„Sie haben recht,“ sagte der Aufseher, indem er ein andres Gemach eröffnete: „auch dieser Mensch hier hat in der Theorie noch viele seines Gleichen. Er ist ein theologischer Narr, dem die Schriften des Bischofs von Hippo den Kopf verrückt haben. Er glaubt und, lehrt, daß Gott, ohne Rücksicht auf die Handlungen der Menschen, einen Theil der Erdbürger zur ewigen Lust, den andern zur ewigen Quaal verdammt habe, und eben darum nahm ers sich nicht übel, seinen einzigen Sohn tödtlich zu verwunden, weil dieser das Gegentheil behauptet hatte.“

Duur seufzte: „treibt das Augustinische Gespenst auch noch im drei und zwanzigsten Jahrhundert seine Spuckerei?“

„Weißt Du nicht, daß von tiefen Wunden wenigstens tiefe Narben bleiben?“ entgegnete Josselin.

„O!“ fuhr dieser fort, als sie nach einigen Stunden die Jammerburg wieder verlassen, und noch immer die grausenhaften Bilder des Elendes vor der Seele schweben hatten: „wo bleibt hier des Menschen schönste Hoffnung, sein seligmachender Traum von Hoheit und Majestät der menschlichen Natur? — Worin gründet sich diese Majestät, oder der Traum von ihr? — gewißlich leider in unsre Unwissenheit über uns selbst, wo Eitelkeit und Phantasie das liebliche Lustschloß hinbauten, ohne den Boden zu prüfen! — Elend und gebrechlich erscheinen wir in der Welt, oft ohne Absicht unsrer Urheber. Wer dachte an uns in der fröhlichen Stunde, darin wir gezeugt wurden, wo nicht wir, sondern die Stillung eines wilden Nervenkützels lezter Zweck war? — daß wir erschienen, war die Folge einer Tändelei, wozu ein Gläschen Weins, Einsamkeit und Ohngefähr das Signal gaben.“

„Eben so gehn wir hinaus aus der Welt, und bleiben uns am Ende der kurzen und mühseligen Laufbahn selbst die Antwort zur Frage schuldig: wozu waren wir da? — Wir kamen, ohne unsern Willen, und müssen davon, ohne daß wirs wünschen. Wir haben im Leben kein Auge für den Tod; er wandelt uns immer zur Seite. Wir trinken seinen Gift aus Weinkelchen und Arzeneigläsern; im frohsten Tanze springt unsichtbar der Würger mit.“

„Das Beste hoffen wir freilich von unsrer unsterblichen Seele und ihrer Fortdauer in andern Welten. Aber es ist traurig, daß von den Gegenden jenseits des Grabes immer nur diejenigen erzählten, schrieben und, schwärmten, welche das goldne Eldorado selbst nur erst aus Büchern kannten. Niemand, welcher dahin wanderte, drehte sein Angesicht zu uns zurück und rief: Land! Land!“ —

„Wir schmeicheln uns unnennbare Vollkommenheiten vor, welche drüben das Eigenthum den Geistes werden sollen. Die gutwillige Einbildungskraft leiht zu dem Gemälde ihre schönsten Farben her, und unsre Philosophie behauptet mit weisem Ernst: Vervollkommnerung ist das hohe Ziel unsers Daseyns!“ —

„Aber wenn wir nun schon auf Erden abfallen sehn, nach einem gewissen Zeitpunkte, die Blüten und Früchte der Vollkommenheit? wenn wir nun sehn, wie der gereifte Mann allmählig wieder zum welken Greise abstirbt, und mit dem Körper zugleich der Geist? — Wenn wir den Mann, welcher die höchste Ausbildung in sich trug, der die Sterne und ihre Bahnen maß, die Wunder der Natur entschleierte, oder Welttheilen Gesetze schrieb, wenn wir ihn in einem Alter von siebzig, achtzig Jahren wieder entkleidet finden von seinen Vollkommenheiten, und sehn ihn wieder kindisch mit seinen Windeln spielen? — was sagen wir da? was sollen wir dann noch hoffen? Wohl dem, der dann die Augen wegdrehen kann; wehe dem, der mit dumpfen Erstaunen das Bild der Vergänglichkeit durchforscht!“

„Welch ein Bewandniß muß es mit unserm unsterblichen, zur ewigen Vervollkommnerung berufnen Geist haben, wenn eine Zerschellung des Hirnschädels seine Systeme zerrütten, sein Gedächtniß verwüsten, seine Einbildungskraft verwirren, seinen Verstand zertrümmern kann? Tödte einen Nerven in Deinem Hinterhaupte, wo man der unsterblichen Seele die Residenz anweiset, und Du tödtest mit dem Nerven eine Million Vorstellungen zugleich! — Wenn einst dieser Nerven Spiel erstarrt, und ihre Organisation im Grabe von der Fäulniß verwüstet liegt, wird dann noch dem mörderischen Arm der Verwesung etwas entrinnen, was einer Vorstellung ähnlich sieht? — Wird dann noch entfliehn, das was bis dahin in uns Kraft hieß? Wenn der Baum, welcher einst lachende Früchte trug, so lang er mit seinen Wurzeln unter der Erde sog, dieser Erde entrissen ist, hat er dann noch die Kraft zum Blütetreiben und Fruchtbringen?“

„Ach, Duur, lieber Duur, was ist der Mensch?“