Aber unsre Wandrer entdeckten auch auf ihrer ganzen Reise kein Dorf, in welchem der Leib- und Seelenarzt nicht der Liebling, der Allgemeinverehrte war; wo nicht mit Freundlichkeit und kindlichen Vertrauen sich ihm jechlicher nahte. Mit welchem Gefühl mußte so ein Mann auf der Kanzel stehn, wenn er die um sich versammelt sah, welche ihm oft die Rettung des Lebens, oft die Rettung der Seele zu danken hatten!

„Ja, meine Herrn,“ sagte einstmals ein Landgeistlicher im Gefühl seines Werths zu unsern Abentheurern: „ich gesteh es gern, daß der Stand, in welchem ich lebe, ein beneidenswürdiges Glück mit sich führt für jedes gute Herz. Wer in der Welt kann sich der Freude rühmen, so täglich mit eignen Augen die Saat reifen zu sehn, welche er auswarf? Meine Gemeinde ist meine Familie; ich bin ihr Vater, ihr Vertrauter zu dem sie in Verlegenheit flieht, der Schöpfer ihres guten Herzens, der Beschirmer ihrer Gesundheit.“

„Ein schönes Loos!“ rief Florentin: „vorzeiten wars nicht so. Da mußte der Landgeistliche hebräisch und grichisch verstehn; man hätte ihn ausgelacht, wenn er statt dessen seine medicinischen Kenntnisse zeigen wollte.“

„Das war vorzeiten! Gott seys gedankt, wir leben in einem vernünftigern Jahrhundert, wo die Lehrer des Volks den ersten Lehrern des Christenthums ähnlicher werden. Waren nicht auch Christus und die meisten seiner Apostel Leib- und Seelenärzte? — So lange man in den Kirchen noch hölzerne Kelche besaß, hatte man noch goldene Priester; seitdem die Christen sich goldner Kelche freuten, hatten sie hölzerne Priester. — Sehn Sie, es wäre ja traurig wenn mir uns nicht endlich wieder über das barbarische Alterthum emporschwingen wollten.“

Nicht genug, sich nur mit den Honoratioren in den Dörfern vertrauter zu machen, besuchte Florentin auch die glücklichen Landleute in ihren Wohnungen. — Ueberall ward er mit Höflichkeit und patriarchalischer Gastfreundschaft empfangen; niemand fragte auch nur mit einem scheelen Blick: wer bist du? was willst du? — Selbst der Aermste sezte ihm ein reinliches Butterbrod, ein klares Glas Wassers vor.

„Gott! welch ein herrliches Volk ist das!“ rief Duur mehr, als einmal: „und Du, Josselin, kannst da so ruhig, so gefühllos stehn, — auch nicht einmal eine Spur von Freude äussern?“

„Ich sehe nicht ein, warum ich immer, wie Du, den Entzückten spielen soll?“ entgegnete Josselin: „ists denn so was Wunderbares, daß der Bauer kein Vieh, sondern ein Mensch ist?“

Einigemal hatten unsre Pilger das Vergnügen, einem Bauernexamen beizuwohnen, einer Sitte, welche Josselinen selbst neu war, weil sie erst auf landesherrlichen Befehl seit Kurzem eingeführt war.

Jeder Bauer nämlich, welcher sich in einem Dorfe häuslich niederlassen, oder sich verheurathen wollte, mußte sich vorher einer gewissen Prüfung unterwerfen, die der Prediger und der Oberbauer des Dorfes führten. Er mußte beweisen, daß er Kenntnisse genug habe, um ein guter Mensch, ein guter Unterthan, ein guter Gatte, ein guter Landmann zu seyn.

Diese Kenntnisse konnten leicht erworben werden, theils durch den Schulunterricht, theils durch das Lesen nützlicher Bücher, welche für den Landmann geschrieben waren.