Florentin. (stark) Ich bleibe, bin Euer Bruder.
Greis. Du hast gewählt, von nun an ist jeder Rüktritt unmöglich. Du bist und bleibest unser im Guten und Widrigen; nie werden wir dich verlassen, aber nie wirst du auch, als Verräther, unserm Arm entwischen können, es sei denn, durch die Pforten des Todes. Hörst du, du bist unser! ganz unser! zerbrochen hast du jezt alle Ketten, die dich an andre Verhältnisse binden, — sei treu, Vinzenz, um deiner Wohlfarth willen, sei treu! Und bist du in der Treue bewährt — dann mache Ansprüche auf unsere Vergeltung deiner Thaten. Und vergelten wollen wir, so wahr Gott allgegenwärtig ist, der unser Versprechen hört, und den Bruch desselben rüge in Zeit und Ewigkeit! — Auch träume nicht, Vinzenz, schon jezt die höchste Stufe in unserm Orden erstiegen zu haben, dahin erheben dich erst Verdienste. Doch so viel du als Bundesglied erfahren darfst in deinem Range, wollen wir dir nicht verheelen.
Der Greis winkte. Einer der schwarzen Brüder trat hervor, wandte sich zum Grafen und redete also:
„Unser Bruder! treue Freundschaft ist die Quelle unsers Glüks. Disharmonie zerstört Staaten. Dies war von jeher der Grund, auf welchen alle Systeme irrdischer Glükseeligkeit erbaut wurden. Banditen und Räuber verbanden sich mit einander auf die Ruinen fremden Glüks das ihrige zu gründen. Aberglaube und Schwärmerei verbrüderten sich auf das Elend der Zeitgenossen das große Gebäude einer allgemeinen Hierarchie zu errichten — warum sollten sich nun nicht auch brave Männer mit denkenden Köpfen vereingen, dem allgemeinen Unwesen, welches die Menschheit unter tausenderlei Verkappungen verheert und elend macht, entgegen — zu arbeiten? — Soll ich Euch das menschliche Elend in seiner ganzen, schauerlichen Größe malen? soll ich Euch die mancherlei Klassen öffentlicher und heimlicher Bösewichter vom Thron herab bis zum Bettler durch alle Stände schildern? — Fordert Ihrs; so trage ich Mitleid mit Eurer wenigen Kenntniß der Welt, und Eurer Stubenweisheit; Ihr wärt kein Mann für uns.“
„Nur Leute vom erprobtesten guten Herzen und gutem Kopfe werden in unsern Bund aufgenommen, und diese befördern wir nach allen Kräften zu den vorzüglichern Aemtern des Staats, damit sie für ihr Herz und ihren Kopf den ausgebreitetsten Wirkungskreis auf das Wohl des Ganzen erhalten. Der Staat gewinnt dadurch Männer in seine Aemter, wie sie sein sollten; Dummköpfe, die durch Geld, Familienansehen oder andre Schleichwege nach glänzenden Posten trachten, werden zurükgedrängt. Und finden wir einen herrlichen Mann auf dem Wege zu solchem Amte; so helfen wir ihm selber empor, und ist er noch der schwarzen Brüder keiner, so wird ers dann jedesmahl. — Daher kömmts, daß wir jeden schäzbaren Mann, er lebe im Staate wo und in Dunkelheit gehüllt, wie er wolle, auf unsrer Liste führen und bei Gelegenheit hervorziehn. Auch geringere Leute stehn in unsern Sold, an uns gekettet durch die festesten Banden, und dieß sind unsre Spione, nothwendige Helfershelfer — sie wissen nichts von dem, was unter uns Höhern vorgeht, und erscheinen seltner in unsern Synoden.“
„Ungeachtet aber wir einander selber unser zeitliches Wohl befördern: so sind Menschen doch immer Menschen, oft von schwachen Grundsäzzen, oder voll unglaublicher Verstellung. Verschwiegenheit und Treue zu beobachten werden die Novizen mit einem Eide verpflichtet. Wen Wort und Versprechen nicht mehr bindet, verdient nicht Mitglied im Orden der redlichen Menschheit, geschweige in unserm Bunde, zu sein. Doch wollte ein solcher auch nachtheilig für uns werden, uns verrathen: so wird er doch nur Kleinigkeiten auszuschwazzen wissen, denn er kennet wenige Mitglieder, von den meisten nur den angetauften Ordensnamen der Bündner und Städte. Das Noviziat dauert nach Beschaffenheit der Verhältnisse länger oder kürzer — Treue, Eifer und große Thaten weihen erst zum Anschaun tieferer Misterien ein. Wehe aber dem Verräther! unmittelbare Strafe folgt ihm auf dem Fuße nach, die um so furchtbarer ist, je ausgedehnter die Macht des Bundes, je unsichtbarer die Rächer sind!“
„Von Seiten der Verrätherei haben wir also wenig nur zu befürchten. Jezt hört mehr! Ihr seid künftighin verbunden, wie jedes andre Glied unsrer Kette vierteljährige Nachrichten von Euern Plänen, Thaten, Familienumständen, Veränderungen des Aufenthalts, neuen Bekanntschaften u. s. f. ohne Heuchelei und Trug an den Ordensregenten Eurer Provinz einzuliefern, das heißt, der Ordensprovinz, in welcher Ihr Euch befindet. Die Regenten haben unter sich wiederum einen Obern, der uns allen unbekannt ist, die wir nie auf dem Regentenstuhle saßen. An diesen Obern fließen die merkwürdigsten Gegenstände aus der Geschichte des Bundes in Auszügen von den Regenten aus ihren Provinzialmemoiren geliefert. Dieser Obere überblikt das Ganze; unbekannt wirkt er auf alle; theilt den Regenten Entschlüsse mit; formt Staaten um und hat Kunde von den Kabinettsgeheimnissen aller Mächte in Norden, Süden, Westen und Osten, — wo denn ein Federzug von ihm, sobald es der Menschheit heilsam ist, Kriege, Aufrühre, Staatsumwälzungen und Friedensschlüsse verursacht. Er ist ein Gott, welcher über die Fürsten dieser Welt durch die ausgebreitetste, fein- und festgewebteste, ehrwürdigste Verbindung der besten Köpfe und Karaktere jedes Reichs, erhaben steht; welcher Potentaten lenkt am unsichtbaren Faden seiner Macht; ihnen beglükende Pläne zuspielt, oder schlechte zerreißt. Ihr staunet? — Ha, Vinzenz, es ist schmeichelhaft, die Laienwelt unvermerkt hinzudrängen zum Ziele alles Strebens, zum allgemeinen Wohl! — Es ist schmeichelhaft, mit seinen Augen die Zukunft guten Theils schon jezt durchschauen zu können; Entwürfe in unsern Archiven zu erblikken, welche diesem oder jenem Monarchen vorgeschrieben wurden, die er ausführte oder noch vollenden soll. Noch ists nicht die Zeit, aber einst wird sie tagen, wo wir Urkunden über die Motive mancher ehmaligen Begebenheiten ausstellen, und die neuere Geschichte der Welt fürchterlich reformiren werden. Wer, meint Ihr, Vinzenz wars, der die Jesuiten entthronte? wer, der die Befreiung Nordamerikas beschlos und vollenden half? wer, durch dessen Arm Künste und Wissenschaften in die nördlichern unkultivirten Gegenden des Erdbodens verpflanzte? wer, der den Geist des Freidenkens und Aufklärens über Deutschland ausgoß? — O, könnte mancher Todte, dürfte mancher Lebende, von dem man es am wenigsten erwarten sollte, reden! — Vinzenz — doch ich schweige! Aber, wer Ohren hat zu hören, der höre! wer Augen hat zu sehen, der sehe nun! — Es kann noch kein Jahrhundert verfließen: so wird man nie geträumte Verwandlungen in den Staatsverhältnissen Europens wahrnehmen; Kanella, Holland, Brabant, Frankreich, Pohlen, Ost- und Westindien werden unter den Händen der schwarzen Brüder neue, dem menschlichen Geschlechte wohlthätige Formen gewinnen. — Ihr zweifelt?“
„„Ich erstaune!““ rief Bruder Vinzenz, und schlug die Hände zusammen.
„Wenn Ihr wißt, daß wir aus unsrer Mitte die Männer liefern, welche die interessantesten Rollen im Staate zu spielen haben; die Räthe zum christlichen Ministerio, Konsisiorio, Militair, Schulwesen, und so liefern; wißt, daß Schriftsteller, Hofleute, Aerzte, Bischöffe, Lehrer, Prinzenerzieher, Buchhändler, Kapitalisten, Kriegsleute, Schauspieler unsre Genossen sind, die eine Kette in vielen aneinanderhängenden Gliedern ausmachen, so denke ich, werdet Ihr nicht mehr zum Erstaunen Ursach haben.“
„„Aber wie,““ entgegnete bestürzter, als je, der Graf: „„wie ists möglich, daß Männer von so verschiednen Talenten und Launen für den schwarzen Bruderbund gewonnen, festgehalten, und an einem Ziele hingestimmt werden können?““