Und feuchte Wimpern heben,

Von welchen noch des Harmes Zähre rollt;

Nur Träume, die uns hold,

Im frohen Augenblik vor unsrer Stirne schweben.

Es war der lezte Abend; man nahm sich vor, ihn recht innig zu genießen, und genos ihn nicht. Man wollte fröhlich sein, und trauerte. Seufzer waren die Aufmunterungen zur Freude; wehmüthige Blikke vertraten die Stelle des Lächelns; die Weingläser standen gefüllt da, winkten zum Genus — und wurden nicht geleert.

In einer rührenden Gruppe sas das Vierblatt bei einander, welches sich mehr mit Blikken, Seufzern, Händedrükken und Empfindungen über Florentins Scheiden, als durch Wortgespräche unterhielt. Selbst der sonst so wohlgemuthe Onkel konnte nicht sich, nicht seine Lieben aufhellen. In einem Lehnsessel ruhend, die Füsse übereinander geworfen, sas er da, düsterstirnigt, mit bebender Lippe, als wollt er das Stillschweigen unterweilen mit seinen gewöhnlichen frohen Einfällen brechen, und doch wagte ers nicht. Oft zerpreßt’ er mit den Wimpern eine Thräne, die ihm unwillkührlich die Augenwinkel füllte. Sorgenvoll stüzte sich sein graubeloktes Haupt auf die Linke, mit der Rechten hielt er des Neffen Hand auf seinem Schoose fest. Florentin sas in einer ähnlichen Attitüde, den Kopf zurükgeworfen und nach einer seiner Schultern hingeneigt, die Augen starr vor sich aufblikkend, als säh er träumend in die umnebelten Stunden der Zukunft. Rikchen drükte mit ihrer einen Hand die seinige an sich, mit der andern umschlang sie Holders Nakken, auf dessen Schoose sie sas, und auf dessen Achsel ihre Stirn ruhte, an dessen Brust sie ihr nasses Antliz verbarg. — Holder mit einem Arme sein Weib, mit dem andern seinen Schwager umfassend, starrte ernsthaft vor sich hin, als überblikte er Pläne des Schiksals. Zuweilen biß er mit den Zähnen zusammen, wenn Empfindung ihn übermannte, ihms warm wurde um Herz und Angesicht und ein Thränenflor sein Auge bewölkte.

So verfloß eine Stunde, wieder eine Stunde und keiner wagte Veränderung. So hätte die Nacht sie überfallen können, wenn Florentin nicht aufgestanden wäre, um einiges wegen seiner Abreise zu verordnen.

„Wahr ists, und wahr bleibts,“ rief der Onkel, und erhob sich: „’s ist doch des Menschenelendes gar viel in diesem Leben. Und da hab ich mir das so überdacht in der Stille, und habe gefunden, daß doch viele Leiden aus der vermaledeieten Dependenz entspringen. Sie haben recht, lieber Holder, die republikanischen Staatsverfassungen sind, mein Seel, die Besten. Hätten wir unsre Hütte in einer Republik aufgeschlagen, so wollt’ ich doch den Herzog sehn, der uns Florentinen nehmen und auf Reisen schikken dürfte!“

„„Das würde freilich keiner!““ antwortete Holder, dem die Philosophie des gutherzigen Onkels ein Lächeln abzwang.

„Drum glaub ich auch,“ kontinuirte jener: „daß unsre Nachkommen gewiß noch alle Alleinherrschaften in Republiken umschmelzen werden.“