Fremder. Kanella’s.

Florentin. Verstehst du kein andres Gewerbe, als Menschen anzufallen?

Fremder: (mit großer Eßlust die dargebotnen Speisen verschlingend) Ich habe Hunger.

Der Graf lächelte über die Sonderbarkeit des Menschen, welcher ihm seine unzeitigen Fragen so trokken verwies, lies ihn sich sättigen und fuhr in seiner Unterredung fort mit ihm.

„Ich war ehmahls,“ erzählte der Kanelleser: „ich war ehmals ein Bürger, in einer von den Vorstädten Kanellas ansässig, hatte mein Haus und Gut und ein herrliches Mädchen zur Braut. Die vielen und ewigen Abgaben brachten mich zurük, ich verlor dadurch einen ansehnlichen Theil meines Vermögens; ein Kammerdiener des Fürsten verführte meine Verlobte, — sie wurde schwanger, und ich bei der ersten Nachricht davon rasend. Der Schurke, welcher mir meine Ladda geschändet hatte, kam mir einst auf der Straße entgegen; jach fuhr ich mit der Hand in die Tasche, riß ein Messer hervor, und schnitt dem Buben den Anfangsbuchstaben, meiner Ladda ins Gesicht. Ich wurde gefänglich eingezogen, mein Vermögen verprocessirt, und ich nach jahrlangem Gefängnis, als ein Bettler, entlassen. So wollten mich meine Verwandte nicht mehr kennen, — was sollt ich thun, um nicht vor ihren Thüren betteln zu gehn? — ich verlies das heillose Kanella, siedelte mich hier in der Nachbarschaft an, wo ich nun vom Vogelfangen, Quirlschneiden und Korbmachen lebte. Ein kümmerliches Leben, — oft fehlt’ mirs trokne Brod, und dann bettl’ ich. Heut bettelte ich, bekam nichts, und um nicht Hunger zu sterben, mußt ich Gewalt drohen. Das ist meine Geschichte und mein Name Dulli.“ —

Der edle Duur mit seinen Dienern hörten mitleidig die Geschichte des Unglüklichen an; jeder von ihnen zog die Geldbörse hervor und jeder gab, so viel er geben konnte.

„Ho!“ rief Dulli: „was fehlt mir nun noch? womit soll ich danken?“

Florentin. Daß du uns den nächsten Weg zum bequemsten Wirthshause zeigest.

Dulli. Wenn Ihr nicht die Nacht hindurch traben wollet; so werdet Ihr ausser einigen elenden Dörfern 3 Meilen in der Runde nichts Gutes finden. Doch, still, behagts Euch, so nehmt bei mir Herberge in meiner Einsiedelei. Eßlust soll Euch da die Speisen würzen, Müdigkeit und eine weiche Streu Euern Schlaf. Für die Pferde ist Grasung noch vorhanden, und für Eure Unterhaltung meine Person und die lustige Thalgegend.

Florentin nahm nach einigem Bedenken das Anerbieten an; man sezte sich zu Pferde und folgte dem Eremiten zu seiner Eremitage nach, die in der That angenehm umgegnet war, wenn mir der Ausdruk erlaubt ist.