Und in der Luft zerflos ein süsser Hall
Der einsam flötenden Nachtigall.
Schüchtern wie die Unschuld, wenn sie auf unbekannten, verrufnen Pfaden gehen mus, und eben so sorglos, als sie, trat die Prinzessin in dies angenehme Revier hinein, indem sie sich nach allen Seiten umblikte, den Geliebten zu entdekken. Bald wandelte sie im hellen Mondenschein, bald entwich sie in den Schatten der Orangerien und Hekken, je nachdem ein oder der andre Gedanke sie lenkte. Bald wünschte sie von ihm erblikt zu werden; es ist die sicherste Probe, dachte sie bei sich, wenn er dann durch Winkelzüge, oder grade Wege sich Dir nähert, ob Du Eindruk auf ihn gemacht hast. Weicht er aus, so — — doch nein, das kann er nicht! Aber wenn er es thäte? still, halt Dich verborgen, und lausche umher, bis er sich zeigt; dann spiele Dich ihm von ohngefähr in den Weg, daß er unmöglich entkommen kann. — Allein wird er nicht argwöhnen, daß — Du ihn aufgesucht habest? wird er nicht daraus schliessen, daß Du ihn liebest? — Pfui! doch mag ers immerhin, mag er dich verstehen, wenn er nur Gleiches mit Gleichem erwiedert! —
Indem sie so hin und her schwankte und bald durchs Dunkle und bald durchs Helle schlich, störte sie mit einemmahle ein sehr geringfügiger Umstand in ihren verliebten Betrachtungen — ein Strumpfband.
Dieses unbedeutende Stükchen in der Damenkleidung, welches schon so manche wichtige Rolle gespielt hat, und sogar schon Gelegenheit zu einem bekannten englischen Orden gab, wurde Louisens schönem Kniee treulos, löste sich mit jedem ihrer kleinen Schritte mehr auf, machte auch den seidnen Strumpf von seinem Dienste abspenstig, so daß beide ganz unbemerkt, und sanft, als möglich, über die niedlichste Wade hinabschlüpften, bis zum Knöchel hin.
Das liebeathmende Mädchen ahndete diese kleine Verrätherei so wenig, daß sie eben so unbefangen, als je, forttrabte. Allein ein buhlerischer Zefyr flatterte bald um die entkleidete Schönheit, und ein hervorragender Zweig der benachbarten Hekke, welcher wahrscheinlich noch nie die unverhüllte Wade einer schönen Prinzessin gesehen, schlang sich um dieselbe, und wekte durch seine kühle Umarmung Louisen aus ihren Ueberlegungen.
Sie sezte ohne Zaudern den Fuß auf eine dabei stehende Rasenbanke, schürzte das seidne Rökchen in die Höhe und war so eben im Begrif die kleine Unordnung wieder herzustellen, als — o weh! der Graf unverhoft aus einem mit hohen Hekken besezten Seitenweg hervortrat, und vor ihr, wie versteinert, stehen blieb.
Louise war eben so bestürzt, als der Graf, und war eben so wenig vermögend ihre Attitüde, so sehr sie auch gegen alle Decence stritt, zu verändern, als der Graf seine Augen von dem schönen, seltnen Schauspiel, von der weissen, sanftgeründeten Wade, von dem entblößten Knie, u. s. w. u. s. w. wenden konnte.
In allen Fällen ist ein solcher Auftritt zwischen einer Dame und einem jungen Manne mit mehreren Annehmlichkeiten, als Widrigem verknüpft, sobald wenigstens nur einer von beiden Theilen der Sache eine vortheilhafte Wendung zu geben weiß. Allein ob der Graf, welcher sich und die Prinzessin aus der peinigenden Verlegenheit retten wollte, sich hier zum besten nahm, laß ich unentschieden. Er lag nämlich nach einigen Augenblikken zu Louisens Füßen und — bat um Verzeihung sie überrascht zu haben.
Mögten alle Damen so tolerant sein, als hier es die unsrige war. Es ist doch einmal geschehen, dachte sie, er liegt nun einmal zu meinen Füßen, mein Knie meine Wade kann ich nicht ungesehn machen — folglich mag es ihm verziehen sein. —