„Gefallen hatte gewiß niemand daran.“

„Desto schlimmer. Der Tod war für den Verbrecher genug, und hart genug. Ob sein Leichnam nachher von den Vögeln des Himmels beschmaußt, zum Ekel und Entsetzen aller Vorübergehnden dalag, oder unter der Erde verborgen ruhte, konnte ihm gleichviel gelten. Nach dem Tode sind uns Ehrensäulen und Schandpfähle gleich theuer. — Dies weiß jeder, auch jeder Bösewicht wußte es, so gut, wie ein andrer. Die ekelhafte Ansicht war folglich ganz zwecklos. Ja, die Erfahrung hat es gelehrt, daß, so wie ehmals in Italien, wo die Statthalter Christi unaufhörlich fulminirten, die meisten Freigeister lebten, eben so auch in denjenigen Staaten die meisten Verbrechen begangen wurden, wo Galgen und Rad am gewöhnlichsten waren.“

„Daran hatten Galgen und Rad wenigstens die geringste Schuld.“

„Und ich möchte sagen: die meiste. Ein Volk muß noch sehr verwildert seyn, wenn die Glieder desselben dass Landesgesetz nur aus Furcht vor Rad und Galgen respektiren. Je seltner überhaupt die Todesstrafe in einem Lande wird, jemehr kann man darauf rechnen, daß der Geist der Nation veredelter und die Gesetzgebung vernünftiger geworden seh. Wenn endlich die Todesstrafen sich ganz verlieren im Codex des Criminalwesens; wenn der Staat mehr dahinstrebt das Volk zur Tugend selbst hinzulenken statt es nur von Lastern abzuhalten, so hat die Gesetzgebung sich dort den lezten und herrlichsten Lorbeer gepflückt.“

„Ich verstehe Dich nicht ganz.“

„Daran hat vielleicht nur die Dir vom achtzehnten Jahrhundert eigenthümlich gewordne Denkart schuld. Ich will mich aber deutlicher erklären und Dir bei dieser Gelegenheit zeigen, wie weit wir wirklich das philosophische Jahrhundert hinter uns zurückgelassen haben.“

„Zu Deiner Zeit bildete man sich etwas Großes darauf ein, daß die Foltern abgeschaft wurden, nannte sie eine Erfindung der Barbarei und Grausamkeit, fand es übrigens gar nicht anstössig, an den öffentlichen Landstrassen stinkende Menschenkörper auf dem Rade geflochten zu sehn; fand es nicht anstössig, wenn Kindermörderinnen und andere Verbrecher, die den Gang ihres Verbrechens selten in kalter Ueberlegung entwarfen und vollendeten, sondern entweder in betäubender Verzweiflung oder verdorbner Erziehung sündigten, kurz und bündig vom Leben zum Tode gebracht wurden.“

„Jezt kennt man die Folter nur den Namen nach, und mit dem Tode wird nur der bestraft, dessen Leben nothwendig mit der Ruhe und dem Glücke der menschlichen Gesellschaft im Zweikampf stehen müßte. Die härteste Strafe ist eine ewige Beraubung der Freiheit; sie ist härter, als der Tod selbst; eben darum schrecklicher, als er. Der Feind des öffentlichen Wohls wird dann gezwungen, den Schaden, welchen er stiftete, auf einge Art wieder zu vergüten.“

„Der Tod ist für manchen Bösewicht ein wünschenswerthes Gut; besonders wenn er so gegeben wird, wie ehmals, da noch Priester den Delinquenten zur Schädelstätt begleiteten, und seine Phantasie mit angenehmen Bildern von den nahen Freuden der Ewigkeit erhizten, um ihm die Schauer des Todes minder empfindlich zu machen. Folglich war der Tod kaum einmal eigentliche Strafe des Sünders, und durch den Verlust seines Lebens ersprang dem gemeinen Wesen wenig Heil.“

„Man begnügte sich in Deinem Zeitalter überhaupt nur die negativen Zwecke der Staatsverbindungen zu erfüllen; man dachte nicht daran, ein glückliches, sondern nur ein ruhiges, gesichertes Volk, nicht aufgeklärte Bürger, sondern nur keine Wilden; nicht Edle und Tugendhafte, sondern nur keine Bösewichte zu haben.“