Florentin. Die Sonne ist kaum aufgegangen. Im Schlosse und Dorfe schläft noch jedes Auge.
Gotthold. Wenn man wüßte, wie nahe Sie wären, gnädiger Herr — —
Florentin. Ich kann unmöglich sogleich zu meinen Freunden fliegen — ich bin so verwirrt, so ängstlich, so froh — ein Heer von Empfindungen überwältigt mich. Ich will mich erhohlen. Reite voraus, Gotthold, erwekke die holden Schläfer aus ihren Morgenträumen, deren Inhalt vielleicht ich bin. Sag’ ihnen meine Ankunft! — tummle dich! — —
Der Knecht spornte sein Ros an und flog zum Dorfe hinab, den Steindamm zum Schloßhofe entlang.
Aber der Graf rükte nicht um einen Schritt von der Stelle. Er zitterte. Sein Blut stürmte ungestüm durch die Adern hin; der Purpur der Freude schimmerte ihm auf den Wangen; seine Augen befeuchteten sich in unwillkührlichen Thränen.
„Gott! mein Gott!“ sprach er mit leisem Ton, hoher Andacht, glühender Inbrunst: „gelobet sei dein Name, hochgelobet in Ewigkeit deine Güte! Ich war ein Kind, und du gabest mir Kinderfreuden zu schmekken; ich war Jüngling und du liessest mich schwelgen in deinen Seligkeiten auf Erden. Ich bin Mann worden und du hast mich nicht vergessen. Ja, mein Vater im Himmel, hast mich nicht vergessen, — du hast mich reinern Freuden aufgespart, deren Genuß mich nun erquikken soll. Vater, es danket dir dein Kind; mit Thränen dank’ ich dir und Seufzern, daß du mich nicht vergessen hast!“
Mehr konnt er nicht lallen. Die Sprache verlor sich, aber die Seele betete fort.
Einige Minuten verstrichen, ehe er zu sich selber kam; — er sahe die graue Schloßkuppel hinter den Ulmen und nun flog er der Erfüllung seiner Jahrlangen Schwärmereien und Erwartungen entgegen. Laut pfiff die Morgenluft durch seine Lokken, hoch hoben sich Staubgewölke um ihn her.
Er stand auf dem Schloshof — sprang ab vom Pferde, hinauf die Stiege zur offnen Pforte, wo Holder ihm in die Arme sank.