„Wie wunderbar das Verhängnis mit uns spielt!“ — dachte er bei sich: „wie hätt’ ich je glauben sollen, daß ich einmal in diesem Walde um Mitternacht liegen würde, Abentheuern entgegen zu gehn? — Sollte man nicht beinahe des Menschen freien Willen für ein Selbstgespinst seiner Fantasie halten? Ich kam an den Hof eines Fürsten, wurde sein Vertrauter. Seine Schwester war zu schön, daß ich nicht Liebe für sie hätte empfinden sollen und Sie liebte mich wieder. Eine glükliche Nacht war die Quelle vieler Unglüksfälle. Ich würde verloren gewesen sein, hätte mich nicht die Güte unbekannter Männer erhalten; ich wäre nicht durch diese so glüklich gewesen, hätte ein Ungewitter und ein rother Mantel nicht Holdern mit meinem Onkel verbunden. Ich stand dem Tode nahe, wurde gerettet — war dies nicht vielleicht nur Plan der schwarzen Brüder? — Ungewiß über mein künftiges Leben schweif ich umher. Ich komme in ein Dorf; der heitre Morgen reizt mich in die Kirche zu gehn, und dieser Gang ist eine neue Ursach von tausend angenehmen und widrigen Empfindungen. Könnte der Geist des Menschen die Folgen jeder, auch der kleinsten, That überschaun, würd’ er wohl je Thorheiten begehn?“

Florentin hörte jezt den Fußtritt eines Wandelnden durch das stille Gebüsch hallen. Er horchte; es kam näher. Ein Mensch wie ihn Holder beschrieben hatte, gieng die Landstraße nach Mungenwall; einen Bündel dürrer Reiser auf dem Rükken, eine Axt unterm linken Arm tragend. Es war hell genug einander, wiewohl nur schwach, wahrzunehmen. Florentin wußte, was jezt geschehn würde.

Der Fremde gieng hart an ihm vorüber, ward seiner gewahr und sprach: „Seid gegrüßt!“

„Gott dank Euch, Hugo!“ antwortete der Graf und lauschte.

„„Es ist kalt, und nicht mehr weit von Mungenwall, warum verweilet Ihr am Wege hier?““

„Ich sizze zum Feste der Schwarzen.“

„„Gut! gut! ich verstehe!““ erwiederte der Holzträger, gieng an das steinerne Kreuz und schlug mit dem Rükken der Axt dreimahl mit solcher Energie wider das Kruzifix, als wollt’ ers mit jedem Schlage zermalmen. —

„Was bedeutet dies?“ fragte Florentin, indem er aufstand.

„„Man soll uns erwarten und verstehn wie wir uns erwartet und verstanden haben. Folgt mir!““

Der seltsame Holzträger wanderte frisch voran, Florentin ihm nach. Sie giengen einen wenig betretenen Fußsteig rechts ins Gehölz hinein, verloren denselben, drangen durch Buschwerke, sprangen über Graben, giengen neue Wege, verloren sie wieder, bis sie nach anderthalb Viertelstunden vor einem Hause standen, wo man eben niemanden zu erwarten, sondern wo vielmehr alles ausgestorben zu sein schien. Der Holzträger klopfte dreimahl an. Es wurde aufgethan.