Zweites Kapitel.
Der Landesvater mit seinen Landeskindern.

Am folgenden Tage war es schon früh in den Straßen von Kanella lebhaft. Soldaten und Bürger, Männer und Weiber, Hohe und Niedrige rannten durcheinander, sagten sich das Lebewohl, wünschten sich das baldige Wiedersehn. Die Rosse schnoben, die Fahnen und Standarten wehten, die Waffen klirrten, die Trommeln wurden gerührt, man sties in die Trompeten, die Compagnien stellten sich, alles zog sich auf dem großen St. Dominikusplaz zusammen.

Es war ein rührendes Schauspiel anzusehn, wie sie da standen die Greise, Männer und Jünglinge unter ihren Waffen. Verzweiflung und Schmerz malte sich in ihren Mienen — ein gebrochnes Jammergetön durchdrang die Luft — keiner aber sprach. Die Männer, welche vorübergingen, riefen ihnen ein banges: „Gott mit euch!“ zu und verbargen die heimlichen Thränen, welche sich aus ihren Augen stahlen. Aber die Krieger verbissen ihren Schmerz — still lächelten sie und drükten einander wehmüthig die Hände.

Mit einemmahle sahe man einen langen Zug von Weibern dem Dominikusplaz entgegen wanken; jedes beinahe führte ein Kind an der Hand. Es waren die Weiber und Kinder der scheidenden Krieger. — Diese sahen sich, vom Anblik dieser Szene durchbohrt, an, jedem zitterte eine Thräne vom männlichen Auge und jeder nahm vom Weibe und Kinde den lezten Abschied. „Lebet wohl, mein Vater!“ riefen die unmündigen Kleinen. — „Lebet wohl!“ lallte ein weinender Greis und stämmte sich auf seine Flinte: „lebet wohl, ihr kleinen Engel!“

Die Weiber umschlangen ihre Gatten, stammelten ihnen tausend heiße Wünsche, und jeder Wunsch wurde von einer Flut von Thränen und Küssen erstikt.

„Gott ziehe mit dir, mein Einziger!“ rief ein junges Mädchen und sank ohnmächtig an den Hals des geliebten Jünglings, und der Jüngling erwiederte: „Tröste dich unser Gott, meine Traute, wenn ich nicht heimkomme! In der Ewigkeit sehn wir uns wieder!“

„Ja in der Ewigkeit sehen wir uns wieder und da soll Gott der Gerechte richten!“ heulten einige Weiber, und der Jammer ward allgemein.

Plözlich schwieg alles; Todesschauer faßte jeden und jede, denn es hieß: „Moriz kömmt! Moriz kömmt!“

Der Prinz kam wirklich von einigen seiner Offizieren begleitet zu Pferde herbeigesprengt.

„Allons, weg Weiber und Mezzen von den Soldaten; Memmen sinds ohnedem!“ rief er.