos an den Gesprächen und Scherzen der übrigen, und grübelte. Fragte man ihn deswegen, so erhielt man jedesmal zur Antwort: mein Glük und mein Unglück fließt aus einer Quelle, die ich niemanden offenbaren kann.
Indessen diese Launen, oder wie man es nennen soll, waren selten, der größte Theil der Tage verfloß im Duurschen Schlosse heiter. Florentin wäre gern Theilnehmer derselben gewesen, allein zum Unglük, oder soll man es Glück nennen? wurde er so schnell nach der Residenz berufen, um dort dem Herzog vorgestellt zu werden, daß er nicht einmal einige Tage Zeit hatte, nach Hause zu reisen.
Dieser Herzog war erst seit einem Monate an der Regierung; es war eben derjenige Prinz, welchen Holder vom Tode gerettet, hatte, ein Herr von sieben und zwanzig Jahren. Florentin gefiel ihm, und er gab ihm den Karakter eines Kammerherrn. Florentin meldete seiner Familie dies unerwartete Glük; der Onkel jauchzte, sah seinen Neveu schon als ersten Minister am Herzoglichen Throne, Rikchen hüpfte, küßte bald den Onkel, bald den lieben Holder — alles war Freude.
Der Graf stellte nach seiner Art ein kleines Fest an; der benachbarte Adel wurde dazu eingeladen, und ein halbes hundert Burgunder- Champagner- und Ungerflaschen waren bestimmt an dem feierlichen Tage auf Florentins Wohlsein geleert zu werden.
Auch Holdern war der Tag merkwürdig, denn der Fürst hatte sich seiner erinnert, und ihn aus Dankbarkeit in den Adelstand erhoben, nebst Verleihung des Gutes Sorbenburg. Holder war bestürzt, der Onkel noch mehr. Rikchen, aber glaubte izt ihn weniger rükhaltend lieben zu dürfen, und überließ sich deßwegen ganz dem süßen Glükke.
„Nun halt’ ich Wort,“ sagte der Onkel im Zirkel der ganzen Gesellschaft: „Nun halt’ ich Wort, und gebe dem Herrn von Sorbenburg die Gräfin von Duur zur Gemahlin!“ — —
Rikchen stand hocherröthend, neben ihrem Geliebten, in jungfräulicher Schaamhaftigkeit. Sie hörte die Worte, hörte sie gern und senkte den liebeschwimmenden Blick zu Boden. Holder dankte dem Grafen, Rikchen küßte ihm die Hand, die Gesellschaft der übrigen Herrn und Damen stattete ihre Glükwünsche ab.
Ich mahle die einzelnen Scenen dieses wonniglichen Festes nicht, ich sage nur dies, daß es eines der frölichsten in der Duurschen Familie war, daß jeder erst spät in der Nacht von Wein und Freude berauscht zu Bette ging, und daß am folgenden Tage — ach! Holder verschwunden war.