Achtes Kapitel.
Louisens Erscheinung.

Idalla zündete die Lampe an; sie und ihr Liebling nahmen den Schwärmer in die Mitte, der endlich ihre Neugier stillte und seine Erzählung begann:

„Gestern verließ ich Euch; ich war etwas düster; Gott weiß, was ich dachte, was ich empfand. — Ich war noch keine Stunde umhergetrabt, als ich mich mißvergnügt unter einem Baum niederwarf, und mich in die Tage der Vorwelt heimträumte. — Ist er nicht wunderbar zusammengesponnen der Traum meines Lebens, dacht’ ich.“

„Ich war ein Kind, und war glücklich. Ich blühte zum Jüngling auf, und hoffte auf einstige Seligkeiten! — Ich wurde ein Mann, und — war unglücklich. Louise machte mich unglücklich, oder vielmehr ich mich selber. Dem Tode nahe, wurd’ ich errettet. Ich war der Verzweiflung nahe, und die Hand der schwarzen Brüder führte mich von dem Abgrunde hinweg, über dessen Tiefen ich schwebte, Ich suchte Ruhe, suchte Zerstreuung, und befreite Kanella mit Lebensgefahr. Lorbeern erndtete ich, aber keine Ruhe des Herzens. Meine Wünsche, meinen Lohn, welchen ich mir ersah, konnte mir des schwarzen Bundes Allgewalt nicht verleihen. Das Schicksal kämpfte wider mich mit eiserner Faust. Ich war elend, schmachtete nach einem bessern Leben — die schwarzen Brüder wollten mich belohnen und ertheilten wir zum Geschenk — ein andres Jahrhundert.“ —

„Ich bin noch nicht glücklich, dacht’ ich weiter. Und woher meine Unzufriedenheit? wohinaus will dies unaufhörliche Sehnen? — Ich wollte in mein Innres hinunterschaun, und fand — und fand die Phantasie mir Louisens Bildniß vorhaltend.“ —

„Also dahin willst du? Unmöglichkeit ist dein Ziel? — o, rief ich mir selber zu, so unmöglich ist denn auch dein Glück hienieden! — Verdammt sey der Schlaftrunk, der mich um den Rest des Zeitalters plünderte, in welchem noch eine Louise wohnte. Verdammt sey die Stunde, in welcher ich den ungeheuren Riesensprung in der Zeit wagte, welcher eine Ewigkeit zwischen mir und Louisen wälzte. — So dacht ich. In dem Augenblick rauschte etwas hinter mir auf; mein Pudel bellte — dies erweckte mich. Ich sah mich um; eine Hündin sprang neben mir vorbei. — Ich fuhr auf, verfolgte das Thier, welches vielleicht noch von keinem Jäger verfolgt worden war, denn es blieb oft stehn und neckte mich immer weiter.“ —

„Du sollst mein werden! rief ich und dachte an Louisen: Du sollst mein werden, denn uns scheidet noch nicht die unüberspringliche Kluft von Jahrhunderten! — ich verfolgte das Thier Stundenlang und erreichte es nie!“

„Der Mittag mochte noch nicht vorüber sehn, als ich, von der fatalen Hündin verführt, ziemlich entfernt von dieser Gegend, mich mit einemmale aus des Waldes Dunkel in einen grünen, zirkelförmigen Platz stürzte, in dessen Mitte zwei niedliche mit Wimpeln und Segeln versehne Kähne auf trocknem Boden standen!“

„Ich blieb stehn. Ich wähnte in der Feenwelt zu wohnen. — Die Hündin entwischte, ich dachte nicht mehr an sie.“

„Nun, bei Gott!“ sagte Holder: „läßt sich doch Deine Erzählung so drolligt an, wie irgend ein Märchen aus Gallands Tausend und einer Nacht. — Zulezt glaub ich gar, die Weltbegebenheiten laufen aus und repetiren sich, wie ein Uhrwerk. — Wir leben und weben wieder in den Tagen, die Wieland und Ariost so schön besangen.“