„Ich kenne diese Gegend nicht mehr;“ antwortete Florentin: „Aber nun hinauf auf diesen Hügel, den ein kleiner Fichtenwald bedeckt. Einst stand dieser Wald nicht, sondern auf dem Gipfel ragte einsam ein einziger Baum nur empor. — Das ist nun so alles anders worden, und ich kenne meine Heimath nicht wieder.“

Sie klimmten den Hügel hinan. Wehmuthsvoll stand der Sohn der Vorwelt da, im Strahl der Abendsonne, und sah hinab auf die veränderte Bühne seiner Kinderzeiten. Er stand da, sprachlos und unbeweglich; große Thränen perlten ihm über die Wangen.

„Hier ists!“ rief er: „hier ists! — ich erkenne diesen Hügel, diese Landschaft wieder an matten Aehnlichkeiten mit der Vergangenheit; auch der Greis behält ja noch manchen Zug von dem Kindheitsalter, wenn er gleich schärfer und fester worden. Dies ist der Hügel, ich kenne ihn, wo ich mit Rikchen oft gesessen, und mich der schönen Aussicht freute; hier lasen wir so gern unsern Geßner, unsern Ossian und wiegte uns ein in schöne Träume unser Wieland. — Hier unten ist der kleine Bach, auf welchem ich so manche Flotte von Papier und Eichenrinde seegeln ließ und scheitern sah. — Ach alles, alles ist nun anders worden! Wo ist das Dorf geblieben, wo das väterliche Schloß von Ulmen umringt? — Dort drüben ist die Stätte, und — sie ist leer!“ —

Sie stiegen schweigend den Hügel von der andern Seit’ hinab; sie wandelten am krummen Bach entlang; sie sahn umher und suchten noch die Spuren der Vergangenheit, und fanden endlich hinter wuchernden Gesträuchen einige Ruinen vom ehemaligen Duurschen Schlosse, izt fast der Erde gleich.

Florentin konnte izt sich nicht ermannen; er weinte wie ein Kind, und stürzte nieder und küßte das kalte Gestein, die lezten Reste der väterlichen Burg.

„Mein Oheim! — o mein Rikchen!“ schluchzte er: „so ists vorüber, alles nun vorüber! — Eure Asche ist verweht, verweset euer Name im Gedächtniß der Lebendigen, verwittert eure Wohnung. Ach, und ihr waret doch so gut, — so gut! wir waren alle einst so glücklich!“

Josselin wurde durch seines Freundes bittre Wehmuth zum Mitgefühl gestimmt: — „die Welt ist ein Theater nur; ein jeder Akt hat andre Decorationen, andre Spieler, und das Vergangene läßt keine Spur; — Wir spielen noch und gehen ab, und wissen nicht, warum wir spielen mußten? — Was haben wir zulezt von unserm Seyn gerettet? Unsterblichkeit des Namens? — Das ist noch weniger, als der Schatten unsers Ichs. Fürwahr der Nachruhm ists nicht werth, daß man ihm für Jahrtausende auch eine einzige Lebenslust nur opferte.“

„Hier steh ich nun zum leztenmal!“ rief Duur: „ach wär’ es auch die lezte Thräne, die ich dir nachweinte, heilige Vergangenheit! — Auch ich werde bald meine Rolle auf diesem Theater zu Ende gespielt haben; bald wird mein Vorhang fallen — o Gott! o Gott! was bin ich dann gewesen? wofür hab’ ich die tausend Thränen dann geweint? wofür so viele Leiden, so manchen namenlosen Schmerz getragen?“ —

Die Sonne sank unter. In ihrem röthlichen Wiederschein glänzten noch die Wipfel der Gebüsche, aus welchem die Finsterniß der Nacht hervorschlich.

„Jezt hin zur neuen Heimath, Florentin!“ sagte Josselin nach einem langen Stillschweigen: „hin auf Idalla’s schöner Insel, wo in sel’gem Frieden wir unser Leben schliessen wollen. Sey doch der Zweck unsers Hierseyns auf Erden, welcher er wolle; mag jenseits des Grabes die abgestorbne Blume unsers Ichs von neuem aufblühn, oder mit Saat und Wurzel auf ewig verwesen, so wollen wir uns nicht muthlos machen lassen; Leben wollen wir, als würde jenseits nichts mehr seyn; und sterben, als hätten wir das Beste noch von drüben zu erwarten.“