„Was? einen Schein des Rechts? willst Du mir von Deinem Jahrhundert Märchen aufbinden? einen Schein des Rechts Menschen für sich, die ihre Mitmenschen statt des Lastviehs gebrauchten und sie nothdürftig dafür mit Kartoffeln und Lumpen bezahlten?“

„Warum nicht? die Gutsbesitzer beriefen sich zum Beispiel auf alte Verträge, und sagten: unsre Vorfahren luden vorzeiten diesen und jenen ein, ihr Land zu bauen. Dafür wollten sie eine Hütte, und soviel Acker geben, daß man sich davon nähren konnte. Der Vertrag war geschlossen, und erbte auf Kinder und Kindeslinder fort. Daher schwelgte der Gutsbesitzer immer in Ueberfluß und sein armer Unterthan mußte sich bei Wasser und Brodrinden quid iuris lehren lassen, wenn es ihm zur unrechten Zeit beifiel, daß er doch auch ein Mensch sey. Ja, der Gutsbesitzer ließ sich wohl gar noch einen Menschenfreund und Wohlthäter schelten, wenn er bei schlechten Erndten seinen armen Unterthanen aushalf, damit sie nicht — verhungerten. Im Grunde that er ihnen nicht mehr Gutes, als seinem Vieh, welches er füttern mußte, wenn er seine Felder in der Zukunft damit bestellen wollte.“

„Das ist traurig!“

„Wenn nun so ein armer Schelm vier saure Tage in der Woche für seinen Herrn, und einen, oder zwei für sich gearbeitet hatte, so war der siebente Tag — Ruhetag. Dann ging er in die Kirche, und ließ sich von seinem oft herzlich unwissenden Pfarrer etwas über die Leiden der Gerechten in diesem Jammerthal, oder einige Geheimnisse der Dogmatik vorpredigen. — Du kannst leicht denken, wie es da um die Bildung des Geistes und des Herzens der Bedauernswürdigen stand. Die wenigsten konnten lesen und schreiben.“

„Schändlich! und doch haben die Genossen jenes Zeitalters ihr Jahrhundert das philosophische nennen können?“

„Scherz! es gab damals noch Philosophen, die sogar in Barbara und Ferio bewiesen, daß es höchst schädlich seyn würde, dem größten Theil derselben vernünftige Begriffe beizubringen, behaupteten: der Landmann müsse in seiner dumpfen Unwissenheit gelassen werden; die Frohndienste wären das fruchtbarste Befördrungsmittel der ländlichen Industrie, besonders da man dann und wann fände, daß freie Bauern weit armer und lüderlicher wären, als die frohnenden.“

„Ich mag nichts weiter hören von der Barbarei Deiner Philosophen — so was kömmt mir in bösen Träumen wieder vor!“ rief Josselin bewegt: „so dank ich dem Schicksal, welches mich ein halbes Jahrtausend später in die Welt warf.“

Mit solchen Gesprächen verkürzten sich unsre Pilger den Weg. Josselin fühlte sich dann jedesmal einen Grad trauriger, Florentin einen Grad fröhlicher.

Sie kehrten unterwegs gewöhnlich bei den Pfarrern auf dem Lande ein, welche im Durchschnitt Männer von Kenntniß und Erfahrung waren, die so viel Gehalt besaßen, daß sie ohne Nahrungssorgen gemächlich leben und sich ihrem wichtigen Amte ganz widmen konnten.

Die Wichtigkeit ihres Amtes bestand aber nicht darin, daß sie ihre Catechismusschüler zu Papageichristen bildeten, sich magre Predigten und fette Aecker besorgten, auf Beichtgroschen lauschten oder in träger Muße ihre Tage gedankenlos hinhungerten: sondern sie waren die Sittenrichter, die Lehrer, die Seelenärzte ihrer Gemeinde, und ausserdem die leiblichen Aerzte derselben. Jeder Landprediger mußte Medicin studirt, und so gründlich studirt haben, daß er im Collegio medico der Hauptstadt reif befunden wurde. Dies gab den guten Pfarrern in ihren Bezirken einen doppelten Werth und doppeltes Verdienst. — Statt der Septuaginta, Concordanz und hebräischen Bibel fand man in ihren Zimmern ein Arzneischränkchen, welches auf Unkosten der Gemeinde immer im Stande gehalten ward.