Stellte man diesem Philosophen vor, was aus der menschlichen Gesellschaft werden würde, wenn jeder einen ähnlichen Egoismus in sich nährte, so antwortete er: die mir scheinbar ähnlichen Gestalten hängen so wenig von ihrer, als meiner Willkühr ab; sie müssen sich so bewegen, so handeln, so zu wollen scheinen, als es dem Plan des höchsten Bildners entsprechend ist. Sie können folglich nichts, können auch nicht einmal wollen.

Duur fragte ihn: „womit er sich denn bewiese, daß alles ausser ihm nur Spiel und Schein, er allein nur das Lieblingswesen des höchsten Urhebers sey? — und womit er diesen ausschliessenden Vorzug verdient habe?“

„Womit ichs verdient habe?“ antwortete der Philosoph: „da müßtest Du nicht mich, sondern das höchste Wesen fragen, wenn Du könntest. Ich bin ohne Verdienst; es ist aber nun so der Wille des grossen Weltwesens, mein Ich zu schaffen und zu bilden. — Womit ich beweise daß außer mir nur alles Spiel und Schein sey? — Dies sagt mir erstlich mein innres, vom Weltwesen mir gegebnes, leitendes Gefühl, zweitens weil ich wirklich von der Außenwelt auch durchaus nichts anders weiß, als daß sie eine Reihe vorübergehnder Erscheinungen sey, die sich auf mich bezieht. Noch hat mir das Gegentheil keiner bewiesen.“

„Warum aber sollte das Urwesen sich nur einen Liebling geschaffen haben, warum nicht mehrere glücklich machen wollen?“

„Warum sollte das Urwesen mehrere Lieblinge sich erkoren, und nicht an einem sich begnügt haben?“

„Stimmt jenes nicht harmonischer mit dem großen Ideal, welches der menschliche Geist sich von der Gottheit entwerfen muß?“

„Freilich muß! — Du kannst nicht anders, als so denken, wie Du denkest. Hast Du aber Deines Ideales reelles Objekt jemals kennen gelernt? Hast Du dem verborgnen Weltwesen in den ewigen, willkührlichen Plan geschaut?“ —

Bei diesen Worten wandte sich der Philosoph mit vieler Ruhe und Selbstzufriedenheit von dem Frager ab, wahrscheinlich, um über diese Unterredung weiter zu speculiren.

Duur konnte sich einer Verwundrung über die sonderbare Mischung von Scharfsinn und Narrheit nicht erwehren.

„O,“ rief Josselin lächelnd: „wundre Dich nicht. Es giebt der philosophischen Narren in Deutschland heuer so viele, daß nicht diese Jammerburg, und wäre sie dreimal größer, sie beherbergen könnte, wenn sie versammelt würden. Aber man läßt sie frei unter den Menschen umherwandern, wohl gar von den Cathedern predigen, weil sie zum Glück ihre Theorien nicht im gemeinen Leben anwendbar machen.“