Herzog. Offenherzig gesagt, noch bin ich eben so sehr dafür, als dawider; ein Beweis, daß dergleichen Reformazion für mein Land eben nicht von überwiegenden Vortheilen sein mus, und daß meine Unterthanen, auch bei ihrer izzigen Verfassung, zufrieden sein können.

Graf. Verzeihen Sie, wenn meine Gründe für Druk- und Denkfreiheit bei ihnen noch nicht die Gegengründe überwogen haben, so liegt nicht die Schuld in der Schwächlichkeit der erstern, sondern wohl mehr an mir, daß ich sie nicht genau und einleuchtend genug darstelle.

Ich rede mit einem denkenden Fürsten, welcher nicht glaubt, ein ganzes Volk sei für ihn, sondern er für das Volk geschaffen, welcher nicht glaubt, es sei Gnade von ihm, wenn er die Unterthanen glüklicher macht, sondern Pflicht; — eben deswegen werde ich so frei reden, als es die Liebe für das Vaterlandswohl fordert, und die Ehrfurcht es erlaubt.

Eine Nazion ist noch nicht glüklich zu nennen, so lange sie, bei der ansehnlichsten Wohlhabenheit ihrer Mitbürger, dumm, abergläubig, bigott ist. Dann ist ja nur erst ihre thierische Natur befriedigt, aber nicht die erhabnere, menschliche, und sie unterscheidet sich, wenn sie auch im Mittelpunkt Europens wohnt, durch nichts von den einfältigen Indianerhorden, als durch die größere Menge ihrer Bedürfnisse und Befriedigungsmittel derselben.

Herzog. Darin steh ich Ihnen bei, lieber Graf. Ein Fürst, welcher solch ein wohlgemästetes, einfältiges Volk beherrscht, verliert nicht viel, wenn man ihn mit irgend einem Nabob vergleicht.

Graf. Geistige und sinnliche Vollkommenheit macht hienieden unsre Glükseligkeit aus; beide müssen stets mit einander verknüpft sein, beide sind von stetem gegenseitigen Einfluß; doch ist der Einfluß geistiger Vollkommenheit ungleich größer auf das Wohl einzelner und vieler. Ein Sklav kann nie äusserlich glüklich werden; ein Volk ohne Geistesfreiheit eben so wenig. Der Monarch, welcher sein Volk um jede Freiheit bringt, es als ein Sklavengesindel behandelt, herrscht ungerecht, ist ein offenbarer, vom Volke nie zu duldender, Despot. Aber der Monarch, welcher den Geist des Volks fesselt, sich zum Beherrscher den Gewissens aufwirft, den Unterthan zum dummen Vieh erniedrigt, welcher Name gebührt dem? —

Ein freies, am Geist und äussern Wesen freies Volk wird sich nie wider seinen Fürsten auflehnen, welcher durch die ihm vom Volke ertheilte Autorität und durch Gesetze die ächte Nazionalfreiheit beschüzt; nur Sklaven empören sich.

Welches sind denn die herrlichen Früchte des Glaubenszwanges, des Verbots aller Neuerungen im Schul-, Prediger- und Schriftstellerwesens? Daß das Volk um ein Jahrhundert in der Cultur des Geistes und seiner reinen Vollkommenheit zurükbleibt? ein elender Nuzzen! — oder daß die Leute nach dem Tode von der Gottheit nicht verdammt werden mögten, weil sie hin und wieder die Religion ihrer Väter verbessert haben? — O, theuerster Herzog, wird das erhabenste, allgütigste Wesen den, mit so einem kleinlichen Gran der Vernunft begabten, Menschen strafen können, wenn er Menschensazzungen nach bessern Ueberzeugungen änderte? — Ist denn auch die Religion unsrer Väter unverbesserlich? ist es die reine unverfälschte Religion, wie sie Christus lehrte und wie er sie selber übte? Auch der orthodoxeste Theologe wird nicht glauben können, daß Christus göttliche Verehrung verlangt, Ewigkeit der Höllenstrafen gepredigt, oder andre Dinge geglaubt habe, davon wir in den Urquellen des Christianism keine Spuren finden, wovon wir im Gegentheil sicher wissen, daß es das Gemächte spätrer, an Glauben und Schwärmerei starker, an Einsicht und Scharfsinn aber schwacher Jahrhunderte sei. Christus eigne Religion und Symbolum war: „Liebet Gott über alles, und eure Mitmenschen, als euch selbst!“ Wer dieses Sazzes ganze Würde fühlt und durch praktische Anwendung desselben im gemeinen Leben beherzigt, der ist ein Christ, auch wenn er alle übrige Anhängsel spätrer Zeiten verwirft. —

Ich sage nicht, daß man darauf dringen solle, durch Edikte und obrigkeitlichen Zwang dergleichen hellere Begriffe einzuführen, dies wäre eben so ungerecht, als jezt, da das Gegentheil geschieht; sondern daß man einem jeden zu denken und zu glauben gewähren mögte, was er seiner Ueberzeugung nach, für denk- und glaubwürdig hält.

Ein aufgeklärter Mann wird sich selten zu groben Lastern herabwürdigen, öfters aber der unwissende, welcher durch ein andächtiges Abendgebet die Sünden des ganzen Tags gut machen zu können sich einbildet. Woher kömmt es denn, bester Fürst, daß sich ihre Landesuniversität noch so sehr vor vielen andern deutschen hohen Schulen durch Rohheit, Brutalität und Ignoranz der dasigen Studirenden auszeichnet? Daher, weil Denken und Geistesfreiheit in Ihrem Staate eine unbekannte Sache ist, weil Unwissenheit und Trägheit des Verstandes das Gefühl für wahre Grösse und Ehre verstimmt und die Mutter der Barbarei ist.