„Haben Sie Fremde?“
„„Sie werden niemanden ausser dem Prediger Leedri, meinen Schwiegervater, und seine Tochter, meine Agathe, antreffen.““
Wie gern folgte Florentin der willkommenen Einladung des metamorphosirten Puppenspielers! Hier hofte er gewis Aufschluß über das verschleierte Frauenzimmer in der Kirche zu empfangen. Er unterlies auch nicht beiläufig zu fragen, ehe sie das Haus erreicht hatten.
„Wahrscheinlich meine Frau!“ antwortete Aellmar und führte den halb unzufriednen Duur in ein Zimmer, worin sich der alte Pastor Leedri allein befand. Man wurde bald bekannt mit einander; sprach, von diesem und jenem; Aellmar entfernte sich seine Gemahlin herbeizuhohlen, und Florentin exegisirte über das „Wahrscheinlich“ des Aellmar.
„Wahrscheinlich ist doch nicht gewis; es läßt noch immer der Vermuthung Raum, daß der Schleier eben so gut der Prinzeßin, als der Madame Aellmar angehören konnte!“ dachte er bei sich.
Die Thür eröffnete sich nach einiger Zeit. Die verschleierte Schöne, in ihrem Anstande, ihrer Gestalt, ihrer Kleidung eben diejenige, welche im Gitterstuhle sas, trat herein, schlug den gewebten Nebel hinweg von ihrem Gesichte und machte dem Grafen ihr Kompliment. Florentin der anfangs in heftiger Bewegung da stand, ward noch verwirrter, als er hier eines der liebenswürdigsten, sanftesten Weiber — aber nicht das Idol seiner Seele sah.
So gut es sich thun lies, verbarg Florentin seinen Mismuth; er mußte es nun einmahl geschehn sein lassen, daß er sich getäuscht hatte. Eine freundliche, gewisse Unterhaltung bei Tische war die Würze der Speisen. Sobald man von der Tafel aufgestanden war, suchte unser Pilgram, der noch an eben dem Tage abreisen wollte, um zur rechten Zeit in Mungenwall einzutreffen, den gastfreundlichen Aellmar unter vier Augen zu sprechen.
Es gelang ihm.
Sechstes Kapitel.
Aufklärungen.
Der Graf und sein Wirth entfernten sich von dem alten Leedri und seiner Tochter, begaben sich in den naheliegenden Garten, wanderten hier die sandigten Gänge, Arm in Arm, in wichtigen Gesprächen versenkt, einige Viertelstunden auf und nieder, giengen dann, um desto unbelauschter zu sein, in ein nettes, bequemes Gartenhäuschen, lagerten sich da auf ein Sofa, und sezten ihre Unterhaltung fort.