Das Volk stürzte zusammen; der Lärmen ward grösser, zwölf junge Edelleute, verwandt und unverwandt mit dem Hause Borsellinos, umringten den Greis, ihn gegen Gewaltthätigkeiten zu beschirmen.
Die Wache kam. Moriz befahl Borsellino’n zu ergreifen und wegzuführen. Die zwölf Kanellischen Edeln baten für ihn, umsonst. Sie drohten; Moriz wurde wüthend.
Der neugierige Pöbel sammelte sich näher; einige im Volle schrieen: „Borsellino darf nicht angetastet werden, er ist der Senatoren einer!“ und plötzlich riefen mehrere Stimmen: „Wehe, wehe dem, der den braven Bürger Kanellas mishandelt!“ und so grif der Tumult um sich, der Pöbel lärmte, alles schrie: „Bürgerrechte werden zertreten! steht Borsellino’n bei! wer thut ihm Gewalt?“
Moriz sas etliche Minuten durch dies ungewohnte Schauspiel versteinert da auf seinem Rosse; seine Lebensgeister waren entflohen, aber bald kehrten sie wieder bei ihm ein und wie es schien in Furien umgewandelt. Er rollte die Augen fürchterlich umher, knirschte laut mit den Zähnen, schäumte, sties gräsliche Flüche wider die Kanelleser aus und kommandirte das nächststehende Regiment die Gewehre scharf zu laden und auf seinen Wink unter das Volk zu feuern.
Beinahe der ganze Adel von Kanella, welcher ausser dem Hofe lebte, war jezt herbeigeeilt, Morizens Befehl wirkte anfangs allgemeine Bestürzung und Stille. Aber diese Stille verwandelte sich bald wieder in leises Flüstern und Murren, das Geflüster in lauteres Murmeln, das Murmeln wurde stärker und stärker und endlich das vorige Schreien und Toben.
Der alte Borsellino inzwischen glich einem Rasenden. Er hörte Morizens Kommando die Gewehre zu laden und Feuer zu geben; dies sezte ihn ausser sich, er war seiner nicht Mann, zog den Degen, und versuchte sich durch den Haufen der Edelleute zu drängen. „Ungeheuer!“ rief er mit glühendem Gesicht: „Ungeheuer! ists erhört, das Blut der Bürger von Kanella zu vergießen? — Ungeheuer, wag es, einen Schuß wage! He! will das unser Landesherr? — Ungeheuer, wird das Piedro wollen?“ —
Man bemühte sich den jähzornigen Borsellino zu überlärmen, zu besänftigen, aber er ruhte nicht. „Laßt mich hin zu ihm, laßt mich! Bürgerblut will er vergießen — hört ihrs denn nicht? Ists nicht genug, daß man uns zu Sklaven machen will, zum Viehe sollen wir noch herabgewürdigt werden, das man morden darf, nach Herzenslust! — Laßt mich, laßt mich! — Heda, verdammter Fremdling, mit dem Leben der Kanelleser willst du spielen? ho! ho! — Bürgerblut! Bürgerblut! — Männer von Kanella ihr schweigt? — ho! hindurch!“
Der Prinz sah den schnaubenden Borsellino, hörte seine Worte, hörte des Volkes verwirrtes Geschrei, aber fühlte nicht, daß er es gewesen sei, der den schlummernden Funken des allgemeinen Unwillens zur lodernden Flamme angeblasen hatte — und wurde ob dieser unerhörten Vermessenheit eines Kanellesischen von Adel dreimahl wilder, als zuvor. Sein Gefolge stämmte sich ihm entgegen, aber Zwang empört den Zorn, stillt ihn nicht.
Es war ein entsezlicher Anblik, die beiden Wüthenden gegen über, jeder von den seinigen umringt und zurükgehalten. Aber unmöglich konnte man Borsellino’n länger widerstehn, er, in dem die Wuth Riesenstärke und Feuer der Jugend ausgegossen hatte. Er stürmte hervor und sties blindlings das gezukte Schwerd bis an den Heft dem Rosse des Prinzen in den Leib, und in eben den Augenblik stürzte Morizens Klinge auf Borsellinos Schädel herab.
„Gebt Feuer!“ schrie der Prinz, indem sein Pferd unter ihm sank: „Feuer auf die Hunde!“ und von verschiedenen Seiten fielen — einzelne Schüsse.