„Die Gesetzbücher Deiner Zeit prangen daher gewöhnlich mit Galgen und Rad, Schwerd und Scheiterhaufen; sie drohen überall, verheissen aber nirgends.“

„In unsern Tagen sind im Gefolge der Gesetze nicht nur die öffentlichen Strafen für den Uebertreter, sondern auch die öffentlichen Belohnungen für den Erfüller. Unsre Bürger werden weit mehr zur Umarmung der Tugend gelockt, als vom Verbrechen zurückgeschreckt. Und es kömmt darauf an, in welcher Schule die besten Kinder gezogen werden? Da, wo die Ruthe ewiglich herrscht, oder wo am Ziel eine schönvergeltende Palme weht?“

Duur starrte verwundert, mit freudiger Seele, den Mann dieses Jahrhunderts an.

„Ich schwöre Dirs!“ rief er: „ich schwöre Dirs, Josselin, so weit strebte die Kühnheit unsrer verwegensten Politiker nicht; ich schwöre Dirs, daß solch ein großer Gedanke durch die Seele der wenigsten gegangen ist — daß man im achtzehnten Jahrhundert noch an der Möglichkeit verzweifelte, ob ein Staat jemals zu solch einer idealischen Höhe der Cultur gehoben werden könne. — Ja, ich bekenne es nun gern, ich habe gelebt unter Barbaren, für welche das Gesetz nur Zuchtruthen, aber keine Palmen hatte; die menschliche Gesellschaft erscheint mir von jenen Zeiten wie ein zusammengetriebener Haufe wilder Thiere, welcher nur gezähmt werden sollte, aber nicht beglückt.“

„Du bist schon wieder hoch entzückt, und doch seh ich überall keine durchgreifende Ursachen. Verdient es denn unser Entzücken, nicht unter wilden Bestien zu wohnen, verdient es unsre Freudenthräne, wenn die Menschen endlich sich selber ähnlicher werden, oder geworden sind?“

„Diese Vorwürfe sind Dein Ernst nicht, Josselin. Gedenke der Menschheit, was sie war vor einem halben Jahrtausend, wie sie damals noch schmachtete in ihrer Knechtschaft, und zitterte unter der Ruthe des Gesetzes, und gedenke ihrer izt, wo sie wahrhaftig frei ist, selbst in den souverainesten Monarchien! — Ich müßte ohne Gefühl seyn, wenn ich hier kalt bliebe. Ach, Gott! an Belohnung des guten Bürgers, des ausgezeichneten Biedermanns dachte man selten — zum Gefängniß und zum Schaffot schickte man öfters; die Obern fragten nicht nach der Tugend und Aufklärung ihrer Unterthanen, sondern nach deren Gehorsam und richtigen Abgaben nur. Die Hirten schüzten ihre Heerden und führten sie nur darum auf gute Weiden, um bessere Wolle scheeren zu können. Die genaue Verschwisterung der Politik und Moral waren Dichterschwärmereien, und izt? — — —“

„Nun ja, wir haben die Knechtschaft verloren, und den Geist der Kindschaft empfangen. Was sonst die Ruthe bewirkte, wirkt izt das vorgehaltne Zuckerplätzchen. Es ist nichts mehr, als eine Vertauschung der Mittel in der Erziehung. Aber Männer sind wir noch nicht, die die Tugend lieben, nicht aus Furcht vor der Strafe, nicht aus Lust zur Belohnung, sondern um ihres eignen Werths, den sie für die Vernunft besizt.“

„O, Josselin, es ist noch eine große Frage: ob wir Menschen in dieser Welt jemals mehr werden können, denn gute Kinder; ob wir jemals in dieser Schule männlichen Geist empfahen können?“

Zwölftes Kapitel.
Die Heimath.

„Wo nun?“ fragte Josselin nach einigen Tagen, als sie die Gegenden erreicht hatten, wohin Florentin seufzte, da wo er die Tage seiner Kindheit einst so glücklich verlebte.