Doch vergeben Sie mirs, meine andächtigen Leser und Leserinnen, daß ich unsern Grafen hier seine Apologie für die Freiheit in Geistessachen so trokken hinschwazzen lasse, ohne zu bedenken, daß sie vielleicht da gähnen mögten, wo Florentin am nachdrüklichsten gesprochen zu haben meinte. Ueberdies kann ich auch unmöglich glauben, daß dies Buch von irgend einem gelesen werde, welcher die Sklavenkette seines Geistes liebte, welcher nicht von den zahllosen Vortheilen einer allgemeinen Aufklärung überzeugt wäre. Ich plauderte also unnüz; denn durch dieses Fragment einer Schuzrede für die Freiheit des Geistes werde ich unstreitig niemanden bekehren, wiewohl es mit Florentinen ein andres Bewandniß hatte; denn Fürsten mögen dergleichen Sachen gern etwas bequemlich überdenken.

Inzwischen gelob’ ich feierlich, mich nie über einem solchen Fehler wiedrum von den Lesern ertappen zu lassen, aber dafür sind diese auch so discret, mir noch eine kleine Plauderei für gut zu halten, sie mögen sie nun anhören, oder sich die Ohren verstopfen.

Das größte und eigenthümlichste Verdienst unsers Jahrhunderts ist, in Rüksicht der Religion und Wissenschaften, der allgemeine Geist des Selbstforschens, ein Verdienst, welches in den leztern manches System umwarf, und bei der erstern wichtiger ist, als die Stiftung einer neuen Religion. Dieser Geist des Selbstforschens ist der Vater der Aufklärung, deren Vortheile für die Menschheit so offenbar sind, daß es beinah unbegreiflich ist, wie man darauf fallen konnte, sie zu hassen.

Theils ein unbekanntes, doch gewis sehr nichtiges Intresse der Grossen, theils eine unmässige Vorliebe für die Klugheit der Alten wurden die Ursachen, daß das Selbstforschen, vorzüglich in der Theologie zum Verbrechen ward. Allein daß Aufklärung auch mit dem Interesse den Staates bestehen könne, bewies Friedrichs des Einzigen musterhafte Regierung und daß der gröste Theil unsrer heutigen Denker und Halbdenker von dem Vorurtheile zurükgegangen sei, welches das Alterthum über seinen Werth erhebt, bezeugen zahllose Schriften. Was hindert demnach die Fortschritte der Geistes in der Erkenntnis des Wahren und Nüzlichen?

Fast läßt es sich mit Gewisheit behaupten, daß unsre Nachkommen nicht da stehn bleiben werden, wohin wir sie führten, daß sie, unserm Vorspiele getreu, ebenfalls weiter gehn, und der menschlichen Geistesvollkommenheit so lange nachtrachten werden, bis sie zu dem Ziele gelangt sind, welches die ewige Vorsehung, ihrem weisen Plane gemäs, der Menschheit vorgestekt hat, wo man sodann entweder stille stehn, oder, um dem Reiz der Veränderung zu folgen, zu den Irrthümern und Schwächen zurükkehren wird, welchen man sich vorher mit vieler Mühe entriß. Wie gesagt, die Weisen des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts werden sich unmöglich mit dem genügen lassen, was wir ihnen gewonnen haben; denn die Glükseeligkeit des Geistes gründet sich eben auf Erweiterung seiner Erkenntnisse, als sinnliches Vergnügen im stufenweisen Fortschreiten in den äusserlichen Vollkommenheiten beruht.

Träges Verharren bei dem, was erworben ist, streitet wider die Natur des Menschen und vermindert seine Freuden.

Wenn denn auch ein Fürst, oder sein Rath, verwöhnt durch mystische, altgläubige, unvollkommene theologische Kenntnisse, welche man ihm schon in frühen Kinderjahren einflößte, und die er, wegen Menge andrer Geschäfte, nie Zeit und Gelegenheit hatte zu verdauen, im gutgemeinten Eifer die fürchterlich geschilderte Freigeisterei durch öffentliche Verordnungen zu unterdrükken sucht: wird er dadurch viel für sich erlangen? — Bei der Nachwelt gewiß nichts, denn diese verwirft die Autorität der Vorwelt, und bei den Zeitgenossen eben so wenig, ausgenommen, daß die Schriftsteller ihren und den Namen des Drukorts auf dem Titel der Aufklärung befördernden Werke weglassen. Ja dergleichen Befehle der Großen wider Aufklärung und Selbstforschen erreichen gewöhnlich nicht nur nicht ihren Zwek, sondern sind vielmehr dem Gegentheil behülflich.

Wenn ich nicht zuviel wage, so möcht’ ich das iztentstehende moderne Christenthum in Rüksicht des erwähnten Verhältnisses, mit dem Entstehen des ersten Christenthums überhaupt vergleichen.

Freilich stehen den neuem Reformatoren der Staatsreligion keine Verfolgungen von neuern Deciussen und Galeriussen bevor; aber demungeachtet wird jeder Zwang eben dasselbe hier bewirken, als Foltern und Verbannungen bei den ersten Bekennern ehmals, das ist: Standhaftigkeit bis zur Schwärmerei. Ein Querdamm wider den Strom fesselt denselben nur auf eine Zeitlang, aber benimmt seinem Wachsthume nichts; Und, wenn sich dann plözlich einmal ein Constantin zum öffentlichen Beschüzzer der izzigen Reformazion aufwürfe: so würde dieselbe vielleicht eben so schnell, aus allen Zünften des Volks, von der obern bis zu der niedern, Tausende der Bekenner aufstellen können.

Doch dies sind Muthmassungen, die, ob sie gleich die höchste Wahrscheinlichkeit vor sich haben, immer doch nur leere Erwartungen sind, und über deren Erfüllung oder Nichterfüllung die Zukunft richtet.