„Eben ihre Talente, Schiksale und Launen sind es, deren wir uns bedienen, sie an uns zu ziehn, und festzuhalten!“ erwiederte der Redner: „Denket an Euch! Holder ließ Euch einen Traum von zween Tagen träumen; ein Schlaftrunk brachte Euch in unsere Gewalt; berauschende Getränke schlossen uns Euern Karakter ganz auf; wir gaben Euch durch mancherlei Maschienerien diejenige Seelenstimmung, welche wir wollten; wir enthüllten Euch, so viel Ihr anfangs wissen dürftet, um lüstern nach mehrern Offenbarungen zu werden. Euer Traum war vorbei. Wir beobachteten Euch nach demselben; Ihr gewannet unsern Beifall, Euer Schiksal an Adolfs Hofe machte Euch ganz zu unserm Eigenthum. Jezt seid Ihr unser, so wie wir Euer, Ihr werdet gern zur Ausführung unsrer wohlthätigen Absichten für die Menschheit stimmen, wenn Ihr anders das Biederherz in der That besizzet, welches Ihr zu besizzen durch mehr, als eine, Handlung zu verrathen gabet. — Und so, Vinzenz, wie Ihr, auch tausende. Glaubt mir, es ist nichts leichter, als Menschen zu erobern und an Entwürfe festzuschmieden, wenn man ihr Temperament zur Kette für sie macht!

Florentin. Aber wie mag nun dieser ungeheure Koloß zur Bewerkstelligung einer einzigen großen Absicht hingeleitet werden? Sollten nie Uneinigkeiten unter Euch herrschen? sollte in Eurem Bunde das Sprüchwort zum erstenmahle lügen: viel Köpfe, viel Sinne?

Redner. Uneinigkeiten sind nach der Einrichtung unsere Bundes unmöglich. Die weisesten, edelsten, leidenschaftslosesten Männer machen das kleine Corps unserer Obern aus — und wo die Leidenschaft schweigt, findet sich das Gute und die Wahrheit bald. Sodann gehn die Befehle von dem Munde der Regenten an die einzelnen Bündner, und zwar so, daß jeder Kopf etwas seinem Sinne behagliches zur Ausführung empfängt. Jeder Befehl ist weiter nichts, als die besondre Aufmunterung zu einer jezt vorzüglich nothwendigen guten That. Jeder Kopf wirkt nun nach seinem Sinn wie wir es wünschen im Staatsrathe, in dem Sinedrio, in Parlamenten, in Reichsversammlungen, Landtägen, Kirchen, Schulen, Schriften, Schauspielen — kurz von allen Seiten her wirkt alles nun nach einem Mittelpunkt hin. —

Florentin. (begeistert) Man sagt in der gewöhnlichen Welt; der Flug des menschlichen Geistes sei in unsern Tagen kühn und erhaben, aber, bei Gott, hier däucht mir jede große That, wie Knabentändelei gegen das Werk eines Riesen.

Redner. Ihr scheint außer Euch zu sein, Vinzenz, schon berauscht zu sein vom ersten flüchtigen Abschlürfen des Bechers, welchen wir Euch reichen — wie wird es werden, wenn Ihr ihn ganz auszuleeren Erlaubnis und Macht empfanget?

Florentin. Also harrt meiner noch eine Zeit, welche viel grössere Geheimnisse abschleiern kann?

Redner. Wohl harrt sie Eurer!

Florentin. Ihr stürzt mich von einem Erstaunen ins andre; ich komme nicht zu mir selber.

Redner. Glaubet mir, Bruder, daß zwischen Erd und Himmel noch Wahrheiten und Möglichkeiten im geheimnisvollen Dunkel wohnen, noch Sinne für gewisse Dinge vorhanden sind, von welchen der großen Schaar hochgelahrter Akademisten und Stubengelehrten noch nicht die flüchtigste Muthmaaßung angeschwebt ist! — Doch vor izt habet Ihr genug erfahren; große Handlungen bahnen Euch den Weg zu erhabnern Einsichten. Amen!

Florentins Bestürzung läßt sich unmöglich beschreiben. Man hörte auf zu ihm allein zu reden, sondern die Unterhandlung wurde wie vorher, gemeinschaftlicher, lebhafter. Nur Florentin, mit unter einander geschlagnen Armen, in tiefer Betrachtung herabgesenktem Haupte, stand unbeweglich da auf seiner Stelle, und achtete nicht auf das, was um ihn her vorging.