Er ging, oder flog vielmehr nach seinem Hause, erbrach den Brief mit zitternden Händen und las mit dem größten Erstaunen folgende Zeilen.
„Graf!“
„Im Namen des Euch wohlbekannten Ludwig Holders von Sorbenburg erinnern wir Euch. — Hütet Euch vor den Nachstellungen des Prinzen Moriz noch mehr vor der Liebschaft mit einer wollüstigen Prinzeßin! Im Namen Ludwig Holders von Sorbenburg“
Florentin las das Briefchen drei, viermahl, und gerieth immermehr in Verlegenheit. Er legte das Blatt langsam vor sich nieder; sank in einen Sessel; schlos die Arme in einander und suchte sich seiner quälenden, ängstlichen Verwirrung zu entreissen.
Bald fiel er darauf, daß sich Holder wo nicht in der Residenz, doch gewis in der Nähe derselben aufhalten müsse; aber dieser Einfall hatte zu viel Unwahrscheinlichkeiten wider sich, um Glauben zu erhalten.
Und doch im Namen des wohlbekannten Ludwig Holders! — Vielleicht hatte jemand einen Scherz mit diesem Namen treiben wollen, den Grafen zu erschrekken. Aber das Erschrekkende lag ja nicht ist Holders Namen, sondern in dem Mitwissen um eine Liebe, welche Florentin selber als das heiligste Geheimnis betrachtete, und vor der er jezt von dem oder denen Unbekannten gewarnt wurde. Und Prinz Morizens Nachstellungen! — Hier war für ihn eben so viel Licht, als Nacht.
Er rieth lange hin und her, wer der Schreiber des Zettels sein könnte, aber errieth es nie. Sorgenvoll legte sich der Graf zu Bette; sorgenvoll stand er am folgenden Tage wieder auf.
Er beschlos endlich dem unbekannten Warnenden eine schriftliche Antwort zuzuspielen, welche er zu dem Entzwek immer bei sich führte; er unterlies nicht oft am Tage und des Abends die bekannte Strasse zu durchtraben, in der Hofnung, daß sich wieder einmahl der Bote des Unbekannten sehen lassen würde, er besuchte sie aber acht Tage lang ohne Frucht.
Die Zeit verwischte endlich all die ängstlichen, wenn auch wohlthätigen Besorgnisse aus Florentins Seele; er war nach kurzem wieder derselbe Heitre, Harmlose, Liebende; nur, daß er Morizen, troz aller wiederholten Liebkosungen desselben, zu fürchten anfing.
Der Prinz beobachtete diese Veränderung des Grafen mit schlauem Auge und änderte diesemnach auch manches in seinen Plänen.