So dialogisirten sie sich eine ziemliche Strekke Weges fort. Dem Grafen war die Gespensterfurcht verschwunden, und der Fremde hatte nun einen Leitsmann. — Mit einemmale hörten sie einen Wagen auf sich zu fahren.
„He da! guter Freund, wohin?“ rief der nunmehrige Mantelträger dem Fahrenden zu.
„Ach Gott, gnädiger Herr, sind Sie’s selbst. Steigen Sie doch ein, ich hin schon eine halbe Stunde lang herumgefahren, um Sie zu suchen und nach Haus zu bringen!“ antwortete der Kutscher. —
Keiner segnete den Himmel hierum mehr, als der alte Graf. Er stieg ein, und zog den Fremden hinter sich her. „Sie haben mir, sagte er, Ihren Mantel geliehen, izt leih’ ich Ihnen meine Kutsche. Hurtig herein!“
Sie fuhren beide fort, und in wen’ger Zeit stiegen sie im Schlosse ab. Der Graf zog den Fremden immer hinter sich her; schleppte ihn in sein Schlafzimmer, ließ durch den Bedienten zwei Schlafrökke, Pantoffeln, Mützen u. s. f. bringen; sie kleideten sich um und nun schob der Alte den Fremden in das Visitenzimmer.
Zweites Kapitel.
O, der glüklichen Nachwelt!
Hier war eine kleine, angenehme Gesellschaft vorhanden welche voller Ungedult auf den braven von Duur wartete. Nun trat er herein, und mit einem wilden: „O, mein Onkel!“ stürzte ein schlanker Jüngling ihm um den Hals, indessen der Alte freudelallend tausendmahl stammelte: „Mein Florentin!“ — Fräulein Friedrike war mit den andern Gesellschaftern näher getreten; stillschweigend standen sie alle um die Gruppe des Onkels und des Neffen, die lange unbeweglich in eins zusammengekettet blieben. Dem Jüngling flossen einige Thränen vom Auge; der Alte fühlte es, ihm brach das Herz, und er weinte; die Zuschauer wurden gerührt.
„Nehmt’s mir nicht übel,“ hub der Greis an, indem er die grauen Wimpern troknete, und sich zur Gesellschaft wandte: „nehmt’s mir nicht übel, alte Leute sind so leicht, als Kinder zum Weinen zu bewegen. Ich hab’ den Jungen nun seit drei Jahren nicht gesehn; hab ihn nicht früher sehn wollen, um meine Freude zu vergrößern — aber nun, wahrhaftig nun ist sie zu gros.“
Worte machen das Herz leicht und Thränen; man sah ein, daß es nicht wohl anging den ganzen Abend in dieser Attitüde zu verbleiben — also wurden einige Komplimente gewechselt und Entschuldigungen hervorgebracht.
„Unser freundschaftlicher Kreis ist unvermuthet heute vermehrt worden,“ sagte nachher der Graf, und trat zu dem Fremden, der indes still an der Thür stehen geblieben war: „Seht hier Kinderchen, einen neuen Gast, einen Reisenden, den ich unterwegs im Donnerwetter, oder vielmehr, der mich antraf, und so brav dachte, mir altem Manne seinen Mantel aus freien Stükken anzubieten, um mich wider den Sturm zu schüzzen. Es ist, mein Seel, brav gedacht!“