„Das wird mir immer wahrscheinlicher!“ sezte Holder muthwillig hinzu, indem er sich in Idallens großen blauen Augen spiegelte, die ihn so liebevoll anblickten.

„Erzähle Du weiter, armer Florentin!“ sagte Idalla, und faltete ihre Hand in Holders Hand.

„Indem ich,“ fuhr Florentin erzählend fort: „versteinert dastand, und die beiden prachtvoll ausgeschmückten Kähne mit der waldigten Wildniß zu paaren suchte, flüsterten die Zweige eines nahen Wacholdergebüsches neben mir. Ich wandte meine Augen dahin, und, o Gott, wie wurde mir, als ich — Louisen vor mir stehn sah!“ —

„Sie bebte vor mir zurück — ich vor ihr. Wir starrten uns lange an — ich fand sie schöner, als ich sie je gesehn hatte — ich wollte sprechen, wollte ihr Vorwürfe machen — meine Lippen bewegten sich, aber die Worte erstarben in ihrem Werben.“ —

„Unwillkührlich fühlt’ ich mich zu ihr hingezogen, zu ihr, die wie eine Gottheit da vor mir stand. Ich wähnte ihren Geist zu erblicken, sank zu ihren Füßen nieder, umarmte die Kniee eines irrdischen Weibes, die Kniee meiner Louise! — Schreck, Hoffnung, Entzücken, alles umfing mich mit gränzenloser Kraft; meine Vorstellungen wurden dunkel, die Welt verschmolz vor meinen Sinnen in Nichts — ich ward ohnmächtig!“

„Gott im Himmel!“ rief die weichgeschaffne Idalla: „was ist das!“

„O, wär’ ich so vernichtet, so ganz ausgestrichen geblieben aus der Liste der Schöpfung, ich wäre vielleicht glücklicher! — — Aber ich erwachte — wie — von einem Kusse. Ich schlug die Augen auf. Louise kniete neben mir auf dem Erdboden, sie schien sich mit mir beschäftigt zu haben. — Ihr Auge sprach etwas, das — ach, wer hat Worte dafür?“ —

„Und plötzlich entstand ein Geräusch im Walde von Männerstimmen. Es drang immer näher. Louise drückte mir die Hand, sah mich noch einmal an, und lief zum nächsten Kahn. Es liessen sich verschiedne Männer sehn, die sich in die beiden Kähne vertheilten. Sie sprachen heftig unter einander, aber ich verstand sie nicht. — Plötzlich schwollen die Kähne von allen Seiten auf, und vergrößerten sich in einigen Minuten ungeheuer; in eben den Augenblicken stiegen sie in die Luft empor und mit Vogelschnelle schwammen sie über den Wipfeln der höchsten Bäume hin — und verschwanden meinem Gesicht.“

„Noch immer lag ich auf dem Erdboden; meine Augen starrten auf den Luftpunkt hin, in welchem mir Louise entflog. — Hier lag ich im dumpfen Hinbrüten, ich empfand vieles und nichts, ich dachte an Louisens lezten Blick, an ihren lezten Händedruck; So übereilte mich der Abend, und ich konnte mich nicht trennen von dem Orte, an welchem Louise mir erschienen war. Ich sah das Laub des Waldes, die Wolken des Himmels verrinnen ins nächtliche Schwarz, allein ich blieb, wo ich war. Ein leichter Schlummer erquickte mich; er war mir wohlthätig.“

„Ich erwachte eher, als die Sonne. Ich dachte an das Gestrige, und mir wars, wie Rückerinnrung an einen Traum. Louise kam nicht heim; vergebens erwartete ich sie. Ich stand auf und begab mich, in düstre Melancholien verloren, hieher zurück. — Unterwegs ward ich des Mannes gewahr, der mich um Gotteswillen bat, ihn im Walde zurechtzuweisen. Ich winkte ihm, mir nachzufolgen. Er wollte mir mit seinem Gewäsche die Zeit vertreiben, ich hörte nicht auf ihn.“ —