Am folgenden Tage, als sie sich von den Ermüdungen der Reise etwas erholt hatten, wanderten sie wirklich, Josselins Vorschlag gemäß, den Behausungen des Elendes zu.

Abgesondert von der Stadt, auf einer Anhöhe lag, umgeben von hohen, unübersteiglichen Mauern, der Ort, welcher von den Einwohnern des Landes die Jammerburg genannt wurde — ein charakteristischer Name für das Aeussre und Innre dieser Stätte.

Der Weg führte über eine schmale Zugbrücke zum Eingang durch die Ringmauer. Ueber dem Thore lag, in Stein gehauen, der trauernde Genius der Menschheit, mit erloschner Fackel, die er an dem Altarfeuer, bei welchem die Tugend und Vernunft wachen, wieder anzünden zu wollen scheint. — Darunter stand die goldne Inschrift: Eingang zum Siechenhause des menschlichen Verstandes.

„Du darfst aber nicht glauben,“ sagte Josselin: „daß hier nur der Aufenthalt der Wahnsinnigen und Rasenden sey; nein, hier werden auch Verbrecher jeder Art aufbewahrt, die, abgesondert von der glücklichen Menschheit, ihre Sünden mit dem Verlust der Freiheit und bitter schwerer Arbeit büßen müssen. — Man rechnet also auch die unmoralischen Handlungen und Gesinnungen zu den Krankheiten des Verstandes.“

Der Aufseher der Jammerburg, ein dem Anscheine nach sehr menschenfreundlicher Mann, führte unsre Pilger, so lange sie wollten, durch alle Zimmer der Unglücklichen, die nach den verschiednen Arten ihrer Krankheiten in verschiednen Revieren wohnten.

Am auffallendsten waren unserm Duur zwei Erscheinungen, nämlich, das der größte Theil der Wahnwitzigen in der Jammerburg die Rolle der Philosophen spielte, und daß die meisten von denen, welche in theologische Narrheiten verfallen waren, entweder Schuster oder Mediciner gewesen.

Unter den philosophischen Narren zeichnete sich vorzüglich ein gewisses Faulthier aus, welches nichts anders that, als as und trank, schlief und träumte, und auch mit den größten Martern zu keiner nützlichen Arbeit bewogen werden konnte. Es war ein Mann in den besten Jahren, reich an Kenntnissen, aber ohne Gefühl für Ehr und Schande, für Tugend und Laster — und das sonderbarste von allem, er war, was er war, aus Grundsätzen.

Wenn er sich ja noch einer Beschäftigung unterzog, so war es die, zu schriftstellern, nicht aber damit der Welt, sondern nur der Ausbildung seines eignen Ichs zu nützen, wie er vorgab. Seine Gedanken waren schön gesagt, zusammengreifend, oft sehr scharfsinnig. Er duldete es auch, daß sie gedruckt wurden, aber bald duldete es die Landesregierung nicht mehr. Denn sein philosophisches System, welches er aus den Systemen des Idealismus und Salomonismus zusammengeflickt hatte, machte Proselyten, und ein Dutzend Narren mehr, von seinem Schlage.

Er bildete sich ein, daß er ein höheres Etwas, ein Lieblingswesen des unbekannten Welturhebers sey, welcher ihn dazu bestimmt habe, ihn zu sich und zur seligen Theilnahme an seinen Vollkommenheiten zu erheben. Zu diesem Zwecke führe das höchste Wesen ihn durch die Schule des Universums, um ihn zu der großen Stufe auszubilden, welche er dereinst betreten solle. Er behauptete, schon früher existirt zu haben, als auf dem Wandelstern, welchen wir Erde nennen; allein von dieser Präexistenz seines Ichs sey nur eine dumpfe Ahndung in dem Gedächtniß heimgeblieben.

Die Welt, mit allen ihren Theilen, sagte er ferner, sey — nicht für das höchste Wesen, denn dieses bedarf keiner Schule, keiner elenden Sinnenlust für sich, sondern — für ihn erschaffen. Alle Gegenstände, ausser ihm, wären nur Erscheinungen, und für ihn da, um seinen Verstand daran zu üben. Diese vergänglichen Erscheinungen — welche bei seinen Uebergang in eine höhere Schule auf immer verschwinden, wie die belustigenden Bilder einer Laterna magica, nachdem sie nicht mehr nöthig sind — wären ein Spiel der Nothwendigkeit, nach dem Plan des höchsten Wesens, zu seiner Bildung; es habe daher eigentlich nichts einer wirklichen Freiheit sich zu rühmen — Tugend und Laster, Ehr’ und Schande sehen nichts als Begriffe, an deren Bearbeitung und Pflegung sein Ich nichts, als mehr subjektive Fertigkeit des Denkvermögens in ihm, gewönne. Die Begebenheiten der Vorwelt seyen nicht wirklich geschehn, sondern gehörten mit zu dem Schein, zu den Bildern, welche zur Veredlung seines Ichs aufgestellt, und in andern Mittelwesen eingepflanzt wären, um sie ihm vorzuhalten. — Der Zweck seines Daseyns sey daher, nicht etwa zu arbeiten und mit dem ihm umgebenden Schein sich, als mit Realitäten, einzulassen, sondern nur in contemplativer Ruhe das für ihn aufgeführte Schauspiel zu betrachten, und darüber weiter nachzugrübeln. — Was man ihm vom Tode sagte, sey nichts anders, als ein Wink, welchen ihm das höchste Wesen geben wolle über den Hintritt in eine andre Schule. Der Tod, oder die Vernichtung des gegenwärtigen Schauspiels, sey daher nichts weniger, als furchtbar, sondern ihm willkommen. Er müßte aber geduldig warten, bis ihn das große Weltwesen abrufen würde, mittelbar oder unmittelbar. — Die Schmerzen und Einschränkungen, die er in seiner gegenwärtigen Lage zu erdulden habe, müßten mit in den großen, für ihn izt noch unbegreiflichen Plan des ersten Urhebers der Dinge liegen, sonst begriffe er nicht, wie er dazu käme, noch wozu sie ihm nüzten. Die Anstalten, welche man getroffen habe, ihn von seinen Ideen zurückzubringen, seyen von seinem Erzieher angeordnet, ihn darin fester zu machen, weil er dadurch Gelegenheit gewönne, noch mehr über die Täuschung und den Schein der Dinge nachzudenken, und seine Kraft beim Widerstande zu üben.