„Ein deutscher Graf, genannt Florentin von Duur, der Geschäfte am Hofe Piedros hat, werth ist Euer Freund zu sein und vielleicht Eure und Eures Vaters Schmach rächt.“
Borsellino und die übrigen hörten nicht sobald Piedros interessante Worte, als sie sich unserm Grafen näherten, ihn begrüßten, sich in Unterredung mit ihm einließen und ihn liebgewannen.
„Ich dächte,“ sagte der alte Eo: „wir träten auf ein paar Augenblikke in jenes Haus. Bei einem Glase Wein ließe sich so manches verhandeln, und Ihr, Graf Fiorentino, ob wir gleich mit Euerm Herzen noch gar wenig vertraut sind, Ihr dürftet es vielleicht nicht bereuen, uns kennen gelernt zu haben.“
Alle stimmten dem Landesverwiesnen Eo bei, und Florentin willigte ein.
Gewiß gereuete dem Grafen dieser Gang nicht, so wenig derselbe für ihn auch anfangs bedeutend schien; denn nicht genug, daß er hier eine kleine Anzahl merkwürdiger Männer kennen lernte, welche auch selber in ihrem Exil auf Kanella’s Wohl und Weh Einflus haben konnten; nicht genug, daß er die Lage dieses verunglükten Staats von ganz neuen Seiten zu betrachten Gelegenheit hatte; nicht genug, daß er schon das Volk zu einer großen Regimentsumwälzung vorbereitet fand, und daß allen Entwürfen zu derselben bisher nur feinere Politur, Reife, und Abwartung eines Zeitpunktes gemangelt hatte, um sie mit Glük auszuführen: so lernte er jezt auch einen für die Folge wichtigen Menschen kennen — nämlich einen adlichen Kanelleser, Borghemo.
Borghemo, welcher nicht selber Exulant war, sondern nur die verwiesnen Freunde begleitete, wußte durch sein Aeusseres einem jeden zu gefallen. Er war ein schöner, junger Mann; stark gebaut und nervigt, wie ein Herkules; war der Stolz des Kanellesischen Adels, der Liebling der meisten Damen. — Borghemo wäre vielleicht allein im Stande gewesen mit seinem Kopf eine Revoluzion zu bewirken, Piedros Minen wider ihn selber aufzusprengen, und den fürstlichen Bösewicht mitten unter seinen Schaarwachen zu züchtigen, hätte nicht dieses Halbmuster männlicher Vollkommenheit durch einen eben so vortreflichen als verhaßten Karakter sich selber und seinem Vaterlande geschadet. Stolz war der Grundzug desselben; nur diesem ein Opfer zu bringen, war er heut ein Engel, morgen ein Teufel; liebte er heute, haßte er morgen. Die sprödesten Vestalinnen waren das Ziel seiner Eroberungen, die Gefahr hieß seine Favorite, Tugend und Laster waren seine Bediente.
Sehr natürlich, daß dieser Mann unserm Grafen auffiel, daß er sich vorzüglich mit ihm unterredete, und um seine Freundschaft buhlte.
„Fiorentino!“ rief Borghemo und zog ihn mit sich zum Zimmer hinaus, durch den Hausgarten in ein dicht daran stoßendes Gebüsch.
„Fiorentino, seid wer Ihr wollt, treibt mit unserm Afterfürsten Geschäfte, welche Ihr wollt — Ihr seid ein Deutscher und das ist genug für mich. Ich kann mich unmöglich überreden, daß Ihr ein Schurke seid, nicht mein Freund werden werdet. Hört mich an! — Ihr habt jezt den wakkern Eo, den jungen Borsellino gesehn, und die andern, welche heut über die Gränze wandern werden. Sie zettelten, Kanella von einem Ungeheuer zu erlösen, eine Konspirazion unter sich an, die mehr ihrem unternehmenden Geiste, als ihrer Ueberlegung Ehre macht, denn sie wurden verrathen in einer ihrer Zusammenkünfte sämmtlich aufgehoben, als Staatsverräther und Rebellen angeklagt, und, weil sie hartnäkkig läugneten, aus lauter Gnaden von Piedro, Moriz und Konsorten nur aus dem Kanellesischen Gebiete verwiesen. — Aber, bei Gott, sie werden dort nicht müssig Piedros Tyranneien zuschaun, und ich nicht müssig in Kanella umherwandern. Ich — ich sezze das begonnene Werk fort! Sagts dem Piedro und seinen Orakeln wieder, ich stürze ihn, oder er mich! — Seid ihr mein Freund? — redet! redet, hat mich Euer Vaterland und Euer Gesicht belogen?“
„„Ich hoff es nicht!““ erwiederte Florentin.