Duur. Freilich entdeck’ ich nicht, woher die Kosten zur Besoldung der Schulmeister, Prediger, Anschaffung der Bücher und dergleichen mehr gewonnen sind.
Josselin. Ich bin zu unbewandert in der speciellen Geschichte der Staaten und ihrer Finanzveränderungen, um Dir das Räthsel zu lösen. So viel aber weiß ich, unsre Fürsten füttern an ihren Höfen keine Ceremonienmeister, Hofmarschälle und Castraten mehr, wie sonst; sie vertheilen das ungeheure Gehalt solcher unnützen Staatsfiguranten, und befördern damit die Cultur ihrer Unterthanen.
Duur. (ihn anstarrend.) Bist Du — — — ach, verzeih, ich lebe ja im dreiundzwanzigsten Jahrhundert! — So ist wirklich also die Polizirung der obern und niedern Glieder des Staatskörpers in gleichen Verhältnissen gewachsen.
Josselin. Ei nun, die Welt wird ja mit jeder Periode älter, sollte sie nicht auch klüger werden? Man hat ja traurige Erfahrungen genug erlebt; sollte man sie nicht benutzen? Der Staat wurde schon von den alten Politikern mit dem menschlichen Körper verglichen, aber sie umfaßten den großen Sinn des schönen Vergleichs nicht. — Wenn der Kopf alles Blut aus dem Leibe an sich ziehn will: so entsteht aus diesem falschen Verhältniß gewöhnlich Schwindel und Ohnmacht; die Füße schwanken und versagen beim besten Willen den Dienst — ein Schlagfluß zerstört dann am Ende wohl die ganze Maschine. So ists mit dem Staat. Der regierende Stand ist das Haupt; Bauer und Bürger tragen und erhalten den Körper; das cirkulirende Geld ist das Blut. Das Haupt muß freilich verhältnißmäßig immer das meiste Blut, der regierende Stand den meisten Reichthum haben. Zerstört dieser aber die Ordnung der Natur, zieht er den Reichthum allein an sich, schmachtet der erwerbende und ernährende Stand in Armuth: so verlieren die Füße ihre Kraft, und der Körper stürzt unter dem falschen Verhältniß ohnmächtig nieder. — Eine Reihe schrecklicher Revolutionen hat endlich im Catechismus der Politiker mit blutiger Schrift das richtige Verhältniß der verzehrenden und ernährenden Volksklasse bestimmt.
Duur. Es ist traurig, daß die Menschen keine andre Lehren lieben können, als solche, die unter Donner und Blitz von Sinai herab gegeben, oder von der Erfahrung mit blutigem Finger geschrieben wurden.
Josselin. Das ist Menschenloos bis an der Welt Ende! Die Sterblichen gebrauchen die Vernunft, wie ihre Taschenuhren, mehr um mit den Berloken derselben zu glänzen und zu spielen, als sich nach ihrem Weiser zu richten. Daher sind die wenigsten Uhren aufgezogen, noch weniger richtig gestellt. Mit der menschlichen Vernunft stehts nicht besser.
Florentin seufzte tief auf.
Sie erreichten endlich eine ansehnliche Stadt, worin Florentin für seine Wißbegierde keine gemeine Nahrung zu finden hoffte.
„Zuerst ins Tollhaus!“ rief Josselin: „damit Du Dich von Deinem Entzücken über die Menschheit etwas erholest.“