Florentin lebte ganz auf; er vergaß beinah seines eignen Leidens über den Reichthum an Glückseligkeit, welchen sich vorzugsweise selbst der ärmste Landmann vor den Zeitgenossen des achtzehnten Jahrhunderts zu freuen hatte; er wünschte tausendmal, daß sein ehrwürdiger Oheim izt ihn unsichtbar begleiten, und die Wunderdinge dieses Zeitalters mit ihm betrachten möchte; er bildete sich ein, auf dem Boden einer idealischen Republik zu wandern.
Von allen Seiten her lachte von den schönbepflanzten Weinbergen, von den unermeßlichen Saatfeldern, von den schiffreichen Flüssen ihm Freude entgegen; wohin er sah, fand er die goldnen Spuren der dankbaren Industrie — und zwar das alles in einer Gegend des deutschen Vaterlandes, wo vor fünf Jahrhunderten noch kein Geist herrschte, wie er damals schon in der preussischen Monarchie sich regte.
Die Dörfer waren zierlich gebaut; sie glichen kleinen Städten. Auf den Gesichtern der Einwohner las man Zufriedenheit und Lust. Ländliche Einfalt und städtische Wohlhabenheit paarten sich freundlich in jedem Hause; wohin sie kamen, fanden sie, selbst in den Hütten der Armuth, einen großen Schatz — Reinlichkeit.
„Wie sich das alles so schön verändert hat!“ tief Duur in einer frohen Ekstase seinem Gefährten zu: „um wie viel glücklicher ist doch, bei allen ihren Mängeln, dennoch diese Nachwelt! — Zu meiner Zeit hätt’ ichs nicht einmal wagen mögen, in die Hütten armer Landleute zu treten. Ich glaube, die Gefängnisse sind izt Palläste gegen die meisten Dorfhütten des achtzehnten Jahrhunderts.“ —
„Nun wahrhaftig,“ entgegnete Josselin: „schilderst Du doch das Vaterland Deiner Zeit wie ein Kamschatka.“
„Es ist die Frage, ob ich daran Unrecht thäte? — Denke Dir einen Haufen unordentlich durch einander geworfner Hütten, als hätte sie ein Sturm zusammengeführt und ein Wirbelwind geordnet — diesen Haufen nannte man sonst ein Dorf. Denke Dir eine alte, kothige Cajütte, mit Schmuz austapeziert, mit einem Fenster, zwei Spannen lang und breit; ein niedriges, enges, dumpfes Gemach, worin drei Odemzüge die Luft verpesten konnten — dazu Kinder und Eltern im Schmuz erzogen, mit Schmuz bekleidet — und Du hast das anschauliche Bild von den meisten Bauerwohnungen jener Zeit.“
„Dann hast Du Recht. So sind unsre Kerker wahre Palläste.“
„Der Bauer meiner Zeit war in vielen Gegenden nichts mehr, als das nützlichste Vieh der Gutsherrschaft. Er mußte für die Ueppigkeiten seines Herrn im blutigen Schweiß seines Angesichts arbeiten, und hatte nichts — gar nichts davon, als einen kümmerlichen Unterhalt — Kartoffeln, und Lumpen.“
„Weil er mußte. Es kam freilich hin und wieder zu Aufständen und Tumulten; die Sklaven rüttelten an ihren Ketten, und foderten Entlassung von dem grausamen Frohndienst, der Ursach daran war, daß sie nie ihrer Tage froh, und ihrer Arbeit Früchte mächtig wurden — allein selten halfs. Die Edelleute und Gutsbesitzer hatten Geld, Gönner und einen Schein des Rechts.“